16.12.2017 - 19:52:23

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Naturkatastrophe in den Alpen

Der Untergang der Mondseekultur

17.12.2010
Abb.1. Teile des neuen Bergsturzes, der im Jahre 2009 am Südufer des Mondsees abging
Abb.1. Teile des neuen Bergsturzes, der im Jahre 2009 am Südufer des Mondsees abging. Im Vordergrund kubikmetergroße Kalkblöcke (Foto: Alexander Binsteiner)

Die Frühjahrsstürme im Jahr 2008 wüteten auch im Salzkammergut. An den Südhängen des Mondsees legte ein Windbruch mehrere Hektar Waldboden frei. Zum Vorschein kamen die Überreste eines verheerenden Bergsturzes, der, offenbar schon in vorgeschichtlicher Zeit, weite Teile des Südufers am Ausgang des Mondsees zum Attersee verschüttet hatte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt lebte die Diskussion um den Untergang der jungsteinzeitlichen Pfahlbausiedlung von See am Mondsee wieder auf, die am gegenüberliegenden Ufer errichtet, durch ein katastrophales Ereignis in prähistorischer Zeit mehrere Meter überflutet worden war.

Nach anhaltenden Regenfällen brachen 2009 erneut instabile Bereiche der Kalkwände unterhalb des Schafberges ab, rissen die Zufahrtsstraße zu einem alten Steinbruch in die Tiefe, und machten weitere Teile des alten Bergsturzareales zugänglich. Fast drei Jahre dauern die Forschungen am Mondsee jetzt an. Mittlerweile steht fest: Der alte Bergsturz und die Überflutung der Pfahlbausiedlung von See sind wahrscheinlich ein Ereignis gewesen.

Der archäologische Befund - Pfahlbauten am Mondsee

Abb. 2. Blick auf die Geländesituation in See am Mondsee am Ausgang der Seeache, die zum Attersee führt.
Abb. 2. Blick auf die Geländesituation in See am Mondsee am Ausgang der Seeache, die zum Attersee führt. Im Bildmittelpunkt deutlich dunkle Verfärbungen im Wasser zu sehen, die das jungsteinzeitliche Pfahlbauareal markieren (Foto: Alexander Binsteiner)

Bereits im Jahre 1872 entdeckte Matthäus Much die Pfahlbausiedlung von See am Mondsee, von der er berichtet, dass noch etwa 5000 Holzpfähle auf einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern im Seeton gut erhalten waren. Bei einer Wandlänge von 8 Metern, die er noch feststellen konnte, ließen sich etwa fünfzig lehmverputzte Holzbauten rekonstruieren. Das könnte hochgerechnet der Wohnraum für etwa 500 Erwachsene, Jungendliche und Kinder gewesen sein.

Heute liegt die jungsteinzeitliche Siedlungsfläche zwei bis vier Meter unter Wasser. Die Bauweise der Pfahlbauhütten am Mondsee zeigt aber mit aller Deutlichkeit, dass die Siedlungen an Land errichtet worden waren. Aufwendige Pfahlroste als Unterbauten der Hütten oder Grundschwellen für die aufgehenden Wandkonstruktionen, welche die Tauchgrabungen zeigten, ergeben unter Wasser keinen Sinn.

Abb. 3. Silexdolch aus alpinem Plattenhornstein, der in zwei Teilen geborgen wurde
Abb. 3. Silexdolch aus alpinem Plattenhornstein aus der Pfahlbausiedlung von See am Mondsee, OÖ, der in zwei Teilen geborgen wurde; Länge: 6,8 cm, Plattenstärke: 0,9 cm (Foto: Alexander Binsteiner)
Abb. 4. Abschlag aus Feuerstein der Monti Lessini ( Prov. Verona) aus der Pfahlbausiedlung am Mondsee
Abb. 4. Abschlag aus Feuerstein der Monti Lessini ( Prov. Verona) aus der Pfahlbausiedlung von See am Mondsee, OÖ, der die Verbindungen nach Oberitalien belegt; Länge: 4,8 cm (Foto: Alexander Binsteiner)
Abb. 5. Einer der vielen vollständig erhaltenen Keramikkrüge der Mondsee-Kultur
Abb. 5. Einer der vielen vollständig erhaltenen Keramikkrüge der Mondsee-Kultur mit typischer Verzierungsform und Resten der weißen Inkrustierung; Höhe: 15,0 cm (Foto: Alexander Binsteiner)

Die ungewöhnlich hohe Zahl von Einzelfunden, die Matthäus Much und seine Helfer vom Boot aus mit Stangen und Schaufeln aus dem Wasser bargen, zeugen unmittelbar vom Leben der steinzeitlichen Siedler am Mondsee. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass diese Bergungsmethode nur die oberen Schichten des Siedlungshorizontes erreichte. Besonders eindrucksvoll belegt das ein kleiner Silexdolch aus alpinem Plattenhornstein. Das Oberteil wurde schon von Matthäus Much geborgen, während die abgebrochene Spitze erst in den 1980-Jahren bei einer Tauchgrabung des Bundesdenkmalamtes zum Vorschein kam. Beide Teile passen perfekt zueinander. Der Dolch war übrigens schon in der Steinzeit zu Bruch gegangen. Das wurde bei den mikroskopischen Untersuchungen klar.

Abb. 6. Fragment eines Kupferbeiles mit Randleisten
Abb. 6. Fragment eines Kupferbeiles mit Randleisten von See, OÖ; Länge: 6,2 cm (Foto: Alexander Binsteiner)
Abb. 7. Inkohlte Apfelhälften aus der Siedlungsschicht von See am Mondsee
Abb. 7. Inkohlte Apfelhälften aus der Siedlungsschicht von See am Mondsee; Durchmesser der einzelnen Objekte rund 2,0 cm (Foto: Alexander Binsteiner)

Das Einzelstück ist in seiner Machart und Größe ein Ebenbild der italienischen Dolche, die durch die Zeitgenossen des Ötzi über den Alpenhauptkamm in das nördliche Alpenvorland gelangten. Das zeigt die Kontakte der Siedler am Mondsee zu den Besuchern aus dem Süden, und belegt überdies die Fertigkeiten der ortsansässigen Steinschmiede, die italienischen Vorbilder mit ihren eigenen Rohstoffen nachzubilden.

Hunderte von Steinbeilen, Knaufhammeräxten und Keulen schliffen die versierten Handwerker aus alpinen Gesteinen wie dem edlen Serpentinit. Auch die Zahl der Feuersteingeräte, Klingen, Erntesicheln und Pfeilspitzen geht mittlerweile in die Tausende.

Zum Fundgut gehörten zudem eine Unmenge von Keramiken, oftmals vollständig erhaltene Gefäße, die reich mit Spiral- und Kreismustern verziert waren. Auch sie vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von den Möglichkeiten der Keramikmeister von See.

Als Beleg für die Kupferverarbeitung fanden sich gut ein Dutzend der kostbaren Kupferbeile, Schmuck, selbst Angelhaken, dazu die Gusslöffel und Formen aus Ton.

Die Entdecker stocherten die verschiedensten Utensilien aus Holz, Knochen und Geweih aus dem Schlick. Auch Kunst- und Kultobjekte, wie Steinperlen oder die kleinen Tonplastiken von Schweinen, die vielleicht als Glücksbringer in den Hütten aufbewahrt wurden, waren unter den Funden. Selbst Nahrungsmittel, wie Getreideähren, Haselnüsse oder inkohlte Apfel- und Birnenhälften blieben in der Tonschicht des Seegrundes erhalten.

Es stellte sich bereits an dieser Stelle die Frage, warum die Siedler vom Mondsee nichts von alledem mitgenommen haben, als sie ihr Heim verließen.