Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)
Vollgriffdolche als Statussymbole frühbronzezeitlicher Eliten.

von Stefan Schwenzer -

Abb. 7 Foto, Rekonstruktion und Zeichnung eines Vollgriffdolches mit Kompositgriff aus dem Hortfund von Bresinchen bei Guben. Foto: D. Sommer, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum; Zeichnung: RGZM; Rekonstruktion: Autor.
Abb. 7 Foto, Rekonstruktion und Zeichnung eines Vollgriffdolches mit Kompositgriff aus dem Hortfund von Bresinchen bei Guben. Foto: D. Sommer, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum; Zeichnung: RGZM; Rekonstruktion: Autor.
Abb. 8 Grabinventar von Thun-Renzenbühl, Grab 1. Nach Strahm 1964.
Abb. 8 Grabinventar von Thun-Renzenbühl, Grab 1. Nach Strahm 1964.

Die gezeigten Beispiele verdeutlichen, dass es durch eine gezielte Untersuchung und Differenzierung der Herstellungstechnik möglich ist, Verbreitungsmuster herauszuarbeiten in denen unterschiedliche Werkstattkreise oder Werkstatttraditionen erkennbar werden. Dass diese Werkstattkreise ohne Zweifel in enger Kommunikation miteinander standen, belegt das Vorkommen verschiedener Herstellungstechniken bei Vollgriffdolchen des gleichen Typs.

Darüber hinaus zeigt der Nachweis der aufwändigen Guss- und Herstellungsverfahren kombiniert mit der Verwendung von Gold, Bernstein und anderer organischer Materialien (Abb. 7), dass es nicht allein die Funktion als Waffe oder Werkzeug war, die den Wert der Vollgriffdolche ausmachte. In ihnen manifestiert sich ein Maß an Luxus, der den Dolchen über die profane Funktion hinaus eine Symbolfunktion gab, die seinen Besitzer zweifellos als hervorgehobene Persönlichkeit kennzeichnen sollte. Mehrfach wurden Vollgriffdolche als Teil einer reichen Grabausstattung gefunden (Hafner 1995). In der Schweiz kann das Grab 1 von Thun-Renzenbühl als Beispiel angeführt werden (Abb. 8). In Polen wurde in der Nebenbestattung des Grabhügels 1 von Leki Male ebenfalls ein Vollgriffdolch gefunden. Doch auch die Tatsache, dass Vollgriffdolche vielfach in reich ausgestatteten Hortfunden auftreten, zeigt ihre besondere Bedeutung (Abb. 9). Zweifellos wurden sie im Rahmen von Opferhandlungen zusammen mit den anderen Teilen des Hortes deponiert. Dabei konnten die Dolche sowohl aus dem Besitz einzelner, herausragender Personen der opfernden Gruppe stammen, als auch als Besitz der gesamten Gemeinschaft geopfert worden sein. Das gemeinsame Vorkommen von Dolch- und Stierdarstellungen auf frühbronzezeitlichen Felsbildern gibt darüber hinaus einen weiteren Hinweis auf den religiösen Symbolgehalt der Dolche in der Frühbronzezeit (Abb. 10).

Entstanden sind die Vollgriffdolche in einem nach archäologischen Massstäben relativ kurzen Zeitraum. Die ältesten Stücke wurden wohl um 2000 v.Chr. oder kurz danach in Italien und in der Westschweiz produziert. Nur wenig später gelangte die Technik auch in den Raum der Aunjetitzer Kultur, wo die ältesten Stücke etwa um 1900 v.Chr. hergestellt worden sein könnten. Erst am Ende der Frühbronzezeit um 1600 v.Chr. wurden die prachtvollen Dolche allmählich durch die neu aufkommenden Schwerter ersetzt.

Abb. 9 Vollgriffdolche aus dem Hortfund von Bresinchen bei Guben. Foto: D. Sommer, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum.
Abb. 9 Vollgriffdolche aus dem Hortfund von Bresinchen bei Guben. Foto: D. Sommer, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum.
Abb. 10 Dolch- und Stierdarstellungen vom Mont Bego (Dep. Alpes Maritimes, F). Nach H. de Lumley, Le Mont Bego. Guides archéologiques de la france (1992).
Abb. 10 Dolch- und Stierdarstellungen vom Mont Bego (Dep. Alpes Maritimes, F). Nach H. de Lumley, Le Mont Bego. Guides archéologiques de la france (1992).

Auch in Italien sind die sogenannten Vollgriffdolche wahrscheinlich nicht ohne äußeren Einfluss entstanden. In Vorderasien sind schon in der Zeit um 2500 v.Chr. Prunkdolche als Grabbeigaben in Königsgräbern belegt. Neue Gusstechniken, wie der Guss auf Tonkern mit Kernhaltern, sind zu dieser Zeit ebenfalls im Vorderen Orient nachzuweisen. Schon seit längerem vermutet man auch den Ursprung der europäischen Zinnmetallurgie im Vorderen Orient, nachdem ältere Forschungsansätze, die eine unabhängige Entstehung in Europa vertraten, widerlegt werden konnten. Ob die Zinnmetallurgie über das Karpatenbecken und die Donau oder von Westen, aus dem Bereich der Atlantischen Frühbronzezeit kommend, Mitteleuropa erreichte, wird heute wieder kontrovers diskutiert (Rassmann 2003). Auch ein dritter Weg, der die Zinnmetallurgie zusammen mit neuen Gusstechniken und der Sitte sich mit Prunkdolchen auszustatten über das Mittelmeer nach Italien gebracht haben könnte, erscheint angesichts der exponierten Lage Italiens im Mittelmeer nicht unwahrscheinlich.

Das technische und kulturelle Phänomen der frühbronzezeitlichen Prunkdolche breitete sich von Süden kommend rasch über große Teile Europas aus. Die Zentren der Verbreitung sind dabei eng mit den Zentren wichtiger frühbronzezeitlicher Kulturen verbunden: die Poladakultur in Italien, die Rhônekultur in der Westschweiz und Ostfrankreich, die Gruppen der nordalpinen Frühbronzezeit und die Aunjetitzer Kultur in Böhmen, Ostdeutschland und Polen. Diese relativ schnelle Ausbreitung der neuen Technik über einen so großen Raum spricht dafür, dass bereits in der Frühbronzezeit weitreichende und gut funktionierende Kommunikationsnetze zwischen diesen Kulturen bestanden. Wahrscheinlich waren es lokale Eliten, die diese Austauschbeziehungen über größere Entfernung unterhielten. Sie kontrollierten wohl nicht nur den Handel mit Rohstoffen (vgl. z.B. Bartelheim 2002), sondern ebenso den Austausch technischer Fertigkeiten.

Mit Prunkwaffen wie den Vollgriffdolchen demonstrierten diese frühbronzezeitlichen Eliten ihren sozialen Status und vielleicht auch ihre Gruppenzugehörigkeit. Sie opferten ihre Dolche den Göttern oder nahmen sie selbst mit in ihr Grab, um auch nach dem Tod mit den Zeichen ihrer Macht ausgestattet zu sein.

Literatur

  • Bartelheim 2002: M. Bartelheim, Metallurgie und Gesellschaft in der Frühbronzezeit Mitteleuropas. In: J. Müller (Hrsg.), Vom Endneolithikum zur Frühbronzezeit: Muster sozialen Wandels? Tagung Bamberg 2001, Bonn 2002, 29-43.
  • Hafner 1995: A. Hafner, "Vollgriffdolch und Löffelbeil". Statussymbole der Frühbronzezeit. Arch. Schweiz 18, 1995, 134-141.
  • Hundt 1974: H.-J. Hundt, Der Dolchhort von Gau-Bickelheim in Rheinhessen. Jahrb. RGZM 18, 1971(1974), 1-43.
  • Montelius 1900: O. Montelius, Die Chronologie der ältesten Bronzezeit in Norddeutschland und Skandinavien (Braunschweig 1900).
  • Rassmann 2003: K. Rassmann, Metallurgie und Sozialer Wandel. Arch. i. Deutschl.
  • Schwenzer i. Druck: St. Schwenzer, Frühbronzezeitliche Vollgriffdolche, Monogr. RGZM.
  • Schwenzer 2003: St. Schwenzer, Metallanalysen frühbronzezeitlicher Vollgriffdolche. In: M. Bartelheim/E. Pernicka/R. Krause (Hrsg.), Die Anfänge der Metallurgie in der Alten Welt/The Beginnings of Metallurgy in the Old World. Archäometrie - Freiberger Forschungen zur Altertumswissenschaft 1, 2002.
  • Strahm 1966: Chr. Strahm, Renzenbühl und Ringoldswil. Die Fundgeschichte zweier frühbronzezeitlicher Komplexe. Jahrb. Bern. Hist. Mus. 45/46, 1965/66, 321-371.
  • Uenze 1938: O. Uenze, Die frühbronzezeitlichen triangulären Vollgriffdolche. Vorgesch. Forsch. 11 (Berlin 1938).