15.12.2017 - 20:47:29

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Nespos

Digitale Daten, ihre Speicherung und Verfügbarkeit werden in der Archäologie des 21. Jahrhunderts ins Zentrum der Forschung rücken. Die Online-Datenbank NESPOS bietet Archäologen und Anthropologen die weltweit einmalige Möglichkeit ihre Forschungsergebnisse im Netz mit Kollegen zu teilen, wichtige Objekte digital zu archivieren und aktuell mehr als 16.000 Seiten mit Kerndaten zu Fundplätzen und Fundstücken für die eigene Arbeit zu nutzen. Ein Update hat aus der spröden Datenbank inzwischen eine interaktive Website gemacht, auf der nun auch die allgemeine Öffentlichkeit auf einen großen Teil der gespeicherten Informationen zugreifen kann.

Je weiter wir in der Zeit zurück schreiten, umso fragmentarischer werden die Hinterlassenschaften und Überreste, aus denen Archäologen und Anthropologen Aussagen über die Lebensweise früher Menschen rekonstruieren können. Präzise Methoden, die alle Untersuchungsmöglichkeiten ausschöpfen, sind daher gerade für Prähistoriker und Paläoanthropologen unerlässlich, um ihren Fundstücken Informationen zu entlocken. Folgerichtig hat sich vor allem in der Paläoanthropologie in den letzten Jahren eine weites Forschungsfeld gebildet, das neuste Computertechniken und mathematische Grundlagen anwendet, um aus wenigen Knochenstücken die virtuelle Rekonstruktion eines Schädels zu ermöglichen oder über geometrische Analysen die Ähnlichkeiten und Unterschiede zweier Oberschenkelknochen genauestens beschreiben zu können. In der virtuellen Anthropologie, wie sich diese Teildisziplin nennt, arbeiten Forscher ausschließlich mit digitalen Versionen ihrer Fundstücke, um diese mit hochspezialisierten Computerprogrammen am Bildschirm untersuchen zu können. Die Digitalisierung der Objekte erfolgt dabei durch einen CT- oder Oberflächenscanner, aus dem ein 3D-Modell errechnet wird.

Startseite der Datenbank mit allen wichtigen Navigationshilfen.
NESPOS Startseite

Die Idee, für diese Daten ein Archiv zu schaffen, das gleichzeitig auch als Plattform für den Austausch von 3D-Objekten dienen kann, wurde 2004 im Rahmen des EU-Projektes TNT (The Neanderthal Tools) umgesetzt und führte 2005 zur Gründung der NESPOS Society e.V. Zusammen mit dem Royal Belgian Institute of Natural Sciences, dem Croatian National History Museum, der Universität von Poitiers und drei technischen Partnern, initiierte das Neanderthal Museum eine über das Internet zugängliche Datenbank, in der Mitglieder ihre Forschungsergebnisse und digitalen Daten einstellen und wahlweise mit allen Mitgliedern oder einzelnen Kollegen teilen oder auch nur für sich selbst in einem privaten Bereich ablegen können. Die zentrale Speicherung der digitalen Version wichtiger Fundstücke soll so aus vielen Orten auf der ganzen Welt einen zentralen Ort schaffen, an dem der schnelle Zugriff auf eine maximale Stichprobengröße weit verstreuter Objekte möglich ist.

Arbeitsoberfläche der integrierten Software »Artecore«. Zu sehen ist der 3D- Scan eines Zahns (STL Modell).
3D-Software

Nicht zuletzt schont die Arbeit mit digitalen Kopien auch die Originale und leistet so einen entscheidenden Beitrag zu deren Erhaltung. Ein speziell für NESPOS entwickeltes Software-Paket ermöglicht auch Studenten und Doktoranden die Arbeit mit digitalen 3D-Objekten und Kartierungsprogrammen, ohne das kostspielige kommerzielle Lizenzen erworben werden müssen. Seit der Gründung der NESPOS Society wird das Projekt am Neanderthal Museum mit Unterstützung der Neanderthaler-Gesellschaft e.V. weitergeführt und ständig ausgebaut. Die Datenbank enthält heute wichtige Fundplatzinformationen mit Angaben zur Stratigraphie, Forschungsgeschichte und Datierungen, Objektinformation, Angaben zu Personen, Literaturzitate, Volltext- PDFs, CT-Scans, Oberflächenscans, Fotografien und Röntgenbilder. Das europäische Marie Curie-Trainingsnetzwerk EVAN (European Virtual Anthropology Network) nutzt NESPOS seit 2006 als digitales Bildarchiv.

Der Schwerpunkt von NESPOS wurde seit seinen Anfängen beträchtlich erweitert und ist heute nicht mehr auf Humanfossilien des Neanderthalers beschränkt. Aus dem Untertitel „Neanderthal Studies Professional Online Service“ wurde „Pleistocene People and Places“. Neben Daten zu frühen Hominiden und anatomisch modernen Menschen bilden archäologische Schlüsselobjekte einen neuen Kernbereich von NESPOS. Durch Oberflächenscans in Kooperation mit der Firma Breuckmann wurde erst kürzlich eine Reihe archäologischer Objekte zu Testzwecken digitalisiert. Dabei zeigte sich, dass Oberflächenscans der technischen Zeichnung sowohl hinsichtlich der Präzision als auch hinsichtlich des Zeitaufwandes überlegen sind. Stein- und Knochenwerke sowie Kleinkunstobjekte konnten hochauflösend gescannt werden und lieferten objektive Bilddaten, die der Zeichnung mit ihrer erheblichen interpretatorischen Individualität überlegen sind.