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Der Neandertaler im österreichischen Ennstal

Altsteinzeitliches Werkzeug aus Abensberger Hornstein auf einer eiszeitlichen Donauinsel nahe Linz entdeckt.

10.10.2010

Prolog

Abb. 1. Die Fundstellen des Donau-Enns Paläolithikums in Ober- und Niederösterreich

Seit Kurzem ist bekannt, dass wir doch zu einem geringen Prozentsatz den genetischen Code der Neandertaler in uns tragen. Nicht zuletzt dadurch treten verstärkt Regionen in den Blickpunkt des wissenschaftlichen Interesses, aus denen Artefakte der Cro-Magnon- Menschen (homo sapiens) wie auch des Neandertalers (homo neanderthalensis) vorliegen. Angeregt durch die Entdeckung und Analyse neuer Fundstellen in Ober- und Niederösterreichs bekommen nun auch viele Altfunde einen anderen Stellenwert.

Viele unserer gängigen Vorstellungen müssen neu überdacht werden. Die Diskussion wird dementsprechend kontrovers geführt1. Entscheidend ist die Frage, wann der Neandertaler aus dem Donaukorridor verschwand und der moderne Mensch die Bühne betrat. Die magische Zeitmarke liegt bei 40.000 Jahre vor heute. Es ist ungeklärt, ob sich beide Menschenarten im mittleren Abschnitt der Donau in diesem Zeitraum begegnet sind, und ob es zu einem kulturellen und technologischen Austausch gekommen ist. Dieser Frage nachzugehen, ist eines der spannendsten Kapitel der Altsteinzeitforschung. Das Ennstal und die Mündungsregion der Enns in die Donau bieten dafür aktuell neue Ansatzpunkte.

Die Artefakte

Abb. 2. Levallois-Spitzen von der "Berglitzl" bei Gusen, Gemeinde Langenstein, OÖ
Abb. 3. Levallois-Technik in der Freilandstation von Ernsthofen, Bezirk Amstetten, NÖ
Abb. 4. Schaber aus der Fundstelle von Ernsthofen, NÖ

Den Stein ins Rollen brachte die Entdeckung einer neuen Freilandstation im Bezirk Perg2, Oberösterreich. Danach ging es Schlag auf Schlag. Es folgte die Aufnahme der Altfunde der Grabungen auf der „Berglitlz“ bei Gusen3 und der paläolithischen Artefakte vom Rebenstein in Laussa4. Dann erreichte uns die Nachricht einer Fundstelle in Ernsthofen5 an der Enns im Bezirk Amstetten, Niederösterreich, die sich als wahrer Glücksfall entpuppte. Zuletzt konnten dann noch der Faustkeil von Großraming6 und die Funde der Ramesch-Knochenhöhle im Toten Gebirge7 in die Untersuchung einbezogen werden.

Rohstoffe

Allen Funden gemeinsam ist die sehr spezifische Verwendung einheimischer Rohstoffe.Die umfassenden Gesteinsanalysen ergaben einwandfrei, dass die Schotter der Fluss- und Gletscherablagerungen der letzten Eiszeiten für die Gewinnung verwertbarer Materialen genützt wurden. Mit der Ausnahme von Ernsthofen stand dabei die Gruppe der alpinen Hornsteine und Radiolarite im Vordergrund. So waren in Weinzierl rund 87,5 Prozent und auf der "Berglitzl" 76 Prozent der Artefakte aus diesen sehr typischen Silexgesteinen gefertigt worden. In Ernsthofen dagegen trat dieser Anteil deutlich zugunsten eines hochwertigen Quarzites zurück, dessen Anteil bei rund 75 Prozent lag. Als Primärvorkommen kommt der Werfener Quarzit als Teil einer Formation der Unteren Trias in Frage. Die ursprünglichen Lagerstätten der Hornsteine und Radiolarite liegen in den Kalkserien des alpinen Jura und der Trias.

Die Levallois-Technik

Der Großteil der Artefakte zeigt die Merkmale der Levallois-Technik. Aus technologischer Sicht ist die Levallois-Methode eine klar abgrenzbare Herstellungsweise von Steingeräten, die im Wesentlichen von aufwendig vorpräparierten und zentripedalen Kernen lebt. Dadurch entstehen sehr spezifische Abschlagsformen. Bestimmend sind in unseren Zusammenhängen präparierte Schlagflächenreste, dorsale Leitgrate und eine konvexe Krümmung bis gerade Ausrichtung der Ventralfläche. Bei den Präparationsabschlägen liegt der Anteil der Levallois-Technik bei rund 60 Prozent. In der Gruppe der Kerne macht der Anteil mit eindeutigen Levallois-Merkmalen 24 Prozent aus. Levallois-Kerne weisen zudem in den meisten Fällen eine geringere Höhe auf. Bei den Schabern ist die Levallois-Technik mit 58 Prozent vertreten. Besondere Bedeutung kommt den Levallois-Spitzen zu. Die Rohmaterialeien dafür sind, wie bei den übrigen Artefakten, auf die Hauptgruppen der Hornsteine, Radiolarite und Quarzite verteilt. Während bei den Längen- und Breitenwerten die Rohstoffe keine Rolle spielen, sind die Quarzitgeräte aber eindeutig etwas dicker. Das liegt an der höheren Körnigkeit der Quarzite.

Demgegenüber stehen vermeintlich "moderne" Methoden, Klingen und Abschläge von konischen Kernen direkt oder mit Zwischenstück (Punch) abzuspalten. Sonderformen wie Bohrer, Stichel und vor allem Kratzer wurden fast ausschließlich konventionell in dieser sogenannten volumetrischen Technik des Jungpaläolithikums gefertigt. Das Gleiche gilt für die Klingen, die mit wenigen Ausnahmen volumetrisch hergestellt wurden. Die zentrale Frage ist, ob die Neandertaler bereits diese "modernen" Technologien beherrschten.

  • [1] Dazu: M. Soressi, Die Steintechnologie des Spätmoustérien. Ihre Bedeutung für die Entstehungsgeschwindigkeit modernen Verhaltens und die Beziehung zwischen modernem Verhalten und biologischer Modernität. Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte Blaubeuren 13, 2004, 9-28.
  • [2] A. Binsteiner – E. M. Ruprechtsberger, Späte Altsteinzeit im Linzer Raum. Linzer Archäologische Forschungen, Sh 43, Linz 2009, 1-126.
  • [3] A. Binsteiner – E. M. Ruprechtsberger, Von der Alt- zur Jungsteinzeit. Die Berglitzl bei Gusen im Spannungsfeld der Forschung. Studien zur Kulturgeschichte Oberösterreichs, Linz 2010 (in Druckvorbereitung).
  • [4] D. Mitterkalkgruber, Paläolithische Hornsteinartefakte vom Rebenstein in Laussa, Oberösterreich. Jahrbuch des OÖMV, Bd. 102, Linz 1957, 127-131. Die Artefakte vom nahegelegenen Nixloch haben ein jüngeres Alter. Dazu: K.G. Kunst et al., Erste Grabungsergebnisse vom Nixloch bei Losenstein-Ternberg. Jb. OÖ Mus.-Ver., Bd. 134/I, Linz 1989, 210-211.
  • [5] Dazu bereits im Druck: A. Binsteiner – E. M. Ruprechtsberger, Das Donau-Enns-Paläolithikum. Mit Forschungsüberblicken zu Nieder- und Oberösterreich. Linzer Archäologische Forschungen, Sh 45 (Linz 2010).
  • [6] Dazu: H. Kohl, Paläolithische Funde in Oberösterreich aus geowissenschaftlicher Sicht. OÖHeimatbl. 50 (1996) 131, Abb. 12.
  • [7] G. Rabeder, Die Grabungen des Oberösterreichischen Landesmuseums in der Rameschhöhle (Totes Gebirge, Warscheneck-Gruppe). Jb. Oö. Mus.-Ver., Bd. 130, Linz 1985, 167, Texttab. 2., 169-172.