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Ein Stück Stadtmauer in Hattuša

22.5.2008
Die hethitischen Stadtmauern waren sehr systematisch gebaut und mit zahlreichen Türmen, meist im Abstand von nur rund 20 m, ausgestattet (Photo: DAI)
Die hethitischen Stadtmauern waren sehr systematisch gebaut und mit zahlreichen Türmen, meist im Abstand von nur rund 20 m, ausgestattet (Photo: DAI)

Jeder Archäologe denkt daran, einmal eine ausgegrabene Ruine als Bauwerk wiedererstehen zu lassen. Bei verfallenen Gebäuden aus Stein wird das öfter praktiziert, wenn genug Bauteile erhalten sind. Anders ist das bei Bauwerken, die aus vergänglichem Material errichtet wurden. Das betrifft die meisten vor- und frühgeschichtlichen Bauten in Europa ebenso wie diejenigen des Vorderen Orients: Während erstere meist aus Holz, Flechtwerk und Lehm bestanden, baute man im Orient seit vielen tausend Jahren mit luftgetrockneten, also ungebrannten Lehmziegeln. Dieses Material ist leicht herzustellen und äußerst stabil, aber wenn man die Bauten sich selbst überlässt, zerfallen die Wände früher oder später zu Staub bzw. zu amorphen Erdmassen.

Auch in Hattuša, der Hauptstadt des hethitischen Reiches in Zentralanatolien (ca. 1650-1200 v. Chr.), war das so: Man findet auch hier meist nur die steinernen Fundamente und Sockelmauern der Gebäude. Nur in einigen Brandruinen haben sich Reste der Lehmwände erhalten – in der Hitze des Feuers sind sie verziegelt und hart gebrannt worden. Daher weiß man auch, dass die Hethiter mit großen quadratischen Ziegeln, die durchschnittlich 45 x 45 cm maßen und etwa 10 cm dick waren, gearbeitet haben. Dennoch sind diese Mauerreste kaum aussagekräftig genug, um damit ganze Baurekonstruktionen vornehmen zu können.

Von den Lehmziegel-Stadtmauern der Hethiter sind nur noch die Sockel aus Bruchsteinen erhalten. Ohne solche Tonmodelle, die einst die Ränder von großen Kultvasen zierten und die viele Details darstellen, wären sinnvolle Rekonstruktionen kaum möglich. (Photo: DAI)
Von den Lehmziegel-Stadtmauern der Hethiter sind nur noch die Sockel aus Bruchsteinen erhalten. Ohne solche Tonmodelle, die einst die Ränder von großen Kultvasen zierten und die viele Details darstellen, wären sinnvolle Rekonstruktionen kaum möglich. (Photo: DAI)

Für das Aussehen der Stadtmauern gibt es jedoch zusätzliche Informationen, über die die Gestalt dieser Anlagen einigermaßen verlässlich zu erschließen ist. Es gibt nämlich einige Modelle aus Ton, die einst die Ränder von großen Tongefäßen zierten. Besonders auffällig sind die dreieckigen Zinnen auf den Mauern und Türmen, aber es lassen sich auch Fenster und sogar die Köpfe der Holzbalken für die Geschoßdecken in den Türmen erkennen.

Unter Berücksichtigung dieser Quellen hat das Deutsche Archäologische Institut in den Jahren 2003-2005 einen 65 m langen Abschnitt der Lehmziegel-Stadtmauer in Hattuša rekonstruiert. Drei 7-8 m hohe Kurtinenabschnitte und zwei 12-13 m hohe Wehrtürme geben einen Eindruck davon, wie wehrhaft diese Stadt war und wie imposant ihre Lehmziegelarchitektur einst auf den Besucher gewirkt haben muss. Als Sponsor unterstützte Japan Tobacco International die Arbeiten.

Bei diesem Projekt sollte aber nicht nur ein Bauwerk rekonstruiert werden. Gleichzeitig handelt es sich dabei um einen Beitrag zur experimentellen Archäologie. Es wurde versucht, möglichst mit den auch vor 3500 Jahren zur Verfügung stehenden Materialien und Methoden zu bauen – oder zumindest zu wissen, wie es damals gemacht worden sein könnte.

64000 Lehmziegel mussten für die Rekonstruktion produziert werden. Sie bestehen nur aus Lehm, Stroh (als Magerung) und Wasser. Auf künstliche Konservierungsmittel wurde verzichtet, um das Verhalten des Mauerwerks in Wind und Wetter in den kommenden Jahren beobachten zu können. (Photo: DAI)
64000 Lehmziegel mussten für die Rekonstruktion produziert werden. Sie bestehen nur aus Lehm, Stroh (als Magerung) und Wasser. Auf künstliche Konservierungsmittel wurde verzichtet, um das Verhalten des Mauerwerks in Wind und Wetter in den kommenden Jahren beobachten zu können. (Photo: DAI)

Die Dokumentation der Arbeitsabläufe und Zeitspannen war von Anfang an Teil des Projekts, und auch die Art und Menge der verwendeten Materialien wurde genau registriert. So bekommt man eine Vorstellung vom Arbeitsaufwand in hethitischer Zeit. Und der war gewaltig, wenn man sich vor Augen hält, dass die verschiedenen Stadtmauerabschnitte von Hattuša über 9 km lang waren.

Allein für das jetzt rekonstruierte 65 m lange Mauerstück, d.h. nur rund 0,7 % der hethitischen Befestigungen, wurden 64000 Lehmziegel benötigt. Zusammen mit Mörtel- und Verputzmaterial bedeutet das 2700 t Lehmerde, die zu beschaffen und zu verarbeiten war, zusammen mit 100 t Stroh als Magerung und rund 1500 t Wasser. Dazu kommen größere Mengen von Steinen für den Mauersockel, Bauholz und çorak, einem Grus aus verwittertem Serpentinit, mit dem die Dächer gedeckt wurden.

Kommentare

h.olberg , 26.05.2008 06:48
Danke für diesen sehr informativen Artikel. Gerade über Publizierung der experimentellen Archäologie wird Geschichte auch für Laien erlebbar!
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xaver195 , 26.05.2008 18:21
Toll, finde ich auch. Es müßte eigentlich viel mehr mit der
experimentellen Archäologie
gearbeitet werden. Aber vermutlich ist auch das wieder eine Geldfrage.
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Rolf Nowack , 27.05.2008 12:45
Ich lese immer nur von Stadtmauern aus Südeuropa oder dem Vorderen Orient. Vielleicht sollte das Deutsche Archäologische Institut auch einmal die Großwallanlage bei Osnabrück untersuchen und rekonstruieren. Diese vom vormaliegen Kreisarchäologen Schlüter entdeckte Befestigung hat mit 400 (Zentralanlage) bis 800 (Vorburgsysteme)Hektaren Fläche eine Umwallung von knapp 11 Kilometern gehabt. Obwohl die Anlage seit etlichen Jahrzehnten in Teilen bekannt war, gab es keine größeren Vermessungen oder Flächengrabungen. Zudem liegen im Außenbereich nur 300 Meter vom Haus des neuen Osnabrücker Jungarchäologen eine wüste Wasserburg, sowie einige Verhüttungsplätze für Eisen- und Buntmetallerze. Es gibt in Niedersachsen weitere bis zu 200 Hektar grosse Wallanlagen. Warum wird unser Bundesland von den Sponsoren aus der Wirtschaft und Politik nur so stiefmütterlich bedacht?
Zur Rekonstruktion von Gebäuden und Mauern möchte ich daraufhinweisen, dass ein komplett restaurierter Abschnitt für Touristen sehr atraktiv ist. Für den Fachlaien würden in Baustufen rekonstruierte Teilbereiche zusätzlich einen tieferen Einblick in die Bauweise der damaligen Kulturen erlauben.
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stefanie kemper , 11.11.2008 17:40
Anfang November sind wir aus der Türkei zurück gekommen, durften Hattuscha ganz alleine für uns genießen, waren aus unserer Zeit in einer anderen Zeit, sahen auf die herbstlich gefärbten Bäüme westlich vom Yerkapi-Wall, sahen die letzten Blumen stehen, die Wolken verdeckten den einen und anderen Berg und so gingen wir im dunkel werdenden Licht von Stein zu Stein, zuletzt in der Unterstadt.
Daher finde ich die Rekonkonstruktion der Mauer gut und wichtig, jedoch ist sie in meiner Stimmungserinnerung vielleicht eher wie ein unwirklicher "Fremdkörper" in der Landschaft.
Herr Seeher: vielen Dank für den hervorragenden Hattuscha-Führer, der den reinsten Lesesog verursachte und uns den Abend in dem sehr kalten Hotelzimmer im Hotel Asikoglu erwärmte! Man hat ihn uns dort gleich angeboten und es war sehr gut, ihn während des Schauens bei sich zu haben.
Stefanie Kemper aus Maierhöfen/Allgäu.
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H.Olberg , 02.03.2009 09:47
Danke Herr Nowack, ganz Ihrer Meinung, wenn schon Rekonstruktion, dann mit dem musealen Auftrag. Das erkennen von Baustufen und Bautechniken ist aber auch für Laien wie mich das Interessante. MfG H.Olberg
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