11.02.2012 - 06:02:54

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Varus und seine Universallegionäre

Generationes

„2000 Jahre Varusschlacht" – der Termin für dieses "Jubiläum" stand schon lange fest. In der Römer- und Germanenszene laufen seit mehreren Jahren die Vorbereitungen zum großen Spektakel. Zahlreiche Fernsehdokumentationen widmeten sich bereits der Thematik um die missglückte Besetzung Germaniens durch die Römer. Die Großveranstaltung am Ort der Varusschlacht wurde im Juni 2009 abgehalten. Man könnte begeistert sein, mit welch großem Aufwand den Leuten Geschichte näher gebracht werden soll!

Man könnte! Doch wenn man sich anschaut, was einem da all zu oft als „Römer" oder „Germane" vorgeführt wird, ist es einem eher zum Weinen zumute. Wieso wird es nicht für notwendig erachtet, die Sache so zu präsentieren, wie es der aktuelle Forschungsstand zulässt? Ist es nicht machbar, bei einer Thematik, die ins Jahr 9 n. Chr. passen soll, die Akteure mit Material, das dieser Zeit zugeordnet werden kann, auszustatten? Ist es sinnvoll, einem Massenpublikum ständig einen Epochenmix an Ausstattungen zu präsentieren? Das wird sicher nicht zu einem besseren Geschichtsverständnis führen.

Dabei wäre es kein allzu großes Problem, das Ganze mit etwas mehr Niveau zu gestalten – und das mit demselben Aufwand, wie er für die veraltete bzw. falsche Version notwendig ist. Ein wenig mehr Sorgfalt bei der Recherche und etwas mehr Kompetenz bei der Auswahl und Begutachtung der Akteure und Ausstattung würde einem Verantwortungsbewusstsein dem Publikum gegenüber Rechnung tragen.

Aber ist das überhaupt „wichtig", Themen der Geschichte zumindest ansatzweise mit „richtiger" bzw. passender Ausstattung darzustellen? Wir meinen, dass dies eine Grundvoraussetzung für den Erhalt der Glaubwürdigkeit der Archäologie als Wissenschaft und der Museen als Bildungsstätten sein muss.

Oder würden Sie es akzeptieren, wenn Ihnen in einem Beitrag über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan die Soldaten mit Pickelhauben ausgestattet und im Kübelwagen auf Patrouille fahrend gezeigt würden? Sicher nicht!
Für die „Römer" scheint es aber unwichtig zu sein, dass in einer Geschichtsdokumentation über Hannibal einige der Legionäre mit Helmen vom "Typ Weisenau" aus dem Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ausgestattet sind. Ein anderes Mal wird suggeriert, dass sowohl zur Zeit Caesars wie auch in der Spätantike römische Soldaten mit Schienenpanzern vom "Typ Corbridge" ausgestattet waren – wohl damit sie für jeden auf den ersten Blick als „Römer" erkennbar sind.

Traut man dem Publikum so wenig Kompetenz zu, dass man ihm solch einen Geschichtsmüll vorsetzen kann? Für die Präsentation im musealen Rahmen müssen dringend Mindeststandards festgelegt werden, damit sie nicht in die Beliebigkeit abdriftet. Dies sollte sich nicht nur auf die Ausstattung beschränken, sondern auch eine entsprechende Qualität des Hintergrundwissens und des didaktischen Konzepts der Akteure einfordern.

Kommentare

Oliver Teske , 17.08.2009 08:27
Hallo Zusammen,
ich finde es seht gut, dass es mal Jemand wagt die Darstellungen in Film Dokumentationen in Frage zu stellen. Leider ist es wirklich schlimm, was ,an so auf Römerveranstaltungen geboten bekommt. Meine Familie und ich sind selbst sehr aktiv in der Römer Szene und bekommen immer wieder zu sehen wie es läuft. Ich glaube manchmal, dass viele Römer Darsteller und der Uniform wegen Römer Darsteller geworden sind und die Römer dabei die günstigste Variante sind. 90% der Gruppen decken sich mit der indischen Ware ein, was natürlich eine uniformität erzeugt, die nur leider absolut daneben ist. Hier würde es so manschen gut tun mal wenigstens ein Kinderbuch über die Römer zu lesen. Deweiteren sehe ich die Veranstalter. Römermuseen, die vom Fach sind, legen in der Regel viel Wert auf eine vernüftige Darstellung der Akteure die sie beauftragen, aber in dem Moment wo eine externe Firma die organissation übernimmt wird es in der Regel richtig schlimm. Im Vordergrund steht dann nicht die richtige und belegte Darstellung sondern ein gemütlicher Samstag/Sonntag der Familien die auf die Veranstalltung kommen. Lustige Unterhaltung für die kleinen und das Bierzelt für Vater und auf dem Weg von der Kinderbelustigung zum Bierzelt erklärt man seiner Frau, dass die Römer von Morgens bis Abends Krieg geführt haben.

Ich denke es liegt an uns Akteuren den Veranstaltern von Römertagen und Dokufilmdreher unter die ARme zu greifen wo es nur geht, denn sonst ufert das alles noch schlimmer aus. Nur machmal ist es wie der Kampf gegen die Windmühlen.

Gruß
Oli
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Corinna Rongisch , 14.09.2009 12:23
Hallo,

ich kann mich der Meinung meines Vorredners, Oli, anschließen. Es ist wirklich traurig, was bei solchen Veranstaltungen teilweise geboten wird. Das Problem ist einfach, dass ein "gängiges" Römerbild in den Köpfen verankert ist, von daher wäre es wahrscheinlich gar nicht so leicht etwas an der Situation zu ändern. Selbst wenn die Veranstalter solcher Spektakel tatkräftig von Archäologen unterstützt werden würden... Aber es liegt in unserer Hand, daran etwas zu ändern :o)

viele Grüße,
Corinna Rongisch
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Harald , 22.09.2009 14:23
Immer wieder belustigend ist das aus vielen Filmen gängige Klischeebild, wonach römische Legionäre, die in den Kampf ziehen, wegen der martialischen Optik mit roten Mänteln dargestellt wurden und werden.

Ähnlich taucht ja auch in Hexenfilmen wegen der optischen Wirkung immer wieder der Bischof im roten Ornat persönlich in der Folterkammer oder Gefängniszelle auf.

Natürlich trug kein römischer Legionär im Kampf einen roten Mantelumhang, der zum einen nur hinderlich gewesen wäre, und zum anderen war roter Farbstoff (Purpur) in der Antike so kostbar und teuer, daß nur Konsuln der republikanischen Zeit oder Imperatoren der Kaiserzeit damit herumlaufen konnten.
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Norbert Sye , 25.09.2009 19:46
Hallo zusammen,
ja, ist ja alles richtig. Natürlich geht einem der Hut hoch wenn man solche Fehldarstellungen sieht, wie Herr Zimmermann sie beschreibt. Trotzdem denke ich, dass immer häufiger die Bemühung sichtbar wird, Antike Trachten und Rüstungen authentisch und demm aktuellen Wissensstand gemäß darzustellen. Die Zeiten der unsäglichen Darstellungen aus den italienischen "Sandalenfilmen" scheinen vorbei zu sein.
Ich meine aber, das Pochen auf hundertprozentige Originaldarstellung, vor allem in Fernsehproduktionen, die ein breites Publikum ansprechen sollen, ist nicht notwendig.
Ob nun Helmtyp Weisenau oder Hagenau verwendet wird oder ob der getragene Schienenpanzer erst 20 Jahre später eingeführt wurde, erscheint mir nachrangig. Obwohl ich zugebe, dass ich mich freue, wenn z.B bei der amerikanischen Dokumentation "Rom" tatsächlich darauf geachtet wird, dass die konstantinischen Legionäre keine republikanischen Bronzehelme der cäsarischen Legionen tragen.
Mir erscheint vor allem wichtig, dass das Thema Antike wegen des Varus-Jubiläums soviel Aufmerksamkeit erzeugt.

Gruß aus dem Norden

Norbert Sye
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