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Homo erectus am Alpenrand ?

Die Artefakte von Haidershofen an der Enns könnten bis zu 500.000 Jahre alt sein.

23.12.2011

Prolog

Abb.1 Die Fundstelle von Haidershofen an der Enns, Niederösterreich
Die Fundstelle von Haidershofen an der Enns, Niederösterreich (Grafik: A. Binsteiner)

Würde man die altsteinzeitlichen Artefakte von Haidershofen an einem der vielen Fundplätze Afrikas aufsammeln, hätte man keinen Zweifel, dass man Gerätschaften des Homo erectus, vielleicht sogar eines artverwandten Vorgängers vor sich hat. Haidershofen aber liegt im österreichischen Alpenvorland an der Enns, die dort in die Donau mündet, direkt an den alten Rändern der Gletscher vergangener Eiszeiten. Also ist man bei Funden dieser Art zunächst zurückhaltend. Bei genauerer Betrachtung der Stücke aber wird klar, dass man hier etwas sehr Altes und Ursprüngliches vor sich hat. Dazu tragen nicht zuletzt die verwendeten Rohstoffe bei, die den Schottern der Günz-Eiszeit, der ersten der vier nachweisbaren Kaltzeiten im Alpenvorland entnommen worden sind.

Naturgemäß ist die Datierung solcher Fundstücke schwierig, zumal sie ja an der Oberfläche aufgelesen wurden. Aber bei ausreichender geologischer Grundlage und einiger Kenntnis des möglichen Formenspektrums paläolithischer Artefakte erscheint zumindest eine vorläufige Einstufung der Stücke angemessen zu sein. Eine geplante Geländeuntersuchung im kommenden Jahr soll dann Klarheit in eine der ungewöhnlichsten Fundsituationen im Alpenraum bringen.

Die geologische Schichtenfolge

Abb. 2 Die vier Eiszeiten des Alpenvorlandes im Wechsel mit den entsprechenden Interglazialen
Die vier Eiszeiten des Alpenvorlandes im Wechsel mit den entsprechenden Interglazialen. (zur besseren Korrelierung werden für die Warmphasen die international gebräuchlichen Begriffe Cromer, Holstein und Eem verwendet). Das schwarze Dreieck gibt das stratigraphische Niveau der Fundstelle von Haidershofen an der Enns in Niederösterreich an. OIS = Sauerstoffisotopenstadium (Grafik: A. Binsteiner)

Die Umgebung von Haidershofen an der Enns ist von glazialen Ablagerungen geprägt. Es lässt sich das gesamte Spektrum der letzten alpinen Eiszeiten nachweisen. Die Zwischeneiszeiten und Warmzeiten treten jeweils mit mächtigen Lehm- und Lössablagerungen in Erscheinung.

Im Einzelnen handelt es sich um eiszeitliche Schotter und Sande, die von Gletschermoränen oder von den Flusssystemen der abschmelzenden Eismassen in verschiedenen Terrassenzügen hinterlassen wurden. Die teils sehr groben Kiese führen in der Regel alle Arten von Quarzen, Serpentiniten und Gneisen, die aus den Formationen der Alpen verfrachtet wurden. Aber auch Kalkgesteine, Quarzite, Hornsteine und Radioalarite zählen zum Gesteinsspekrum dieser glazialen und fluvioglazialen Serien.

Die Abfolge beginnt auf der höchsten Terrasse in etwa 370 m über Normalnull mit den sogenannten »Älteren Deckenschottern«, die relativchronologisch in die Günz-Eiszeit zwischen etwa 800.- 600.000 Jahren vor heute datiert werden. Dann folgen in der Terrassenabfolge absteigend die »Jüngeren Deckenschotter« der Mindel-Eiszeit, die Hochterrassenschotter der Riss-Eiszeit und schließlich die Niederterrassenschotter der Würmeiszeit auf 300 m NN, die um 10.000 vor heute endete. Dazwischen liegen die Zwischeneiszeiten mit den entsprechenden Warmzeiten Cromer, Holstein und zuletzt Eem und den Sauertoffisotopenstadien OIS 13, OIS 9c und OIS 5e (siehe Abb. 2).