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Ältester Schriftfund Mitteldeutschlands

Kategorie: Funde & Befunde
13.04.2012 -   TLDA / CS

Bei der Auswertung der Ergebnisse der Ausgrabung einer germanischen Siedlung bei Frienstedt, Stadt Erfurt, wurde auf einem Kamm aus der Zeit um 300 n. Chr. eine Runeninschrift entdeckt. Es handelt sich um die älteste bekannte germanische Schrift in Mitteldeutschland überhaupt und den südlichsten Nachweis von Runen in dieser Zeit.

Der Kamm nach der Restaurierung (Foto: Th. Rau, ZBSA)

Der Kamm nach der Restaurierung (Foto: Th. Rau, ZBSA)

Detail der Runen-Inschrift des Kammes (Foto: Th. Rau, ZBSA)

Detail der Runen-Inschrift des Kammes (Foto: Th. Rau, ZBSA)

Umschrift der Runen. Zu lesen sind diese Runen als "Kamba" (deutsch "Kamm") (Abb.: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Weimar)

Umschrift der Runen. Zu lesen sind diese Runen als "Kamba" (deutsch "Kamm") (Abb.: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Weimar)

Der Fund stammt aus einen Opferschacht und war in zahlreiche Einzelteile zerbrochen (Foto: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Weimar)

Der Fund stammt aus einen Opferschacht und war in zahlreiche Einzelteile zerbrochen (Foto: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Weimar)

Der Kamm mit der neu entdeckten Inschrift wurde aus Hirschgeweih geschnitzt. In zahlreiche Einzelteile zerbrochen lag er in einem Opferschacht. Er ist beinahe vollständig erhalten und trägt in Runen, dem germanischen Alphabet, die Inschrift "Kaba". Zu lesen sind diese Buchstaben als "Kamba", zu Deutsch "Kamm". Der Nachweis der maskulinen Endung -a in dieser frühen Zeit ist sprachgeschichtlich eine Sensation: Sie bildet ein bisher fehlendes und lang erhofftes Bindeglied in der Entwicklung vom Urgermanischen zur westgermanischen Sprachenfamilie, aus der später das Deutsche, Niederländische, Friesische und zu Teilen auch das Englische entstanden sind.

Aus Thüringen waren bisher nur vier Objekte mit Runen bekannt, die aus zwei Gräbern im Weimarer Bahnhofsviertel stammen und erst im 6. Jh. hergestellt wurden. Außerhalb von Skandinavien fand man nur zwei weitere Objekte mit Runen aus der vorangehenden Epoche, nämlich in der Märkischen Schweiz östlich von Berlin und in der westlichen Ukraine. Aus Mitteldeutschland fehlten sie bisher – ein Indiz, das gegen eine weit verbreitete aktive Kenntnis der Runenschrift spricht. Die jetzt entdeckte, sehr weit südlich gefundene Inschrift steht den ältesten Belegen zeitlich nahe. Damit ist es nun deutlich wahrscheinlicher geworden, dass auch im westgermanischen Sprachgebiet und damit vielleicht auch in Mitteldeutschland einzelne herausragende Personen eigenständig mit Runenschrift umgegangen sind.

Während der Ausgrabungen bei Frienstedt wurden Teile einer Siedlung mit vornehmen Gräbern und einem vermutlichen Kultplatz untersucht, die vom 1. bis zum 5. Jh. n. Chr. existierte. Bekannt geworden ist der Fundplatz vor allem durch große Mengen römischer Bronzeobjekte, die etwa 200 km von der römischen Reichsgrenze entfernt, also tief im "barbarischen" Gebiet, von germanischen Bronzeschmieden gesammelt und recycelt wurden. Überregionale Kontakte bestanden jedoch nicht nur zum Römischen Reich, sondern auch in den nordgermanischen Raum Skandinaviens, wie eine seltene Fibel aus Gotland oder Südschweden belegt.

Die interdisziplinäre Auswertung des Fundplatzes Frienstedt unter Leitung des Archäologen Christoph G. Schmidt M.A., ist ein von der Fritz-Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung finanziertes Gemeinschaftsprojekt des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) und des bei der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen angesiedelten Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA).

Der Fund ist noch bis zum 19. April 2012 im Foyer des Museums für Ur- und Frühgeschichte Thüringens in einer kleinen Sonderschau zu sehen.

Kommentare

Dieter , 13.04.2012 16:48
Wie kann man denn sicher sein, dass die Inschrift so alt ist wie der Kamm?
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LeoRest , 22.04.2012 18:01
Die Runen sind nicht eindeutig auf den Zeitraum des 3. Jh. zu datieren, da es auch zu einem späteren Zeitraum erfolgt sein können (worauf, die leichter geführten Linien im Gegensatz zu den kräftigeren Verzierungsrillen der Kreise hinweisen). Eine Beschriftung würde im Übrigen bei solch kostbaren Eigentümern doch wohl ordentlicher und nicht wie hier eher schief erfolgen. Diese Kämme waren Gegenstände, die den Stand des Einzelnen unterstrichen, daher wurden sie sorgsam behandelt und oft auch in entsprechenden Etuis bzw. Futteralen aufbewahrt und am Gürtel getragen.
Eine Mikroskopische Untersuchung sollte erfolgen, um die Tiefe und Schärfe der Linien der 'Runen' zu bestimmen, eine spätere Beschriftung (7. bis 10 Jh.) eines evtl. 'Finders' oder einer Person, die einen Kamm eher als alltäglich ansah kommt mir als wahrscheinlicher vor.
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CS , 23.04.2012 17:39
Der Kamm stammt aus einem ungestörten Befund, der aufgrund der Keramik in die zweite Hälfte des dritten Jahrunderts bis spätestens um 300 AD datiert wird. Damit dürfte jede Spekulation über eine spätere Einritzung der Runen hinfällig sein. Im Übrigen sind die Runen sehr sorfältig und gleichmäßig geritzt und klar lesbar, nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit in dieser Zeit.
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CS , 23.04.2012 17:44
...sorry für die Schreibfehler: natürlich muss es "Jahrhunderts" und "sorgfältig" heißen...
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Thomas Birkmann, 23.08.2012 17:24
Für die Datierung des Inschriftenträgers sind die Archäologen zuständig, wenn der Befund als ungestört gelten kann, dann ist dies das einzige Datierungskriterium, das Gültigkeit besitzt. Die Runen für /a/ und /b/ sind für eine Datierung nicht sensibel, die k-Rune würde innerhalb Skandinaviens auf den Zeitraum vor 500 weisen, findet sich in südgermanischen Funden/Gräbern aber bis ins 7. Jhd. Für Mitteldeutschland - Tja! Dass die Runen nicht vom Besitzer/seiner Gemahlin eingeritzt, sondern erst nachträglich hinzugefügt wurden, kann man unbedenklich ausschließen. Aus sprachhistorischer Sicht ist das auslautende -a zu erwarten, bringt für eine Datierung aber nichts (weil der Schwund von -z bisher nicht datiert ist - aufgrund von Friensted könnte nun gelten: vor 300, das wäre doch schon mal was, wenn auch nichts Sensationelles). Hoffen wir auf weitere Funde, jeder einzelne macht uns etwas klüger.
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