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Archäozoologen eröffnen Knochenlabor in der Türkei

Kategorie: Aus aller Welt
02.09.2015 -   ÖAI / AB

»BoneLab Ephesos« beherbergt größte wissenschaftliche Knochensammlung

Seit dem 19. Jahrhundert legen österreichische ArchäologInnen die Ruinen der antiken Stadt Ephesos frei. Die an der türkischen Westküste liegende Ausgrabungsstätte ist auch Arbeitsort für ArchäozoologInnen der Vetmeduni Vienna, die dort seit Anfang der 1990-er Jahre Funde tierischen Ursprungs untersuchen. Vor kurzem eröffneten die Vetmeduni Vienna und das Österreichische Archäologische Institut vor Ort das »BoneLab Ephesos«. Das neu eingerichtete Knochenlabor beherbergt die größte wissenschaftliche Sammlung von Knochen und Molluskenschalen in der Türkei und soll in Zukunft auch Kooperationsprojekten mit anderen Institutionen Raum bieten.

Gerhard Forstenpointner ist seit den frühen 1990er-Jahren regelmäßig in Ephesos tätig. Foto: Österreichisches Archäologisches Institut

Gerhard Forstenpointner ist seit den frühen 1990er-Jahren regelmäßig in Ephesos tätig. Foto: Österreichisches Archäologisches Institut

ExpertInnen identifizieren anhand kleinster Knochenteile, um welche Tierart es sich bei einem Fund handelt. Foto: Gerald Weissengruber/Vetmeduni Vienna

ExpertInnen identifizieren anhand kleinster Knochenteile, um welche Tierart es sich bei einem Fund handelt. Foto: Gerald Weissengruber/Vetmeduni Vienna

Meeresschnecken und Muschelschalen geben Aufschluss über Ernährungsweisen und Opferrituale der Antike. Foto: Gerald Weissengruber/Vetmeduni Vienna

Meeresschnecken und Muschelschalen geben Aufschluss über Ernährungsweisen und Opferrituale der Antike. Foto: Gerald Weissengruber/Vetmeduni Vienna

Ephesos war eine der wichtigsten Städte der Antike. Sie entstand vor etwa 5.000 Jahren vor Christus und beherbergt den zu den sieben Weltwundern zählenden Artemis-Tempel. Seit dem Jahr 1895 arbeiten Forschende des Österreichischen Archäologischen Institutes an der Freilegung der antiken Schätze.

Tierische Funde geben Aufschluss über Lebensweise in der Antike

Neben Bauwerken, Keramik-, Metall- und Holzfunden sowie menschlichen Knochen gibt es auch zahlreiche Fundobjekte tierischer Herkunft, die wertvolle Informationen zur damaligen Lebensweise und Tiernutzung liefern. Ephesos lag ursprünglich direkt am Meer. Deshalb finden sich dort nicht nur Überreste von Haus- und Wildtieren, sondern auch von Meerestieren. Der Bogen des tierischen Fundgutes spannt sich dabei von landlebenden Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Schnecken über Fische bis hin zu Meeresweichtieren wie Tintenfischen oder Muscheln.

Gerhard Forstenpointner, Alfred Galik und Gerald Weissengruber vom Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie an der Vetmeduni Vienna sind Experten auf dem Gebiet der Archäozoologie. Ihre Aufgabe ist es, die tierischen Funde zu identifizieren. Überreste von Knochen, Zähnen, Muschelschalen oder Schneckengehäusen geben dabei Aufschluss über Tierart, Geschlecht, Todesalter und Körperbau der Tiere.

»Uns geht es nicht nur darum herauszufinden, welche Tiere in bestimmten Zeitabschnitten gelebt haben, uns interessiert vor allem, wie Tiere damals genutzt, gehalten oder bejagt wurden«, erklärt Forstenpointner. Im Zentrum des Forschungsinteresses der Archäozoologen stehen somit alle Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung, die durch Funde von Tierresten abgebildet werden können. Wichtige Forschungsfragen betreffen beispielsweise die Ernährungsweise. Wie Tiere zerlegt wurden und welche Teile für den Verzehr in Frage kamen, aber auch die Rolle von Tieren im Opferkult interessiert die Forscher.

»Der Tempel der Artemis in Ephesos war eine weit über die Grenzen Kleinasiens bekannte Opferstätte. Welche Tiere damals geopfert und welche Körperteile dafür verwendet wurden, all das liefert uns Hinweise über bestimmte Riten und soziale Strukturen«, so Forstenpointner. Auch gemalte und plastische Darstellungen von Tieren werden von den Forschern analysiert. Oftmals sind Darstellungen von Wildtieren oder Fischen nur schwer einer bestimmten Art zuzuordnen und daher für Archäologinnen und Archäologen kaum interpretierbar. ArchäozoologInnen sind auf die Beantwortung dieser Fragen spezialisiert.

Neuer Raum und neue Ausstattung

Das neu eingerichtete »BoneLab Ephesos« bietet den Archäozoologen mehr Platz und verbesserte Lagerbedingungen für ihre Knochensammlungen. Das Labor ist groß genug, um insbesondere auch türkische Gastforschende und Studierende in die wissenschaftlichen Untersuchungen einbinden zu können. »Mit unserer umfangreichen Referenzsammlung verschiedenster Tierarten können wir beispielsweise stark fragmentierte Knochensplitter und Skelettelemente  richtig zuordnen. Darüber hinaus finden wir auch Tierarten, die heute in Kleinasien nicht mehr vorkommen wie beispielsweise der Zander«, betont Forstenpointner. In Zukunft wird im »BoneLab Ephesos« nicht nur geforscht, es sollen auch archäozoologische Ausbildungskurse und Workshops angeboten werden.

Wichtige Funde aus der jüngeren Vergangenheit

Zwischen den Jahren 1960 und 1985 wurden in Ephesos die sogenannten Hanghäuser ausgegraben. Diese prunkvollen Wohnungen werden seither genau erforscht. »Tierische Überreste in den Häusern zeigen, dass die damals zubereiteten Speisen reichhaltig und vom Feinsten waren«, erzählt Forstenpointner. »Die Menschen genossen damals zartes Fleisch von Jungtieren, darunter auch vom Schwein, das damals als besonders exklusives Speisetier galt. Außerdem waren Meerestiere wie Austern, essbare Meeresschnecken, Lippfische, Zackenbarsche aber auch Zander sehr beliebt.« In einigen Wohnungen fanden sich Wasserbecken mit fließendem Wasser, in denen man die Süßwasserfische eine Zeit lang halten konnte. Somit war es möglich, die Fische seinen Gästen noch lebend anzubieten und ohne Zwischenlagerung zuzubereiten.

Sabine Ladstätter, Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) betont: »Die Archäologie ist eine Wissenschaft, die stark interdisziplinär arbeitet und insbesondere mit den Naturwissenschaften eine intensive Zusammenarbeit pflegt. Das Bone Lab in Ephesos ist ein wichtiger Schritt, die umfangreiche Referenzsammlung zu erhalten und für die wissenschaftliche Auswertung zu nutzen.«