Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Vollgriffdolche als Statussymbole frühbronzezeitlicher Eliten

Abb.1 Verschiedene Vollgriffdolche aus dem Ashmolean Museum, Oxford. Foto: Autor
Abb.1 Verschiedene Vollgriffdolche aus dem Ashmolean Museum, Oxford. Foto: Autor

Der Begriff Vollgriffdolche bezeichnet eine Materialgruppe, die zu den ältesten Prunkwaffen Europas zählt. Es handelt sich um bis zu 45 cm lange Dolche deren Griffe aus Bronze gegossen wurden. Die zwischen 4000 und 3600 Jahre alten Stücke dienten ihrem Besitzer nicht nur als Waffe und Werkzeug sondern waren auch Repräsentationsobjekte, mit denen sich die damalige Oberschicht schmückte.

Abb. 2 Verbreitung der frühbronzezeitlichen Vollgriffdolche (nach Schwenzer 2003).
Abb. 2 Verbreitung der frühbronzezeitlichen Vollgriffdolche (nach Schwenzer 2003).
Abb. 3 Verschiedene Röntgenaufnahmen von Vollgriffdolchen. Links: Lausanne-Bois de Vaux (Kt. Vaud, CH); rechts: Dettum (Kr. Wolfenbüttel). Aufnahmen: RGZM (Ankner/Hummel)
Abb. 3 Verschiedene Röntgenaufnahmen von Vollgriffdolchen. Links: Lausanne-Bois de Vaux (Kt. Vaud, CH); rechts: Dettum (Kr. Wolfenbüttel). Aufnahmen: RGZM (Ankner/Hummel)

Zu den aufwändigsten Waffen der frühen Bronzezeit zählen die sogenannten Vollgriffdolche (Abb. 1). Die Griffe dieser Waffen wurden ganz oder zum größeren Teil aus Bronze gegossen, daher die Bezeichnung "Vollgriff". Diese Prunkwaffen waren in der Frühbronzezeit in weiten Teilen Europas verbreitet. Ihr Vorkommen reicht von Italien bis an die Ostseeküste (Abb. 2). Ihre weite Verbreitung hat die Materialgruppe der Vollgriffdolche schon früh zu einem wichtigen Forschungsobjekt der Archäologie werden lassen. Schon Oscar Montelius (1900) beschäftigte sich mit ihnen und vermutete ihren Ursprung in Italien. Dagegen sah sich Otto Uenze (1938), der die Vollgriffdolche erstmals zusammenfassend monographisch aufarbeitete, nicht in der Lage, die Herkunft dieser Dolche näher zu bestimmen. Die Arbeit Uenzes, in der er die Vollgriffdolche in sieben Typen untergliederte, blieb zugleich lange Zeit die einzige umfassende Bearbeitung dieser Materialgruppe. So war eine Neubearbeitung schon seit längerem ein Desiderat der Forschung. Diese konnte im Rahmen einer Dissertation an der FU Berlin durchgeführt werden.

Es war dabei durch die Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz (RGZM) auch möglich die umfangreichen technischen Untersuchungen aus der Hinterlassenschaft Prof. Hans-Jürgen Hundts auszuwerten und damit erstmals Röntgenuntersuchungen an frühbronzezeitlichen Vollgriffdolchen in großem Umfang in die Analyse dieser Materialgruppe einzubeziehen (Hundt 1974, Schwenzer i. Druck). Die über einen längeren Zeitraum am RGZM unter der Leitung von Prof. Hundt angefertigten Röntgenaufnahmen offenbaren technische Details im Aufbau der Dolche (Abb. 3) und ermöglichen es, verschiedene Techniken des Gusses zu unterscheiden.

Abb. 4 Schematischer Ablauf für den Guß eines Dolchgriffs in verlorener Form.
Abb. 4 Schematischer Ablauf für den Guß eines Dolchgriffs in verlorener Form.

Die Auswertung der Röntgenaufnahmen erlaubt eine Unterteilung der Vollgriffdolche in verschiedene herstellungstechnische Gruppen, von denen hier eine Auswahl beispielhaft dargestellt werden soll. So gibt es unter den Dolchen eine große Zahl an Stücken mit einteiligem Griff, bei denen die Klinge im Anschluß an den Guss des Griffes mit Nieten an diesem befestigt wurde. Der Griff wurde bei diesen Dolchen in einem Guss hergestellt, wobei fast ausschließlich der Guss in verlorener Form angewendet wurde (Abb. 4). Bei dieser Art der Herstellung mußte im Heftbereich ein Hohlraum freigehalten werden, um hier später die Klinge einsetzen zu können. In den meisten Fällen wurde auch im Inneren der Griffsäule ein Tonkern angebracht (im Folgenden als Griffsäulenkern bezeichnet), nur bei einigen Exemplaren ist die Griffsäule massiv.

Abb. 5 Röntgenumzeichnungen von Vollgriffdolchen aus verschiedenen gußtechnischen Gruppen. Zeichnung: RGZM.
Abb. 5 Röntgenumzeichnungen von Vollgriffdolchen aus verschiedenen gußtechnischen Gruppen. Zeichnung: RGZM.
Abb. 6 Vorkommen verschiedener gußtechnischer Gruppen. Rot: erste Gruppe; blau: zweite Gruppe; grün: dritte Gruppe.
Abb. 6 Vorkommen verschiedener gußtechnischer Gruppen. Rot: erste Gruppe; blau: zweite Gruppe; grün: dritte Gruppe.

Der Tonkern im Griffbereich wurde wiederum häufig mit drahtförmigen Kernhaltern stabilisiert. Dolche deren Griffsäule auf einen Tonkern gegossen wurde zeigen eine gewisse Variationsbreite in der technischen Ausführung, die im Folgenden kurz dargestellt werden soll. Unterschiede zeigen sich besonders in der Gestaltung des Übergangs vom Griffsäulenkern zum Heftkern und in der Zahl und Positionierung des Kernhalters. Es können verschiedene Untergruppen getrennt werden, von denen an dieser Stelle drei exemplarisch vorgestellt werden sollen.

  • Dolche bei denen der Hohlraum der Griffsäule in unterschiedlicher Weise deutlich vom Heftbereich abgesetzt ist und bei denen der Kernhalter im oberen Griffbereich sitzt (Abb. 5a-c).
  • Dolche bei denen der Griffsäulenhohlraum ohne Umbruch in den Hohlraum des Heftes übergeht und der Kernhalter etwa in Griffmitte sitzt (Abb. 5d-f).
  • Dolche deren Griff auf einen Tonkern ohne Kernhalter gegossen wurde (Abb. 5g-i).

Vollgriffdolche mit deutlich vom Heftkern abgesetzten Griffsäulenkern (erste Gruppe) haben ihren Schwerpunkt in Italien (Abb. 6). Diese Gußtechnik kann als charakteristisch für italische Vollgriffdolchtypen bezeichnet werden. Auch die nördlich der Alpen gefundenen Stücke italischen Typs sind dieser gußtechnischen Gruppe zuzuordnen. Dolche der zweiten Gruppe haben ihr Verbreitungszentrum im Rhônetal und im Westalpenraum, einzelne Stücke finden sich aber auch im nördlichen Mitteleuropa. Dolche ohne Kernhalter (dritte Gruppe) sind besonders im nordöstlichen Verbreitungsgebiet der Vollgriffdolche häufig anzutreffen, kommen vereinzelt aber auch in Italien vor. Die unterschiedliche Verbreitung dieser gusstechnischen Gruppen ist sicher auf das Wirken verschiedener Werstattkreise bzw. auf verschiedene Werkstatttraditionen zurückzuführen.