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Eine einseitige Beziehung

Feuersteine der Monti Lessini in jungsteinzeitlichen Silexinventaren des Nördlichen Alpenvorlandes

3.5.2014

Prolog

Mehr als 20 Jahre ist es jetzt her, seitdem die Gletschermumie vom Tisenjoch, besser bekannt unter dem Namen Ötzi, am Alpenhauptkamm direkt an der Grenze zwischen Österreich und Italien entdeckt worden ist.

Ein Projekt der ersten Stunde in der Eismann-Forschung war die Herkunftsbestimmung der Feuersteingeräte, die der Ötzi bei sich trug, als er starb. Man versprach sich davon wertvolle Hinweise zum Lebensraum des Eismannes. Die Spur führte sehr schnell in die Monti Lessini, die Lessinischen Berge, in der Provinz Verona. Dort finden sich noch heute in den Kalkgesteinen der Biancone-Formation große Vorkommen von Feuersteinen, die von der Steinzeit bis in die Neuzeit abgebaut und weiterverarbeitet wurden. Schon die Neandertaler kannten dieses Rohstoffgebiet. Später dann, in der Ötzi-Ära, wurde an vielen Stellen Lessinischer Feuerstein im Tagebau gewonnen, um daraus Geräte und Waffen aller Art, wie beispielsweise langschmale Klingen, Sicheleinsätze, gestielte Pfeilspitzen oder Feuersteindolche herzustellen1 . Vom 18. bis etwa in die Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten die Lagerstätten der Lessini eine Wiederbelebung, als große Mengen an Flintensteinen für die Gewehrschlösser der europäischen Armeen benötigt wurden.

Die Materialaufnahme

Nach der Entdeckung der neolithischen Feuersteinminen in den Lessinischen Bergen nördlich von Verona, insbesondere des Abbaugebietes um Ceredo in der Gemeinde Sant`Anna d`Alfaedo, wo sich Unmengen von bearbeiteten Feuersteinabfällen und –geräten aller Zeitstellungen fanden2, tauchten erste Exemplare dieser charakteristischen Feuersteine auch in jungsteinzeitlichen Fundinventaren des Nördlichen Alpenvorlandes auf. Eine erste mikroskopische Überprüfung bestätigte sofort, dass offenbar Gerätschaften der oberitalischen Steinzeitkulturen über den Alpenhauptkamm nach Norden transportiert worden waren. An dieser ersten Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert3.

Karte 1| Funde von Geräten aus Feuersteinen der Monti Lessini (rote Raute) und bayerischen Jurahornsteinen aus den Bergwerken von Baiersdorf und Arnhofen (blaue Raute) in jungsteinzeitlichen Silexinventaren des Nördlichen Alpenvorlandes. 1 Arbon; 2 Hornstaad; 3 Allensbach; 4 Federseemoor; 5 Pestenacker; 6 Roseninsel im Starnberger See; 7 Landshut; 8 Eichendorf; 9 Straubing; 10 Fürstenzell; 11 Ansfelden; 12 Engerwitzdorf; 13 Laussa; 14 See am Mondsee; 15 Seewalchen; 16 Salzburg; 17 Ainring; 18 Chiemgau; 19 Wasserburg am Inn

Karte 1| Funde von Geräten aus Feuersteinen der Monti Lessini (rote Raute) und bayerischen Jurahornsteinen aus den Bergwerken von Baiersdorf und Arnhofen (blaue Raute) in jungsteinzeitlichen Silexinventaren des Nördlichen Alpenvorlandes.
1 Arbon; 2 Hornstaad; 3 Allensbach; 4 Federseemoor; 5 Pestenacker; 6 Roseninsel im Starnberger See; 7 Landshut; 8 Eichendorf; 9 Straubing; 10 Fürstenzell; 11 Ansfelden; 12 Engerwitzdorf; 13 Laussa; 14 See am Mondsee; 15 Seewalchen; 16 Salzburg; 17 Ainring; 18 Chiemgau; 19 Wasserburg am Inn

Zunächst konnten in Ober- und Niederbayern zahlreiche Fundstellen mit Lessinischen Feuersteinartefakten identifiziert werden, die zusammen mit Geräten der Hornsteinminen von Baiersdorf und Arnhofen auftraten. Im Raum Landshut liegen mittlerweile gleich an mehreren Stellen eindeutige Nachweise der typischen Geräteinventare vor, so im Stadtbereich aus den Grabungen der Feuchtbodensiedlung Ergolding-Fischergasse4 und zuletzt einer der typischen Feuersteindolche direkt am Altheimer Erdwerk5. Weitere Dolchfunde gab es auf der Roseninsel im Starnberger See, bei Straubing, in Eichendorf, Lkr. Dingolfing-Landau, und schließlich in Fürstenzell, Lkr. Passau6. Ebenfalls aus einer Feuchtbodenbsiedlung der Altheimer Kultur in Pestenacker, Landkreis Landsberg am Lech7, stammen Erntesicheln und Kleingeräte aus Baiersdorf und Arnhofen. Auch hier konnten ohne Zweifel zahlreiche Geräte aus den Lessini bestimmt werden.

Im Chiemgau8 liegen mehrere Hinweise auf Funde der Lessinischen Artefakte vor. So gibt es im Landkreis Rosenheim insgesamt fünf Feuersteindolche, die sehr unterschiedlich gearbeitet sind, aber südalpinen Ursprungs sind9. Seit Längerem bekannt sind die Lessinischen Artefakte auf der Krautinsel im Chiemsee10, die zusammen mit Kupferschlacken gefunden wurden. Ebenso gibt es aus Wasserburg am Inn eine kleine Klinge, die nahe dem Inn geborgen werden konnte.

  • [1] L. Salzani, Preistoria in Valpolicella. Centro di documentazione per la storia delle Valpolicella. Verona 1981.
  • [2] A. Binsteiner, Ausgewählte Silexlagerstätten und deren Abbau in den Provinzen Trient und Verona. Arch. Korrbl. 24, 1994, 255-263.
  • [3] K. Spindler, Der Mann im Eis. München 2000, 326-327.
  • [4] B. S. Ottaway, Ergolding-Fischergasse – Eine Feuchtbodensiedlung der Altheimer Kultur in Niederbayern. Materialh. Bayer. Vorgesch. 68, Kallmünz 1995, 130-132.
  • [5] Dazu: A. Binsteiner, Materialinterferenzen im Verbreitungsgebiet bayerischer Jurahornsteine in Mittel- und Osteuropa. Arch. Korrbl. 34, 2004, 171; zuletzt: Ders., Drehscheibe Linz – Steinzeithandel an der Donau. Linzer Arch Forsch 37, Linz 2006, 56, Abb. 22.
  • [6] Dazu Anm. 5. Linzer Arch Forsch 37, Linz 2006, 57, Abb. 23.
  • [7] D. Underwood, The research potential of chert industries from the later neolithic wetland settlements of the alpine foreland: a case study from Pestenacker Germany. In: M.A. Bustillo/A. Ramos-Millan (Hrsg.), VI. Internat. Flint Symposium Abstracts (Madrid, Bilbao, Granada 1991) 277-280. - Ders., Silexmaterial aus der jungneolithischen Feuchtbodensiedlung Pestenacker, Oberbayern und Umgebung. Dissertation, Frankfurt a. Main 2004.
  • [8] A. Binsteiner und R. Darga (Hrsg.), Steinzeit im Chiemgau. Begleitheft zur Ausstellung im Naturkunde- und Mammut-Museum Siegsdorf. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München, 2. Auflage 2012.
  • [9] Die einzelnen Lokalitäten sind Vogtareuth, Bad Aibling, Umrathshausen, Dobl und Westerndorf. Dazu zuletzt: Anm. 8, 2.
  • [10] Dazu Anm. 8, 9 ff.