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"Baumleiche" in Salzkotten entpuppt sich als wertvoller Zeitzeuge

Kategorie: Funde & Befunde
26.06.2015 -   LWL / AB

Eigentlich sollte nur ein störendes Holzstück aus den Feuchtwiesen bei Salzkotten-Scharmede beseitigt und vorsichtshalber im Vorfeld untersucht werden. Dass sich das Holz als »Baumleiche«, 1.500 Jahre alt und als historischer Zeuge von großem Wert herausstellte, überraschte nicht nur die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), sondern auch weitere Fachwissenschaftler und den Eigentümer der Wiese. Der Baum stürzte um, als die Völker im Norden Europas und auch in dieser Region in Bewegung kamen und sich neue Siedlungsgebiete suchten.

Die in der Feuchtwiese erhaltene sogenannte »Baumleiche« einer Eiche bestand noch aus einem langen Stamm und mindestens drei Astteilen. Foto: LWL/Hallenkamp-Lumpe

Die in der Feuchtwiese erhaltene sogenannte »Baumleiche« einer Eiche bestand noch aus einem langen Stamm und mindestens drei Astteilen. Foto: LWL/Hallenkamp-Lumpe

Die Probe für die dendrochronologische Untersuchung wurde an der dicksten erhaltenen Stelle des Stammes entnommen. Foto: LWL/Hallenkamp-Lumpe

Die Probe für die dendrochronologische Untersuchung wurde an der dicksten erhaltenen Stelle des Stammes entnommen. Foto: LWL/Hallenkamp-Lumpe

Die hölzernen Strukturen in den Gunnewiesen waren den Anwohnern schon lange bekannt. Sie beeinträchtigten nun allerdings zunehmend die Bewirtschaftung der Feuchtwiesen und sollten deshalb entfernt werden. In Abstimmung mit dem Grundbesitzer Marius Pötting und dem Umweltamt des Kreises Paderborn war eine wissenschaftliche Dokumentation der großflächig an der Oberfläche sichtbaren Holzreste vereinbart worden. Dass sie es allerdings mit einem derart betagten Zeugen der Vergangenheit zu tun hatten, war den Archäologen der Außenstelle Bielefeld der LWL-Archäologie für Westfalen nicht sofort ersichtlich.

Bei den Ausgrabungen zeigte sich schnell, dass es sich um einen über 20 Meter langen Eichenstamm handelte, der ohne menschlichen Einfluss umgestürzt war. »Weil der Baum nah an der Oberfläche lag und zum Teil sogar aus dem Gras herausschaute, vermuteten wir zunächst, dass es sich um einen eher jungen Befund handelte«, schildert Archäologin Dr. Julia Hallenkamp-Lumpe. Diese Vermutung sollte durch eine wissenschaftliche Untersuchung abgesichert werden. Eine Scheibe des Stammes diente als Probe.

Im Labor für Dendrochronologie der Universität Köln konnten die Fachleute anhand der Jahrringe das Alter genau bestimmen. Die Analyse brachte allerdings ein ganz anderes Ergebnis als vermutet: Der jüngste erhaltene Jahrring war im Jahr 478 n. Chr. gewachsen. Die Eiche ist ca. 260 Jahre alt geworden und hatte einen Stammumfang von zirka zwei Metern. »Weil aber an dem Stamm weder die sogenannte 'Waldkante‘ als äußerster Jahrring am Übergang vom Splintholz zur Rinde noch Splintholzringe erhalten waren, müssen wir einen gewissen Datierungsspielraum ansetzen«, erläutert Dr. Thomas Frank vom Kölner Labor für Dendroarchäologie. Demnach starb der Baum zwischen 493 und 513 n. Chr. ab.

»Diese Datierung ist von besonderer Bedeutung«, erklärt Frank, »weil es aus der Zeit zwischen Spätantike und frühem Mittelalter nur selten archäologische, dendrochronologisch verwertbare Holzfunde gibt.« Da das Ergebnis derart überraschend war, wurde zur Absicherung eine zusätzliche Untersuchung durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine Radiokohlenstoffdatierung: Anhand der Verfallszeit und der Anzahl von Radiokohlenstoffteilchen kann das Alter bestimmt werden. Die 14C-Probe des Baumes bestätigte das erste Ergebnis mit einer Datierung zwischen 422 und 600 n. Chr.). »Mit diesen Datierungen ist nicht daran zu zweifeln, dass die Eiche an der Wende vom 5. zum 6. Jh. n. Chr. entwurzelt wurde«, fasst Frank das Ergebnis zusammen.

Für die Dendrochronologie sorgt die »Baumleiche« von Salzkotten-Scharmede für eine Verbesserung der Jahrringkalender, die als Grundlage für die Altersbestimmung von Holzfunden dient. Das wiederum erweitert die Datierungsmöglichkeiten für die Archäologen.

Aber auch für die Landschaftsgeschichte ist der Fund bedeutsam. Der Baumstamm lag im gemeinsamen Auenbereich von Lippe und Gunne. Dort steht das Grundwasser nah an der Oberfläche. Deshalb lag der Stamm dauerhaft im nassen Boden, im sogenannten Anmoor-Gley, und blieb dadurch hervorragend erhalten. Nach der geologischen Karte, so die weiteren Erkenntnisse von Prof. Dr. Renate Gerlach, Geoarchäologin vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, liegt die Fundstelle im Bereich eines alten Flussarmes. Wahrscheinlich stürzte der Baum in eine Senke, als der ehemals hier verlaufende Fluss das Ufer unterspülte. Der Stamm wurde dann in das Flusssediment eingebettet.

Hinweise darauf, wie die Landschaft hier vor 1.500 Jahren aussah, geben die Untersuchungen von Dr. Ursula Tegtmeier vom Labor für Archäobotanik der Universität Köln. Unterhalb des Stammes kamen der Schalenrest einer Haselnuss und weitere Holzstücke, darunter Äste von einer Eiche und einer Esche, zum Vorschein. Sie wuchsen zur Lebenszeit der Eiche zusammen mit Haselsträuchern im Auenwald entlang des Flusslaufs.
Die Überreste des Baumes werden nun kontrolliert getrocknet auf diese Weise konserviert. Das wird voraussichtlich mehrere Jahre dauern. Marius Pötting vom Vauss-Hof in Salzkotten-Scharmede freut sich über das Ergebnis der Untersuchungen und plant, Teile des Baumes in Zukunft der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. »Ich habe dazu schon verschiedene Ideen«, so Pötting, »und nach der Trocknungsphase wird sich zeigen, wie und mit welchen Stücken sich eine Präsentation realisieren lassen wird.«