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Bemerkenswerte Funde aus dem römischen Dietikon

16.3.2006

Grosse Flächen der ca. 13 ha umfassenden römischen Gutshofanlage von Dietikon wurden in den 1980er Jahren archäologisch untersucht. In den letzten zwei Jahren erforschte die Kantonsarchäologie Zürich in Dietikon weitere rund 3500 Quadratmeter dieses Areals.

Den bemerkenswertesten Fund der laufenden Kampagne bildet die Bronzebüste eines glatzköpfigen Mannes. Auffallend an ihr sind nicht nur die Gesichtsform und der kahle Schädel mit dem Haarbüschel am Hinterkopf, sondern vor allem das erigierte Glied auf dem Schädel. In der Schweiz wurden bisher nur drei vergleichbare Büsten gefunden, alle jedoch ohne Phallus. Bei der entdeckten Bronzebüste in Dietikon handelt es sich daher um ein sehr seltenes Fundstück. Die Bedeutung des Phallussymbol war in römischer Zeit nicht so eindimensional wie heute. So galt der Phallus als Glücksbringer und Abwender von Unheil. Verwendet wurde der rund fünf Zentimeter hohe Kopf vermutlich als Aufsatz auf einem Holzjoch, das zum Anschirren von Pferden vor dem Wagen diente. Mensch und Pferd sollten vor Schaden bewahrt werden.

Büste eines kahlhäuptigen Mannes mit einem Phallus auf dem Kopf. Erstaunlich sind die Ausdruckskraft und der Detailreichtum dieser Figur. Bronze, römisch, 2.–3. Jh. n.Chr. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)
Büste eines kahlhäuptigen Mannes mit einem Phallus auf dem Kopf. Erstaunlich sind die Ausdruckskraft und der Detailreichtum dieser Figur. Bronze, römisch, 2.–3. Jh. n.Chr. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)
Bronzestatuette der Göttin Minerva (ca. 6,3 cm hoch). Minerva zählte bei uns zu den beliebtesten Gottheiten überhaupt und gilt unter anderem als Schutzpatronin der Handwerker. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)
Bronzestatuette der Göttin Minerva (ca. 6,3 cm hoch). Minerva zählte bei uns zu den beliebtesten Gottheiten überhaupt und gilt unter anderem als Schutzpatronin der Handwerker. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)

Ein zweiter auffälliger Fund ist die Figur der Göttin Minerva, die wie üblich in einem langen Gewand dargestellt wird. Leider sind sowohl der Schild und die in der erhobenen Hand gehaltene Lanze als auch die Basis der Figur verloren gegangen. Möglicherweise war die Statuette der Göttin Teil eines kleinen Hausheiligtums, eines so genannten Larariums. Minerva, die Schutzgöttin des Handwerks, gehörte gemeinsam mit Merkur, Jupiter und Mars zu den beliebtesten Gottheiten in nördlichen Provinzen.

Neben weiteren Gegenständen und Geräten aus Bronze, Eisen, Glas, Stein und Knochen dominieren Keramikgefäße das Fundspektrum, wie bei den meisten Ausgrabungen (außer paläolithischen natürlich).

13 Kindergräber

Die Ziegelkiste mit dem Grab eines Neugeborenen. Das Kleinstkind liegt mit angezogenen Beinen auf der Seite, links befindet sich der Kopf. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)
Die Ziegelkiste mit dem Grab eines Neugeborenen. Das Kleinstkind liegt mit angezogenen Beinen auf der Seite, links befindet sich der Kopf. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)

Auf der Grabungsstätte in Dietikon wurden zudem 13 Gräber von Früh- und Neugeborenen entdeckt – eine erstaunlich hohe Zahl. Dabei handelt es sich um die Ruhestätten von Kindern, die entweder im Geburtsalter verstarben oder die als Frühgeburten auf die Welt kamen und in der damaligen Zeit nicht überlebensfähig waren.

Fast alle Säuglinge wurden in einfachen Erdgruben bestattet. Eines der Kinder wurde allerdings in eine Kiste aus Ziegelplatten gelegt - eine seltene Bestattungsart. Üblicherweise mussten die Toten in römischer Zeit außerhalb der Wohnzonen bestattet werden, weshalb die Kleinkindern innerhalb des Gutshofes ihre letzte Ruhestätte fanden, konnte bisher noch nicht beantwortet werden.

Drei Nebengebäude freigelegt

Durch die Grabungen sind drei aus Stein errichtete Nebengebäude des großen römischen Gutshofs zum Vorschein gekommen. Die Gebäude wurden von den Römern an die Hofmauer gebaut, welche das gesamte Areal über eine Länge von 200 auf 600 Metern umgab. Die freigelegten Gebäuden gehören zur pars rustica, der Arbeitersiedlung des Gutshofs und wurden als Wohngebäude und Werkstätten (Eisen- und Buntmetallverarbeitung) genutzt. Die Bauten weisen mehrere Phasen auf, die von der Mitte des 1. bis ins 3. Jahrhundert nach Christus reichen. Danach wurden sie durch verschiedene Brände zerstört und aufgegeben. Ob das Gelände im Frühmittelalter weiterhin als Siedlungsplatz genutzt wurde, wird erst die ausstehende Auswertung der Funde zeigen.

Dietikon, Neumattstrasse 11–15. Links das Steingebäude und im Hintergrund die Hofmauer. In der freien Fläche in der Mitte zeichnen sich die Reste der Holzbauten als dunkle Verfärbungen ab, beispielsweise etwas oberhalb des Maßstabs und parallel dazu. Dahinter ist parallel zur Mauer eine Reihe von Vertiefungen erkennbar, welche als Reste eines Laubengangs zu interpretieren sind. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)
Dietikon, Neumattstrasse 11–15. Links das Steingebäude und im Hintergrund die Hofmauer. In der freien Fläche in der Mitte zeichnen sich die Reste der Holzbauten als dunkle Verfärbungen ab, beispielsweise etwas oberhalb des Maßstabs und parallel dazu. Dahinter ist parallel zur Mauer eine Reihe von Vertiefungen erkennbar, welche als Reste eines Laubengangs zu interpretieren sind. (Foto: Kantonsarchäologie Zürich)

Aus archäologischer Sicht besonders interessant sind Spuren von Holzbauten. Bei den Bauten handelte es sich wahrscheinlich um einfache Wohnhäuser. Die Holzbauten lassen sich ins zweite Viertel des 1. Jahrhunderts nach Christus datieren, also in die Regierungsjahre der Kaiser Tiberius, Caligula und Claudius. Um die Mitte des 1. Jahrhunderts wurden sie durch Steingebäude ersetzt. Die großflächige frühe Bebauung mit Holzgebäuden ist neu für Dietikon und nur in wenigen Gutshöfen anzutreffen.

Bei Rettungsgrabungen zwischen 1984 und 1990 konnten bereits die Randbereiche des Villenkomplexes (Pars urbana) und 11 Gebäude der Arbeitersiedlung (Pars rustica) freigelegt werden. Auf insgesamt 20 einfache, eingeschossige Gebäude wird diese Siedlung innerhalb des Gutshofs geschätzt.

Die Ausgrabung nähert sich nun rasch ihrem Ende, denn ab April soll auf dem Gelände mit dem Bau des neuen Bezirksgebäudes begonnen werden.


(Informationen: Baudirektion Kanton Zürich)