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Vom lokalen Wettergott zum Reichskult

Archäologen der Universität Münster untersuchen Kult um Iupiter Dolichenus in der Südost-Türkei

9.6.2008

Wissenschaftler der Forschungsstelle Asia Minor der Universität Münster sind bei der Enträtselung des Kultes um den Iupiter Dolichenus in der Kommagene (Südost-Türkei) entscheidende Schritte weiterkommen. Seit fast zehn Jahren arbeiten die Archäologen um den Althistoriker Prof. Engelbert Winter nun in und um das antike Doliche. Und was mit Surveys begann, ist nun zu einer mehrjährigen Grabung geworden.

Die Anfänge eines der später neben Mithras wichtigsten orientalischen Götter des römischen Reiches liegen im Dunkeln. Charakteristisch für die bildlichen Darstellungen sind die Attribute Blitzbündel und Doppelaxt, die der auf dem Stier stehende Gott in den erhobenen Händen hält. Vor allem im römischen Heer beliebt, verbreitete sich der Kult im gesamten Römischen Reich. So war dem Gott auch auf dem Aventin in Rom ein Heiligtum geweiht, aber insbesondere aus den westlichen Provinzen sind eine Vielzahl zum Teil äußerst qualitätvoller Denkmäler bekannt. Seinen Ursprung hatte der Kult des Iupiter Dolichenus, ursprünglich eine lokale Wettergottheit, in Kleinasien, genauer in der heutigen Osttürkei. Dort, auf dem rund 1200 Meter hohen Hügel Dülük Baba Tepesi nahe des Ortes Doliche in der Kommagene, lokalisierten die Münsteraner Archäologen 2003 erstmals die Reste dieses Ur-, bzw. späteren Zentralheiligtums dieses Gottes. Hier wurde er als Garant der Weltordnung" (conservator totius mundi), als der "vorzüglichste" (praestantissimus) und "hervorragendste" (exuperantissimus) verehrt.

Heiliger Bezirk: Die Temeonos genannte Einfassung des Heiligtums beweist die frühe Verehrung des Iupiter Dolichenus. (Foto: upm)
Heiliger Bezirk: Die Temeonos genannte Einfassung des Heiligtums beweist die frühe Verehrung des Iupiter Dolichenus. (Foto: upm)

"Man hat immer vermutet, dass auf dem Dülük Baba Tepesi das Hauptheiligtum des Iupiter Dolichenus zu finden ist", erklärte Winter im Jahr 2003. "Doch das Gelände ist sehr schwierig, da es zum einen in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgeforstet wurde und zum anderen ein riesiger Antennenwald Grabungen erschwert." Doch 2001 erhielt Winter von der türkischen Antikenverwaltung das Angebot, eben dort zu graben. Mit Hilfe von Geomagnetik und Georadar wurde das Gebiet im Vorfeld auf Baustrukturen untersucht, um die Grabungsschnitte bestmöglichst zu positionieren.

Die Monumentalität der bisher freigelegten Gebäudereste sowie die Qualität des zu Tage getretenen Bauschmucks auf dem Dülük Baba Tepesi aus dem ersten bis dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung - Säulen- und Kapitellfragmente, Geisonblöcke, Teile von Architraven - deuten auf eine aufwändige Ausgestaltung der freigelegten Strukturen. Zudem vermittelt eine bislang auf einer Fläche von rund 60 Quadratmetern freigelegte Pflasterung aus mächtigen Basaltplatten eine Vorstellung des Temenosbereichs, der offensichtlich als großzügige offene Platzanlage gestaltet war. Neben kleineren Skulpturenfragmenten konnte mit einem überlebensgroßen männlichen Kopf aus Kalkstein zudem das erste Zeugnis von Monumentalplastik geborgen werden.

Noch weit spektakulärere Erkenntnisse zeichnen sich nun aber gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Grabungsergebnisse ab. Überraschende Funde aus dem sechsten und fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung belegen eine bis in die Eisenzeit zurückreichende Tradition des Kultes. Eine enorme Zahl von Kleinfunden aus dieser Zeit - Schmuckperlen, der Kopf einer Bronzestatuette des ägyptischen Gottes Osiris, Kopfperlen syro-phönikischer Herkunft, Skarabäen levantinischen Ursprungs - weist nicht nur auf die überregionale Bedeutung, sondern auch auf die frühe Nutzung dieses Kultortes. Insbesondere aber ein Fundkomplex von über hundert eisenzeitlichen Stempel- und Rollsiegeln ist in seiner Quantität wie Qualität einzigartig.

Achämenidisches Rollsiegel mit einer Darstellung des Gottes Ahura Mazdas. (Foto: upm)
Achämenidisches Rollsiegel mit einer Darstellung des Gottes Ahura Mazdas. (Foto: upm)

Bemerkenswert ist auch das Auftauchen schwarzfiguriger attischer Keramik im kommagenischen Raum. Von besonderer Bedeutung nicht nur für die Geschichte des Dülük Baba Tepesi, sondern der gesamten Region erwies sich ferner der Fund eines Stierkopfkapitells aus Basalt. Es handelt sich um die lokale Nachahmung achämenischer Vorbilder, wie sie aus Persepolis und Susa bekannt sind. Ein Architekturteil dieser Provenienz konnte damit erstmals auf dem Gebiet der heutigen Türkei geborgen werden. Ein solches Kapitell bezeugt die Existenz späteisenzeitlicher, repräsentativer Architektur auf hohem Niveau. Es ist nicht auszuschließen, dass bereits in vorhellenistischer Zeit auf dem Dülük Baba Tepesi ein Heiligtum von überregionaler Bedeutung bestand, in dem die Kleinfunde des sechsten und fünften vorchristlichen Jahrhunderts als persönliche Gabe hinterlassen wurden.

Zerstört wurde das Heiligtum vermutlich im Jahre 253 durch die Perser. Damit endete jedoch nicht die Geschichte des Dülük Baba Tepesi. Die bislang im Nordosten des Grabungsareals freigelegten mächtigen römischen Mauern aus Kalksteinquader sind in eine kleinteilige Architektur aus Bruchsteinen und Spolien eingebunden worden. Die gesamte Fläche weist eine dichte spätantike und frühmittelalterliche Bebauung auf. Zudem konnte eine Vielzahl christlicher Zeugnisse geborgen werden, so noch im späten Herbst des Jahres 2005 das Fragment eines christlichen Grabsteins für einen Militärkommandanten, möglicherweise auch einer Weihung für einen christlichen Märtyrer. Die Hinweise auf christliche Aktivitäten im Gebiet des Hauptheiligtums des Iupiter Dolichenus sind ein weiteres Beispiel für die aus vielen Regionen der Mittelmeerwelt bekannte Inbesitznahme prominenter paganer Heiligtümer durch die Christen seit der Konstantinischen Wende in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung.

Die in den vergangenen Jahren insbesondere mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft durchgeführten historisch-topographischen und archäologischen Untersuchungen sollen auch in diesem Jahr fortgesetzt werden. Aufgrund der Ikonographie des Iupiter Dolichenus ist schon immer vermutet worden, dass der Gott eine lange Tradition als lokaler Wettergott hat. "Der Nachweis, dass Kulthandlungen im Heiligtum des Iupiter Dolichenus mindestens bis in die erste Hälfte des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung stattgefunden haben, stellt einen in seiner Klarheit unerwarteten Befund dar, der hoffen lässt, die Entwicklung einer lokalen Wettergottgestalt zu einem reichsweit verehrten "römischen" Gott erforschen zu können", so Winter. Es handele sich beim Dülük Baba Tepesi um einen der wenigen Orte im südostanatolischen Raum, an dem sich Kulthandlungen durch die Epochen hindurch kontinuierlich fassen lassen. "Das ist sicherlich ein Glücksfall in Hinblick auf Fragen zur Kultkontinuität und Religionsgeschichte dieser Region", so der Althistoriker.


(Informationen: Universität Münster)