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Eine Maya-Stadt im Regenwald wird von deutsch-mexikanischem Team auferweckt

6.5.2011
Die Pyramiden von Calakmul (Foto: Ewald Graf)
Die Pyramiden von Calakmul, eines der größten Zentren der Maya, erstrecken sich imposant über das Blätterdach des mexikanisch-guatemaltekischen Regenwalds Petén hinweg. Von hier aus wurde auch ein halbes Jahrhundert lang Uxul beherrscht, nur 30 Kilometer Luftlinie entfernt liegend

Constitución ist ja nun wirklich nicht der Nabel der Welt: ein ödes Dorf an der schnurgeraden, meist menschenleeren Piste quer durch den Regenwald des mexikanischen Bundesstaats Campeche. Wer Geld oder Benzin braucht, sollte sich rechtzeitig eindecken. Immerhin: das einzige Restaurant im Ort hat 24 Stunden geöffnet.

Für die Archäologen des Bonner Altamerika-Instituts allerdings ist Constitución das Tor zur Zivilisation. Auch in diesem Jahr geht es für sie hier erst richtig los, wenn sie zu ihrem Ausgrabungsprojekt im alten Reich der Maya aufbrechen: 120 Kilometer mehr oder weniger im Schritttempo durch den tropischen Regenwald des Biosphärenreservats Calakmul, auf einer oft felsigen, buckligen Piste. Wenn der Regen wieder einsetzt, kommt die nächsten neun Monate keiner mehr rein.

"Uxul" heißt das Ziel der Fahrt, was in der Maya-Sprache „am Ende“ bedeutet. Ein treffender Name für die heutige Lage der einst blühenden und nun vom Wald überwucherten Provinzmetropole des Maya-Reiches, sechs Kilometer vor der Grenze nach Guatemala. Bevor das Bonner Team dieses Forschungsprojekt in Angriff nehmen konnte, mussten erst einmal die letzten 20 Kilometer Weg frei geschlagen werden, damit Uxul von einem Grabungsteam mitsamt Ausrüstung überhaupt erreicht werden konnte.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte seit 2009 die ersten Kampagnen zur Ausgrabung der Dornröschenstadt Uxul, die von den Archäologen Dr. Iken Paap aus Bonn und Antonio Benavides Castillo aus Mexiko wieder auferweckt wird. Die Projektleitung hat Professor Nikolai Grube, einer der führenden Maya-Forscher weltweit. Der Leiter des Altamerika-Instituts der Universität Bonn verspricht sich auch von der Entzifferung der Maya-Glyphen auf den 18 noch erhaltenen Stelen und sechs Altären in Uxul wertvolle Aufschlüsse.

Zum Beispiel den wirklichen Namen Uxuls. Möglicherweise nannte sich die Stadt „Naah-k'a-Naah“. Gesichert ist dies jedoch noch nicht: „Der alte Name von Uxul ist immer noch ein Rätsel“, schränkt Grube ein. „Am Ende“ lag Uxul jedenfalls nicht während der Blütezeit der Maya-Kultur, vielmehr mitten drin in einem Netz von Städten, Handels- und Herrschaftsbeziehungen. Das Maya-Tiefland von Mexiko, Guatemala, Belize bis nach Honduras war vom 3. bis 9. Jahrhundert nach Christus, wie die Forscher vermuten, so dicht besiedelt, dass es auch keinen Urwald mehr gab – das Land brauchten die Maya schlicht, um sich zu ernähren. Und viele Materialien für den täglichen Gebrauch, das Kriegshandwerk oder den Schmuck der Adligen und Priester mussten von weit her importiert werden.

Grabungsleiterin Iken Paap (Foto: Ewald Graf)
Grabungsleiterin Iken Paap betrachtet gemeinsam mit einer jungen Wissenschaftlerin und einem Arbeiter die freigelegte Treppe einer Hofanlage. Den Ruinen von Uxul gingen 15 Studenten und Jungwissenschaftlern und 40 mexikanische Arbeiter drei Monate lang gründlich, aber vorsichtig zu Leibe (Foto: Ewald Graf)

Beispielsweise das Obsidian – vulkanisches Glas, das es im Tiefland gar nicht gibt, aber von den Maya für Waffen und Messer dringend benötigt wurde, denn Metalle kannten sie nicht. Und gerade Obsidian fand sich bereits zur Überraschung der Bonner Archäologen in Uxul so zahlreich, dass es über bessere Handelsbeziehungen als das nur 30 Kilometer entfernte und viel mächtigere Calakmul verfügt haben musste. „Wir haben“, berichtet Grabungsleiterin Iken Paap, „große Mengen an Obsidianklingen und Produktionsabfällen gefunden. Die Menge ist außergewöhnlich und übersteigt z.B. das, was aus Calakmul bekannt ist, bei weitem.“

Auch die ersten Analysen der ausgegrabenen Keramik von Uxul legen für das Forscherteam den Schluss nahe, dass die Bevölkerungen von Uxul und Calakmul je eigene handwerkliche Traditionen hatten. Doch die Steleninschriften mit ihren exakten Kalenderangaben belegen noch eine andere historische Tatsache : 636 n. Chr. geriet Uxul unter die direkte Herrschaft von Calakmul, der eigene Name verschwand und Statthalter wurden eingesetzt.

Einer von ihnen ist bis dato der einzige identifizierte Bewohner von Uxul – Nikolai Grube gelang es, seinen Namen auf den Stelen zu entziffern: Muyal Chaak, der 660 den Thron von Uxul als Provinzfürst bestieg und 20 Jahre regierte. In seine Zeit fällt eine äußerst rege Bautätigkeit in Uxul. Zwei Stelen auf der größten Pyramide von Uxul – von den Archäologen nüchtern D1 genannt – zeigen Muyal Chaak einmal in der Pose eines Tänzers und gegenüber beim „Ausschütten von Tropfen“, wie es lakonisch im beschreibenden Text heißt, das heißt bei einem Blutopfer, wie es die Maya-Könige erbringen mussten, um mit der Götterwelt in Kontakt treten zu können.