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Ausgrabung in Herford bringt Funde aus der Karolingerzeit

Kategorie: Ausgrabungen
12.06.2015 -   LWL / CS

Was als Routine begann wurde zur archäologischen Überraschung. Denn der Boden an der Clarenstraße in Herford offenbarte den Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ein ganz neues Kapitel der Herforder Stadtgeschichte. Zum Abschluss der baubegleitenden Ausgrabungen halten die Archäologen jetzt neben wertvollen Funden und Befunden vor allem wichtige Erkenntnisse über die Siedlungsgeschichte rund um das bekannte Damenstift aus der Karolingerzeit ab dem 9. Jahrhundert in den Händen.

Die Doppelheiligenfibel mit rotem Grubenemail ist eine der am besten erhaltenen derartigen Stücke aus Westfalen-Lippe. (LWL/Brentführer)

Die Doppelheiligenfibel mit rotem Grubenemail ist eine der am besten erhaltenen derartigen Stücke aus Westfalen-Lippe. (LWL/Brentführer)

Vom Grubenhaus zeichnen sich die Gruben der dachtragenden Pfosten und die Gräbchen der Holzwände deutlich ab. (Foto: LWL/Hahne)

Vom Grubenhaus zeichnen sich die Gruben der dachtragenden Pfosten und die Gräbchen der Holzwände deutlich ab. (Foto: LWL/Hahne)

Die ersten Funde waren noch wenig spektakulär. "Alles deutete auf eine Hofanlage aus dem 11. bis 13. Jahrhundert hin", erläutert Dr. Sven Spiong von der Bielefelder Außenstelle der LWL-Archäologie für Westfalen. Dann kamen aber Spuren der Vergangenheit zum Vorschein, die deutlich älter waren - ganze 1.200 Jahre. "Damit waren wir in einem Zeitraum angelangt, über den an dieser Stelle fast noch nichtssbekannt ist", betont Spiong. Für den Archäologen eine kleine Sensation gleich zu Beginn seiner Amtszeit als neuer Leiter der Außenstelle. Die Ursprünge des Herforder Damenstifts, das um 800 gegründet wurde, sind bereits gut erforscht. Fast leer blieben bislang die Seiten in der Chronik, die den Zeitraum vom 9. bis 12. Jahrhundert über das Siedlungsumfeld des Stifts beschreiben sollten. "Deshalb ist dieser Fundort so wichtig für die Herforder Stadtgeschichte", erläutert Spiong. Er ermöglicht die ersten Einblicke in die vorstädtische Siedlungsgeschichte der Stadt.

Die waren vor allem durch dunkle Flecken im Boden möglich. Was für den Laien auf den ersten Blick unspektakulär wirkt, war für die Grabungsleiterin Dr. Julia Hallenkamp-Lumpe und Wolfram Essling-Wintzer von der LWL-Archäologie für Westfalen der erste archäologische Höhepunkt. Denn diese dunklen Bodenverfärbungen sind die letzten Reste von Holzpfosten, die im Mittelalter wiederum Bauwerke trugen. Gleich drei Reihen von Pfostenlöchern zeichneten sich im Abstand von fünf bis sechs Metern im Boden ab. Sie verliefen parallel zueinander und verdeutlichten den Grundriss des Richtung Nordwest-Südost ausgerichteten Haupthauses eines Hofes. Dieses Gebäude, auch das zeigten die Pfostenspuren, war mehrmals an gleicher Stelle leicht versetzt wieder aufgebaut worden.

Um das Gebäude herum entdeckten die Archäologen Gruben, die für die Entsorgung des Abfalls oder für die Entnahme von Lehm für den Hausbau dienten. Kurz vor Abschluss der Grabungsarbeiten kam außerdem ein Grubenhaus zu Tage - ein im Mittelalter verbreiteter Gebäudetyp, in dem insbesondere handwerkliche Arbeiten verrichtet wurden. Die hier gefundenen Keramikscherben zeigen, dass dieser Bau schon im 9. Jahrhundert wieder aufgegeben wurde.

Eine Überraschung waren Funde, die im Bodenaushub ans Tageslicht kamen. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, der die Archäologen unterstützte, entdeckte zwei Emaillescheibenfibeln, die aus der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts stammen. Bei diesen besonderen und ungewöhnlich gut erhaltenen Stücken handelt es sich um eine Rechteckfibel mit grünem und blauem Email sowie um eine Heiligenfibel.

Nicht weniger überraschend war ein Graben, der im zweiten Abschnitt der Bauarbeiten auftauchte. Er erstreckte sich von Südwesten nach Nordosten über die ganze Grabungsfläche. Im Mittelalter dienten derartige Gräben als Umgrenzung für einzelne Hofstellen oder als Flurgräben. Darin fanden die Archäologen wenig Fundmaterial. Die mittelalterlichen Hofbewohner hielten den Graben also offenbar penibel sauber und verfüllten ihn in einem Zug. Die wenigen Keramikscherben stammen aus der Zeit um 800 - also genau jener Zeit, in der auch das Damenstift gegründet wurde.

Damit ist die Stadt Herford jetzt um ein Kapitel in ihrer Chronik über den zunehmenden karolingerzeitlichen Landesausbau im Umfeld des Damenstifts reicher. Die entdeckte Hofstelle wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit der Stadtgründung auch in das ummauerte Stadtgebiet einbezogen. Im Rahmen des Bauprojektes wird im Laufe des Jahres eine weitere Fläche erforscht. Auch hier hoffen die Archäologen auf ergänzende Erkenntnisse, die das Bild von der kaum erforschten Siedlungsentwicklung in Herford bereichern.