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Die Pfahlbausiedlung Pfyn-Breitenloo – das Originaldorf für den TV-Set.

von Urs Leuzinger - 27.7.2007

Das Pfahlbaudorf

Repliken der pfynzeitlichen Holzgefässe. Vorlagen sind Funde aus Pfyn-Breitenloo und Gachnang-Niederwil.
Repliken der pfynzeitlichen Holzgefässe. Vorlagen sind Funde aus Pfyn-Breitenloo und Gachnang-Niederwil.

Anhand der Pläne und Fotos von 1944 sowie der Nachgrabungen wurden 17 ebenerdige Hausgrundrisse nachgewiesen. Diese Gebäude konnten mit der Jahrring-Datierungsmethode (Dendrochronologie) datiert werden. Die Siedlung ist einphasig und nur während weniger Jahre – von 3708 bis 3703±1 v.Chr. – genutzt worden. Die rechteckigen Häuser orientieren sich giebelständig entlang einer Nord-Süd-orientierten Hauptgasse. Die Gebäudelängen variieren zwischen 4 m und 11 m, die Breiten zwischen 3,5 m und 5,5 m. Bretter- und Flechtwände sind nachgewiesen. Die Eingänge zu den Gebäuden dürften sich zur Gasse hin befunden haben.

Die Mehrzahl der Häuser hatte einen aufwendig konstruierten Holzboden. Mehrfach wurde ein Lehmestrich über diesen hölzernen Bodenarmierungen beobachtet. Es ist davon auszugehen, dass jedes Wohnhaus eine eigene Feuerstelle hatte. Da weder Schindelbretter noch grössere Rindenstücke, Stroh- beziehungsweise Schilfreste erhalten geblieben sind, kann über die ursprüngliche Dachbedeckung nichts gesagt werden.

Lange, kalte Winter in Pfyn-Breitenloo

Pfynzeitliches Geschirrensemble, Vorlagen sind die originalen Gefässe von Pfyn-Breitenloo.
Pfynzeitliches Geschirrensemble, Vorlagen sind die originalen Gefässe von Pfyn-Breitenloo.

Bei der Auswertung der Pfahlbausiedlung waren auch Geologen, Botaniker und Zoologen mit an Bord. Ein spannendes Resultat der paläoökologischen Untersuchungen sei an dieser Stelle kurz erwähnt: Der Botaniker Prof. Dr. J. N. Haas von der Universität Innsbruck hat Sedimentproben aus der Kulturschicht mit dem Mikroskop auf Pollen, Algen und sonstige tierische und pflanzliche Kleinstreste hin untersucht. Dabei wurden auch einige Schneealgen-Dauerstadien (Clamydomonas nivalis) entdeckt.

Der Nachweis dieser Schneealgen-Zysten ist bisher einmalig in Schichten aus einer Pfahlbausiedlung. Sie beweisen, dass es vor 5700 Jahren in Pfyn einen oder mehrere aussergewöhnlich schneereiche Winter mit Schneevorkommen bis weit in den Spätwinter oder ins Frühjahr gegeben haben musste.

Die Pfahlbaufunde

Das Fundmaterial umfangreich. Es fanden sich 891 Feuersteinobjekte, 81 Steinbeile, 126 Steinartefakte, 28 Knochen-, Zahn- und Geweihobjekte, 700 Faunenreste, 26 Holzgeräte, 10 Textilien und genau 17’268 Keramikfragmente. Die Mehrzahl der Objekte befindet sich heute im Depot des Amtes für Archäologie; die wichtigsten Funde sind im Museum für Archäologie des Kantons Thurgau in Frauenfeld ausgestellt.

Die Pfahlbauer von Pfyn im 21. Jahrhundert n.Chr.

Freilichtstudio mit Expertengespräch, Wulf Hein. Im Hintergrund der Pfahlbauset.
Freilichtstudio mit Expertengespräch, Wulf Hein. Im Hintergrund der Pfahlbauset.

Mit dem living-science Projekt des Schweizer Fernsehen werden die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse von Pfyn-Breitenloo einer interessierten Öffentlichkeit vermittelt. Mit den 10 Pfahlbau-Zeitreisenden werden zudem die originalgetreuen Nachbildungen der Artefakte aus den Ausgrabungen von 1944, 2002 und 2004 einem vierwöchigen Praxistest unterzogen. Die Abnutzungsspuren und allfälligen Materialverluste – beispielsweise Töpfe, die in Brüche gehen – dürften nach dem Experiment Rückschlüsse auf die ursprüngliche Herstellung, Verwendung und Tauglichkeit erlauben. Werkplätze, Abfallstrukturen, Wegnetze und Organisation rund um die Siedlung werden moderne Spurenbilder liefern, die direkt mit den steinzeitlichen Befunden verglichen werden können. Dies erlaubt den Archäologen, neue wissenschaftlich verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen.

 

Tipp

Orginalfunde aus Pfyn-Breitenloo
im Museum für Archäologie des Kantons Thurgau, Frauenfeld
Di - Sa 14.00 - 17.00 Uhr; So 12.00 - 17.00 Uhr

www.pfahlbauervonpfyn.tg.ch

Das Buch zum Film:
Pfyn-Breitenloo, die jungsteinzeitliche Pfahlbausiedlung

Ein besonders interessantes Projekt kann mit Geologinnen und Geologen vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel durchgeführt werden. Diese untersuchen die Bodenverhältnisse im Bereich des Dorfes vor und nach der „modern-pfahlbauzeitlichen“ Besiedlung.

Aktivitäten wie Kochen, Werkzeuge herstellen oder auch das Umherlaufen von Mensch und Tier führen zu Veränderungen des sogenannten Gehhorizontes. Anhand von mikroskopischen Dünnschliff-Analysen an Bodenproben können die Fachleute deshalb Aussagen über die Lebensweise und Umweltbedingungen machen. Die modernen Spurenbilder werden einmaliges Grandlagenmaterial für zukünftige Interpretationen von prähistorischen Proben liefern.

Infozentrum Trotte in Pfyn

Seit dem 25. Juli leben die Pfahlbauer von Pfyn in ihrem Dorf. Das Gelände ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wir möchten ja nicht, dass die Steinzeitfamilien in ihrem prähistorischen Biotop gestört werden! Für Interessierte wurde jedoch in der Trotte im Städtli Pfyn ein Informationszentrum mit einer kleinen Pfahlbauausstellung, Filmübertragungen, Infodesk, Festwirtschaft usw. eingerichtet. Dort werden Gäste gerne Willkommen geheissen.

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