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Das Märchen vom entfärbten Glas

26.11.2008
Abb. 1. Nuppenbecher (Replik aus Böhmen) (Foto: Autor)
Abb. 1. Nuppenbecher (Replik aus Böhmen) (Foto: Autor)

Das in den deutschen Glashütten im Mittelalter und in der frühen Neuzeit erzeugte Gebrauchsglas war in der Regel mehr oder minder stark grün gefärbt. Die Bezeichnung „Waldglas“ hierfür geht jedoch nicht auf die „waldgrüne“ Färbung, sondern auf den Standort der Hütten im Walde zurück. Abbildung 1 zeigt einen Nuppenbecher aus leicht grünem Glas; es handelt sich um eine Replik aus Böhmen. Mehr oder minder farblose Nuppenbecher waren im 13./14. Jahrhundert weit verbreitet.

Die Färbung wird von Eisen verursacht, das in den verwendeten Rohstoffen (Holzasche, Sand oder Kiesel, ggf. Kalkstein) als Verunreinigung praktisch immer vorhandenen ist. Je nach der Eisenkonzentration und den Schmelzbedingungen werden blau- oder gelbstichige, starke oder schwache Grünfärbungen erhalten. In Abbildung 2 sind einige stärker grün gefärbte Glasfragmente gezeigt.[1]

Abb. 2. Glasfragmente (Bodenfunde) (Foto: Autor)
Abb. 2. Glasfragmente (Bodenfunde) (Foto: Autor)

In der Regel war diese Färbung unerwünscht, und die Suche nach Methoden zur Herstellung farblosen Glases ist uralt, da auch schon antike römische Glashütten vor dem Problem standen.

Ein Weg hierzu – und sicherlich der beste – ist die Verwendung von wirklich eisenfreien Rohstoffen. Die venezianischen Glashütten verfügten hierüber dank ihres weit gespannten Handelsnetzes: die aus dem Orient bezogene Seepflanzenasche ist praktisch eisenfrei, auch die als Siliziumquelle dienenden schneeweißen Flusskiesel aus Norditalien weisen praktisch keine Eisenverunreinigung auf. Die Glashütten von Venedig konnten also ein farbloses Glas herstellen, das als „cristal de Venise“ ab der frühen Neuzeit den Maßstab setzte. Die Herstellung von Glas dieser Spitzenqualität war ein Ziel der Glashütten. Da eisenfreie Rohstoffe jedoch selten verfügbar waren (die verwendete Holzasche war immer eisenhaltig, wie auch meistens der Sand), suchte man Verfahren zur Entfärbung von Glas.

Der Wunsch zur Herstellung farblosen Glases besteht – wie schon erwähnt -  nicht erst seit dem Mittelalter; bereits antike römische Glashütten suchten nach Möglichkeiten hierzu.

Ein Weg wird bereits von Plinius d. Ä.[2] beschrieben, wenn auch unklar: der Zusatz von magnes lapis („dies soll die Glasflüssigkeit anziehen wie das Eisen“), unter dem mit hoher Wahrscheinlichkeit Braunstein, Mangan(IV)-oxid, zu verstehen ist.

Agricola [3] beschreibt offenbar unter Bezugnahme auf Plinius die Verwendung von einem „klein stücklin Magnets“ zur Entfärbung. Diesem wird die Fähigkeit zugesprochen, die flüssige Substanz des Glases an sich zu ziehen – „wie er das eisen an sich ziehet“ – und es dabei zu reinigen und aus grünem und gelbem Glas weißes zu machen. „Den Magneten aber verzert darnach das eisen“. Auch er meint sicherlich den Braunstein, wenn auch die Beschreibung seiner Wirkung noch von der Unkenntnis der zugrunde liegenden chemischen Reaktionen geprägt ist.

 

  • [1] An dieser Stelle sei erwähnt, dass die starke Grünfärbung rezenter Weinflaschen nicht durch Eisen verursacht wird, sondern durch Chrom.
    [2] Plinius d. Ä., 2. Hälfte 1. Jh. n. Chr., 36, 192.
    [3] Agricola, 1557, 12. Buch, 484.