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Das Geheimnis der 22 Öllampen

Kategorie: Ausgrabungen, Funde & Befunde
18.11.2016 -   Kantonsarchäologie Aargau / AB

Rätselhafter Fund in Windisch beschäftigt Archäologen

Ein römischer Kochtopf, randvoll gefüllt mit Öllampen und Münzen, der vor rund 2.000 Jahren unmittelbar ausserhalb des Legionslagers Vindonissa vergraben wurde, gibt den Archäologen des schweizerischen Kantons Aargau Rätsel auf.

Außergewöhnlicher Fund: Ein römischer Kochtopf randvoll gefüllt mit Lampen und Münzen. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau, Bela Polyvas

Außergewöhnlicher Fund: Ein römischer Kochtopf randvoll gefüllt mit Lampen und Münzen. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau, Bela Polyvas

Detailaufnahme des Lampendepots. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau, Bela Polyvas

Detailaufnahme des Lampendepots. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau, Bela Polyvas

Eine Zeichnerin dokumentiert die Deponierung noch vor Ort im Boden. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau

Eine Zeichnerin dokumentiert die Deponierung noch vor Ort im Boden. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau

Ein Ausgräber präpariert das Profil einer Latrinengrube. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau

Ein Ausgräber präpariert das Profil einer Latrinengrube. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau

Mannshohe römische Mauern wurden bei der Grabung an der Zürcherstrasse in Windisch freigelegt. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau

Mannshohe römische Mauern wurden bei der Grabung an der Zürcherstrasse in Windisch freigelegt. Foto: © Kantonsarchäologie Aargau

Nur wenige Handbreit unter dem Asphalt lag er: ein ganz normaler Kochtopf eines Legionärs. Doch sein Inhalt ist alles andere als gewöhnlich. Insgesamt 22 Öllampen waren in den Topf gelegt worden. Und auf jeder Lampe war sorgfältig eine Bronzemünze platziert. Ein besonderer Fund, den die Archäologen auf der Grabung an der Zürcherstrasse in Windisch im Schweizer Kanton Aargau machten. Dort soll im nächsten Jahr die Überbauung »Linde« entstehen: Wohnungen, Büro- und Gewerberäume sowie eine Tiefgarage. Deshalb untersuchte die Kantonsarchäologie das Bauareal vorgängig. Nun ist die zweite Ausgrabungskampagne abgeschlossen.

In den letzten Monaten legte das Grabungsteam die Überreste aus vier Jahrhunderten römischer Besiedlung frei. Mannshohe Steinmauern, Feuerstellen und einen tiefen gemauerten Schacht konnten die Archäologen dabei dokumentieren. Eine Überraschung war allerdings der Kochtopf mit dem ungewöhnlichen Inhalt. »Wir vermuten, dass es sich um eine rituelle Deponierung handelt«, sagte Kantonsarchäologe Georg Matter. Aber da es kaum vergleichbare Befunde gebe, sei dies spekulativ. »Welche Gedanken und Absichten hinter dieser Deponierung stecken, darüber können wir momentan nur rätseln«, sagte Matter weiter. Neben Lampen und Münzen liegen einige verkohlte Knochen im Topf. Erste Begutachtungen zeigen, dass es sich nicht um menschliche, sondern um Tierknochen handelt. So können die Archäologen ausschliessen, dass es sich um eine Graburne handelt. Denn auch in römischen Gräbern kommen häufig eine oder mehrere Öllampen vor. »Was uns jedoch erstaunt hat«, so Matter, »war die Menge und die Kombination von Münzen und Lampen.«

Ein Gladiator und ein Pfau

Tönerne Lampen waren zur Römerzeit ein gängiges Beleuchtungsmittel. Gefüllt mit Olivenöl, erhellten sie mit ihrem Licht die Räume. Wie heute war damals nicht nur die Funktion der Lampen, sondern auch das Design wichtig. Deshalb besitzen solche Lämpchen auf der Oberseite, dem sogenannten Spiegel, sehr oft bildliche Darstellungen. Es sind Rosetten, Menschen, Tiere und Darstellungen aus der Mythologie. Die 22 Lampen aus dem Kochtopf zeigen zum Beispiel die Mondgöttin Luna, einen besiegten Gladiator, einen Löwen, einen Pfau oder auch eine erotische Szene. Die beigegebenen Bronzemünzen sind sogenannte Asse, die römische Grundwährung in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus. Sie sind nur von geringem Wert — gezählt hat wohl die symbolische Geste. Die Münzen datieren grösstenteils aus den Jahren 66 bis 67. Dazu passt auch der Topf, der in dieser Zeit das typische Kochgefäss der in Vindonissa stationierten Soldaten war.

Vor den Befestigungsgräben südlich des Legionslagers verlief eine Strasse, an der sich eine zivile Siedlung anschloss — hier fand die Ausgrabung statt. Auch nachdem das Militär im Jahr 101 nach Christus abgezogen war, siedelten hier Menschen noch bis ins 3. und 4. Jahrhundert. Die Überbauung »Linde« wird diese Siedlungsspuren zwar zerstören. Durch die Ausgrabung konnten sie aber dokumentiert und so für der Nachwelt überliefert werden. In insgesamt drei Grabungskampagnen 2013, 2016 und 2017 grubt das Archäologenteam die römischen Funde unter Hochdruck aus. Während den Untersuchungen arbeiteten Kantonsarchäologie und Bauherrschaft Hand in Hand. Das Vorgehen und der Zeitplan wurden laufend gegenseitig abgestimmt, sodass keine unnötigen Verzögerungen entstanden. »Das Stammtisch-Klischee, dass die Archäologie Bauprojekte blockiert oder gar verhindert, hat wenig mit den Realitäten zu tun«, sagte Matter. Dies bestätigt auch eine dieses Jahr durchgeführte Zufriedenheitsumfrage mit privaten und öffentlichen Bauherrschaften, die mit der Kantonsarchäologie zu tun hatten. 93 Prozent der Befragten waren zufrieden bis sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit, 83 Prozent gaben an, das durch die Archäologie keine oder allenfalls kurze Verzögerungen entstanden.

Viele offene Fragen

Das Lampendepot ist zweifellos einer der bisherigen Höhepunkt der Ausgrabung. Genau wie jedes andere Fundstück gelangt der Topf in die Kantonsarchäologie. »Die Auswertung wird uns noch länger beschäftigen«, sagte Matter — länger, als die Ausgrabungen an der Zürcherstrasse andauern. Während die Bauherrschaft das Bauareal nächstes Jahr ohne Verzögerung wieder wird übernehmen können, bleiben den Archäologen viele offene Fragen. Diese versuchen Wissenschaftler in nächster Zeit zu beantworten. So begutachtet ein Münzexperte die Münzen, ein Archäozoologe die Knochen. Die Lampen selbst sind bereits fotografiert und katalogisiert. Die kommenden Monate werden zeigen, welche Informationen dem geheimnisvollen Fund noch entlockt werden können.