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Der Kriminalfall »Ötzi«

Kategorie: Forschung
10.10.2011 -   TJ

Die Pfeilspitze, die mit größter Wahrscheinlichkeit zum Tode des Eismannes geführt hat, wurde im Süden hergestellt. Ein aktueller Materialvergleich zeigt allerdings, das solche Pfeilspitzen vereinzelt auch im nördlichen Alpengebiet auftauchen.

Silexpfeilspitze aus Ainring, Oberbayern, 2,8 cm lang. Die Spitze gleicht in Größe und Form, der Spitze im Rücken des Eismannes © Alexander Binsteiner

Silexpfeilspitze aus Ainring, Oberbayern, 2,8 cm lang. Die Spitze gleicht in Größe und Form, der Spitze im Rücken des Eismannes © Alexander Binsteiner

Bei der tödliche Pfeilspitze, deren Entnahme der Südtiroler Landeshauptmann untersagt, gibt es sehr genaue Röntgen und Computertomographie-Aufnahmen.Es handelt es sich um eine 2,8 Zentimeter große, flächenretuschierte Spitze, die an der Basis einen Schäftungsdorn aufweist. Diese Art von Pfeilspitzen ist in der kupferzeitlichen Remedello-Kultur in Oberitalien verbreitet. Das Rohmaterial ist mit größter Wahrscheinlichkeit der bekannte Feuerstein der Monti Lessini in der Prov. Verona, aus dem auch die sechs Feuersteingeräte des Eismannes gefertigt wurden.

Die von Alexander Binsteiner kürzlich abgeschlossene Materialaufnahme mehrerer tausend Pfeilspitzen aus kupferzeitlichen Fundstätten und Siedlungen (3400-3300 v. Chr.) im nördlichen Alpenraum zeigt recht deutlich, dass sämtliche Spitzen eine gerade bzw. konkav eingezogene Basis haben, ohne »Schäftungsdorn«. Bis auf momentan zwei Ausnahmen: eine gestielte Pfeilspitze in der Pfahlbausiedlung von Seewalchen am Attersee, die eindeutig der oberitalischen Remedello-Kultur entstammt und eine gestielte Spitze aus der Höhensiedlung am Auhögl bei Ainring im Berchtesgadener Land, die in die zeitgleiche Altheimer- und Mondsee-Kultur datiert. Beide Pfeilspitzen sind aus dem oben genannten Lessinischem Feuerstein hergestellt und somit eindeutig Importe aus dem Süden.

Offenbar waren in den Siedlungen des nördlichen Alpenvorlandes vereinzelt also auch aus dem Süden importierte Pfeilspitzen im Gebrauch. Wenn der »Täter« einen dieser Pfeile verwendet hat, kann er also auch aus dem Norden stammen. Das erweitert jetzt neuerdings den Täterkreis im Fall Ötzi.

Was genau nun am Alpenpass geschehen ist, wird man auch in Zukunft nur mutmaßen können. Doch Alexander Binsteiner und weitere Fachkollegen favorisieren mittlerweile die Theorie, dass der »Eismann« Teilnehmer eines Handelszuges war. Ein deutliches Indiz hierfür ist das Kupfer-Beil, dessen Form der südalpinen Remedello-Kultur entspringt, dessen Kupfer (sog. Mondsee-Kupfer) allerdings aus nordalpinen Lagerstätten stammt. Der bei einem Raubüberfall auf den Handelszug getötete »Eismann«, wäre dann von seinen Kameraden unter freiem Himmel regulär mit Beigaben bestattet worden. Eine plausible Erklärung, warum gerade das sehr wertvolle Kupferbeil als Zeichen der Wertschätzung bei der Leiche zurückgelassen wurde.

Kommentare

Anton (Tony) Lennartz, 15.10.2011 05:56
In den bisherigen Darstellungen vermisse ich die offensichtliche Widmung der Pfeilspitze, dabei ist diese für die Leser mindestens so interessant wie die beschriebene regionale Zuordnung.
Frühere Pfeilspitzen unterteile ich in zwei Kategorien, nämlich in jagdliche –und in kriegerische Pfeilspitzen.
Die Grundform der jagdlichen Spitze ist blatt – oder routenförmig, jegliche Art von Widerhaken wird vermieden, um somit den Pfeil mit Leichtigkeit aus der erlegten Beute zu ziehen, um somit eine mehrfache Verwendung zu ermöglichen.
Pfeilspitzen mit kriegerischer Widmung sind dagegen mit ausgeprägten spitzwinkeligen Schenkeln versehen, wodurch die Wirksamkeit von Widerhaken erreicht wurde. Damit sollte der Pfeil oder zumindest dessen Spitze nicht mehr aus dem Körper des Opfers zu entfernen sein und somit auch dann zu dessen Tod führen (z.B. durch Infektion), wenn keine lebenswichtigen Organe getroffen wurden.
Damit dürfte die grundsätzliche Kategorisierung der hier gezeigten Pfeilspitze offenkundig sein.

Besten Gruß,

Anton (Tony) Lennartz
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Dr. Eugen Scherer, 11.11.2011 19:48
Das Pfeilspitzenargument ist legitim, auch wenn z.B. die
magyarische Pfeilspitze des 10. Jhdts. rautenförmig war, ohne Widerhaken. Zum Überfall: Wenn es einen Kampf gab, gab es dann keine sonstigen Opfer, Kampfspuren oder Körperreste ? Bei aller Sympathie für phantasievolle Theorien zur Konfliktursache : Es kann alles gewesen sein. Auch der Schwager, weil Ötzi seine Schwester verlassen hatte,ein feindlich gesinnter Stamm, jemand, dem er etwas in einer Notsituation entrissen hat. Ein Raubüberfall hätte irgendetwas von Wert zur Voraussetzung gehabt, das Ötzi bei sich trug. Vielleicht sogar das erlegte Wild, dessen Fleisch er gegessen hat. Vielleicht ein Halbedelstein, von denen es ja dort viele gibt. Wir werden es nie wissen. Wichtig war, dass er gefunden wurde, nicht nur für Archäologen, auch für Ethnologen, Medizinhistoriker, Realienforscher und viele andere Disziplinen. Er war ein früher Europäer, der uns viel erzählen kann.
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