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Ein Stück Stadtmauer in Hattuša.

von Jürgen Seeher - 22.5.2008

Lehmziegel waren bis weit ins 20. Jh. in Anatolien ein weit verbreitetes Baumaterial. Inzwischen sind sie in den meisten Gegenden von Fabrikziegeln und Beton verdrängt worden. Ältere Männer kennen jedoch noch aus ihrer Jugend das nötige Know-How. Ihr Wissen und ihre Ratschläge waren nützlich bei der Entwicklung der richtigen Techniken für die Ziegelherstellung, und vor allem auch bei der Suche nach geeigneten Lehmvorkommen in der Umgebung der Hethiterstadt.

Die Mauer ist rund 7 m breit und als Kastenmauer gebaut – eine äussere und eine innere Lehmziegelmauer sind durch kurze Quermauern miteinander verbunden. Die so entstehenden Hohlräume (=Kästen) werden später mit Erdreich verfüllt. (Photo: DAI)
Die Mauer ist rund 7 m breit und als Kastenmauer gebaut – eine äussere und eine innere Lehmziegelmauer sind durch kurze Quermauern miteinander verbunden. Die so entstehenden Hohlräume (=Kästen) werden später mit Erdreich verfüllt. (Photo: DAI)

Die Bauzeit für den rekonstruierten Mauerabschnitt betrug etwa 11 Monate, in denen 6772 Manntage gearbeitet wurden. Im Durchschnitt waren täglich 27 Arbeiter damit beschäftigt, den Steinsockel zu bauen, Lehmziegel zu produzieren und die Lehmziegelmauern hochzuziehen. Diese Zahlen reichen allerdings noch nicht aus, um den Arbeitsaufwand der Hethiter zu rekonstruieren, denn es gibt einen wesentlichen Unterschied: Um die Kosten nicht in astronomische Höhen steigen zu lassen, wurden bei dem Rekonstruktionsprojekt für die Beschaffung des benötigten Materials Maschinen eingesetzt  – die Lehmerde wurde mit Baggern gegraben und mit Lastwagen transportiert, Steine und Bauholz kamen per Traktor, und das Wasser wurde mit Tankwagen angeliefert. Für diese Arbeitsleistungen lassen sich jedoch Schätzwerte einsetzen, und daraus ergibt sich, das rund 1000 Arbeitskräfte ausgereicht haben dürften, um pro Jahr einen Kilometer Stadtmauer zu bauen, inklusive Beschaffung und Transport des Materials und unter Berücksichtigung längerer Arbeitsausfälle während der Wintermonate.

Die Ziegel müssen erst einige Tage flach liegend trocknen. Dann werden sie aufgestellt, um eine bessere Luftzirkulation zu ermöglichen. Nach 10-11 Tagen können die Ziegel dann verbaut werden. (Photo: DAI)
Die Ziegel müssen erst einige Tage flach liegend trocknen. Dann werden sie aufgestellt, um eine bessere Luftzirkulation zu ermöglichen. Nach 10-11 Tagen können die Ziegel dann verbaut werden. (Photo: DAI)

Das hört sich zunächst nach viel an, aber man muss bedenken, dass sich diese Arbeitermenge auf zahlreiche Arbeitsgruppen verteilt, die an unterschiedlichen Orten eingesetzt sind. So werden als Baumaterial Steine, Lehm, Stroh, Holz und das Dachdeckungsmaterial Serpentinit an ganz verschiedenen Stellen gewonnen, und auch die Wasserbeschaffung (Stauung und Umleitung von Bachläufen) erfordert eigene Arbeitstrupps. Sodann ist die Produktion der Ziegel ein ganz eigenes Arbeitsfeld, das separat vom Mauerbau zu organisieren ist.Hierfür werden riesige Lagerflächen benötigt, weil die Ziegel 10-11 Tage in der Sonne trocknen müssen bevor sie verbaut werden können. Und dann der Mauerbau selber, der auch nicht als eine einzelne Baustelle aufzufassen ist, sondern als eine Reihung von Bauplätzen in der Trasse der Mauer mit ganz unterschiedlichen Bauzuständen. Schließlich ist noch der Personalbedarf für den Materialtransport sowie die Versorgung von Mensch und Tier, also Nahrungsproduktion und Erzeugung der Ausstattung mit Werkzeugen, Wagen etc. zu berücksichtigen.

Lehm ist ein sehr stabiles Baumaterial, aber es wird vom Regen angegriffen (links erkennt man Lehmschlieren, die mit dem Regenwasser an der Mauer herabgelaufen sind). Daher ist ein gut haftender Lehmverputz, der je nach Bedarf immer wieder ausgebessert und erneuert werden muß, lebenswichtig für den Erhalt des Bauwerks. (Photo: DAI)
Lehm ist ein sehr stabiles Baumaterial, aber es wird vom Regen angegriffen (links erkennt man Lehmschlieren, die mit dem Regenwasser an der Mauer herabgelaufen sind). Daher ist ein gut haftender Lehmverputz, der je nach Bedarf immer wieder ausgebessert und erneuert werden muß, lebenswichtig für den Erhalt des Bauwerks. (Photo: DAI)

Es waren also tatsächlich nirgendwo unüberschaubar große Arbeitergruppen im Einsatz. Entscheidend für den Baufortschritt war eine gute Arbeitsorganisation sowie die Gewährleistung eines ununterbrochenen Materialnachschubs – eine Binsenweisheit in unserem heutigen Industriezeitalter.

Mit dem Abschluß der Bauarbeiten ist das Projekt noch nicht beendet. Da bewußt darauf verzichtet wurde, dem Lehm konservierende Zuschläge beizumischen, kann nun das ‚Verhalten’ dieses Großbaus aus ungebrannten Lehmziegeln im rauen Klima Zentralanatoliens beobachtet werden. Seit der Fertigstellung und in den kommenden Jahren wird registriert, welche Teile besonders durch Erosion gefährdet sind und welcher Aufwand in welchen Abständen nötig ist, um die Funktion und Stabilität der Mauern und der Dachdeckungen zu gewährleisten. Damit wird es möglich, auch Fragen der Unterhaltung in hethitischer Zeit nachzuvollziehen, ebenfalls ein Aspekt der experimentellen Archäologie.

 

weitere Informationen

Die Beschreibung des Bauprojekts ist kürzlich in einer ausführlich bebilderten Monographie veröffentlicht worden www.dainst.org/index_8124_de.html

Einen Überblick über das Projekt bietet außerdem die Webseite des des Deutschen Archäologischen Instituts: www.dainst.org/index_4437_de.html

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