01.11.2014 - 04:53:10

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Mittelalterliche Zitadelle in Syrien neu entdeckt

Eine verschwundene, einst bedeutende Zitadelle wurde mitten in der dicht bebauten syrischen Großstadt ar-Raqqa am Euphrat wieder entdeckt. Dies gelang mit Hilfe von bislang unveröffentlichten historischen Luft- und Reisefotografien im Vergleich mit mittelalterlichen Texten. Ar-Raqqa war im 8. Jahrhundert die glanzvolle Residenzstadt des auch aus den Märchen bekannten Kalifen Harun ar-Raschid. Ihre zweite Blütephase erlebte die Stadt als Residenz der Ayyubiden im 13. Jahrhundert. Heute ist sie mit etwa 200.000 Einwohnern Hauptstadt einer landwirtschaftlich bedeutenden Provinz.

Der Baumwollboom der fünfziger Jahre

Die Zitadelle (Foto: Institut Français du Proche Orient, Aufnahme vom 16.6.1939)
Die Zitadelle (Foto: Institut Français du Proche Orient, Aufnahme vom 16.6.1939)

Der weltweite wirtschaftliche Boom infolge des Koreakrieges während der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts erreichte auch die Provinzstadt ar-Raqqa. Sie stieg zu einem bedeutenden Zentrum der Baumwollproduktion auf. Die Ruine der Zitadelle wurde damals mit Bulldozern ohne Dokumentation weggeschoben, um Platz für einen wichtigen Verkehrsverteiler am Rande der Innenstadt und ein politisches Denkmal zu schaffen. Nur ältere Leute in ar-Raqqa erinnern sich heute noch an den gewaltigen Stumpf eines der Türme.

Die verhängnisvolle späte Datierung

Die Ruine war zwar bekannt gewesen, aber als eine späte Anlage und daher als unbedeutend angesehen worden. Reiseberichte des 16., 19. und frühen 20. Jahrhunderts erwähnen sie, beschreiben sie aber nicht. Die für die Region typische Lehmziegelbauweise hatte im Verfall nur eine quadratische hügelige Erhebung mit den Stümpfen von vier massiven Türmen hinterlassen. Viele der gebrannten Lehmziegel fanden auch bei dem Bau des Dorfes ar-Raqqa Verwendung, das als osmanische Wehrsiedlung am mittleren Euphrat im Jahr 1864 neu entrichtet worden war.

Friedrich Sarre und Ernst Herzfeld, die im Jahr 1907 die Region bereisten, um einen geeigneten Ort für eine deutsche islamische Grabung zu finden, erwähnen die Zitadelle nur kurz. Ihr Interesse galt der frühislamischen Zeit. Auf ihrer Planskizze von ar-Raqqa findet sich daher nur ein quadratischer Komplex, den sie als "Citadelle" kennzeichnen, ohne näher darauf einzugehen. In der Planskizze aus dem Jahr 1940 von Sir Archibald Creswell, dem einflußreichsten Historiker früher islamischer Architektur im 20. Jahrhundert, findet sich an dieser Stelle nur eine unbenannte schraffierte quadratische Erderhebung.

Der Uhrenturmplatz am Standort der Zitadelle. (Foto: Dr. Stefan Heidemann)
Der Uhrenturmplatz am Standort der Zitadelle. (Foto: Dr. Stefan Heidemann)

Man vermutete in der Ruine eine osmanische Anlage. Das Interesse an osmanischer Wehrarchitektur war noch gering. Einige der bedeutenden Zitadellen Syriens, so die in Aleppo und Damaskus, waren noch bis in die achtziger Jahre hinein in militärischer und polizeilicher Nutzung. In den fünfziger Jahren konzentrierte die Syrische Antikenverwaltung ihre Aktivitäten mehr auf das außerhalb der Stadt gelegene abbasidische Palastviertel, während im Stadtkern eine moderne Verkehrsführung entstand. Die Zitadelle verschwand. So findet sich die Zitadelle auch nicht mehr auf einigen jüngeren archäologischen Karten, die im Rahmen einer deutsch-syrischen Kooperationsgrabung entstanden.

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