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Von Perlen, Rost und Meeresschnecken

Archäologie im Norden von Burkina Faso

26.10.2007
Einer der Schutthaufen, die sich im Laufe der Siedlungszeit an der Fundstelle am Mare de Kissi angesammelt haben. (Foto: P. Breunig)
Einer der Schutthaufen, die sich im Laufe der Siedlungszeit an der Fundstelle am Mare de Kissi angesammelt haben. (Foto: P. Breunig)

Der Begriff Sahel löst hierzulande meist negative Assoziationen aus – dürre Landschaften, hungernde Menschen und große Armut. Die reiche Geschichte des Sahel ist dagegen kaum bekannt. Durch seine Lage am Rande der Wüste kreuzten sich hier verschiedene Handelsrouten und Warenströme zwischen Orient, Mittelmeer und Innerafrika, die den Bewohnern des Sahels teils beträchtlichen Wohlstand einbrachten. Aus archäologischer Sicht waren solche Trans-Sahara-Handelsbeziehungen erst ab der arabischen Eroberung Nordafrikas im 7./8. Jahrhundert n. Chr. nachzuweisen, da entsprechende Importgüter (von vereinzelten Funden abgesehen) erst ab dieser Zeit belegt waren. Was an einem kleinen See im Sahel von Burkina Faso dagegen entdeckt wurde, veränderte diese Sicht der Dinge entscheidend. Glasperlen, Kaurischnecken und Kupferschmuck wurden in Gräbern entdeckt, die teilweise bis ins 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. reichen.

Von 1996 bis 2001 wurden Wohn- und Begräbnisstätten der Eisenzeit am Mare de Kissi im Nordosten von Burkina Faso im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs der Universität Frankfurt archäologisch untersucht. Den Studien zufolge war der Nordrand des Sees über 1500 Jahre lang permanent besiedelt gewesen. Die ersten sesshaften Siedler brachten gegen Ende des ersten Jahrtausends v. Chr. das Eisenhandwerk, die Viehzucht und eine voll entwickelte Landwirtschaft in die Region ein.

Die Menschen wohnten solange am gleichen Ort, dass sich die Abfälle der Siedlungen zu regelrechten Hügeln anhäuften. Über 60 solcher „Siedlungshügel“ sind am Mare de Kissi zu erkennen. Sie bestehen vor allem aus großen Mengen Keramik, aber auch Steine, Knochen, Metallgegenstände und Perlen finden sich in solchen Schutthaufen. Häuser sind nicht erhalten geblieben, da die Bauten aus ungebranntem Lehm errichtet wurden. Bereiche, wo seinerzeit Lehmhäuser standen, lassen sich bei Ausgrabungen aber durch Abfolgen ehemaliger Fußböden erkennen.

Die mit Steinstelen gekennzeichneten Gräber aus der Eisenzeit. (Foto: S. Magnavita)
Die mit Steinstelen gekennzeichneten Gräber aus der Eisenzeit. (Foto: S. Magnavita)
Eine besonders reich ausgestattes Grab in der für die Bestattungen typischen Skelettlage (Foto: S. Magnavita)
Eine besonders reich ausgestattes Grab in der für die Bestattungen typischen Skelettlage (Foto: S. Magnavita)

Die Friedhöfe befanden sich in Sichtweite der Wohnbereiche. Die Gräber wurden teilweise mit einer Steinstele kenntlich gemacht. Die meisten Toten wurden in ihrer Tracht mit Schmuck und Waffen bestattet. Einige Gräber zeichneten sich durch eine besonders reiche Ausstattung aus, andere hatten nur wenige oder gar keine Beigaben. Fast immer wurde jedoch eine bestimmte Grabsitte eingehalten: der Tote lag mit dem Kopf in westlicher, mit den Füßen in östlicher Richtung. Der Kopf war meist nach rechts gewendet, so dass der Blick nach Süden wies. Die Menschen wurden nicht nur einzeln in die Gräber gelegt; manchmal finden sich zwei oder sogar noch mehr Skelette dicht beieinander in einem Grab. Zwischen Frauen und Männern gab es offenbar keine großen Unterschiede in der Bestattungsweise. Kleinkinder fanden sich allerdings in keinem der ausgegrabenen Friedhöfe. Wo sie bestattet wurden, bleibt ungewiss.

In den Gräbern fanden sich die verschiedensten Waffenarten. Besonders häufig sind Pfeile mit ins Grab gegeben worden. Teilweise lagen sie noch in Bündeln zusammen, an deren Außenseiten Reste des Holz-Lederköchers erkennbar sind. Auch Dolche mit ringförmigem Griff kommen vielfach vor. Große, am Oberarm getragene Krummdolche sind dagegen seltene Waffenbeigaben. Besonders interessant ist auch der Fund zweier Schwerter: ein Krummschwert mit einer verzierten Klinge sowie ein gerades, schmales Kurzschwert. Sie hatten ursprünglich Holzgriffe. Reste der Dolch- und Schwertscheiden sind auf den Klingen noch erkennbar. Sie bestanden aus Holz und waren mit Leder oder Fell überzogen. Die beiden Schwerter, die aus dem 5. bis 7. Jh. n. Chr. stammen, sind die ältesten ihrer Art, die bisher in Westafrika gefunden wurden.

Am Oberarm getragener Krummdolch (Foto: B. Voss)
Am Oberarm getragener Krummdolch (Foto: B. Voss)

Schmuck war im eisenzeitlichen Sahel wohl sehr beliebt: Fast in jedem Grab in Kissi ist Schmuck enthalten. Dieser war den Toten nicht ins Grab hineingelegt worden, sondern sie trugen ihn – z. B. eine Perlenkette um den Hals, ein Gürtel aus Perlen um die Hüfte, oder Kupferreifen an den Fußknöcheln. Der Metallschmuck war meist aus Eisen, doch vor allem in den reicher ausgestatteten Gräbern fanden sich auch Kupferringe und –reifen für Finger, Ohren, Arme und Fußknöchel. Dieses Metall besaß vermutlich ein höheres Prestige. Kupfer kommt in der direkten Umgebung von Kissi nicht vor, daher muss das Metall oder sogar das fertige Objekt importiert worden sein. Einen Hinweis auf die Herkunft einiger Kupferobjekte gab eine Analyse des Metalls und der enthaltenen Blei-Isotope durch Wissenschaftler der Universität in Tucson, Arizona – demnach stammen die meisten analysierten Objekte aus Nordafrika.