21.11.2017 - 00:24:53

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Altsteinzeit im Achtal ...

und die ersten modernen Menschen in Europa

Seit dem 19. Jh. wird in den Höhlen des Achtals die Altsteinzeit erforscht und auch dieses Jahr gräbt wieder eine internationale Mannschaft aus mehr als 20 Archäologen unter der Leitung von Nicholas Conard und Hans-Peter Uerpmann vom Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen im Hohle Fels bei Schelklingen und im Geißenklösterle bei Blaubeuren.

Was macht das Achtal so interessant? Das Achtal bildet mit seinen vielen Höhlen sowie den benachbarten Höhlen im Alb-Donau-Kreis eine der bedeutendsten urgeschichtlichen Regionen in Europa. Von hier stammen unter anderem die knapp 40.000 Jahre alten Kunstwerke und Musikinstrumente aus dem Geißenklösterle, die die ältesten Belege für Kunst und Musik weltweit darstellen. Andere Fundplätze der Alb lieferten ebenfalls bedeutendes Fundgut aus der Zeit der sogenannten Aurignacien-Kultur (vor 30.000 bis 40.000 Jahren), als der moderne Homo sapiens sapiens zum ersten Mal nach Europa kam und auf die Neandertaler traf.

Der Eingang zum Geißenklösterle (Foto: Universität Tübingen)
Der Eingang zum Geißenklösterle (Foto: Universität Tübingen)
Der Eingang des Hohle Fels (Foto: Universität Tübingen)
Der Eingang des Hohle Fels (Foto: Universität Tübingen)

Gerade diese Begegnung zwischen dem Neandertaler und dem modernen Menschen steht im Mittelpunkt der Forschungsausgrabungen. Erstmals wird jetzt an diesen beiden 3 km voneinander entfernten Fundplätzen parallel die Zeit des Übergangs (vor ca. 40.000 Jahren) vom Neandertaler zum modernen Mensch bzw. vom Mittelpaläolithikum zum Jungpaläolithikum erforscht.

Grabungssituation im Geißenklösterle. Im linken Bildbereich ist die Oberkante der mittelpaläolithischen Schichten erkennbar. (Foto: Universität Tübingen)
Grabungssituation im Geißenklösterle. Im linken Bildbereich ist die Oberkante der mittelpaläolithischen Schichten erkennbar. (Foto: Universität Tübingen)

Die Ausgrabungen am Geißenklösterle ergänzen die wegweisenden Ergebnisse der Grabungen, die der Tübinger Professor Joachim Hahn in den 1970er und 80er Jahren dort durchgeführt hat. Hier ist eine ungewöhnlich vollständige kulturelle Abfolge der Eiszeit gut dokumentiert. Die Hauptphasen des Jungpaläolithikums bis in das Aurignacien sind vorhanden. Die älteste Aurignacien-Fundschicht ist gekennzeichnet durch eine gut erhaltene Feuerstelle, diverse Steinartefakte und Abfällen der Elfenbeinbearbeitung. Darunter, durch fundleere Ablagerungen aus Kalkschutt getrennt, ist dann die Periode der letzten Neandertaler durch Geräte des Mittelpaläolithikums am Fundplatz belegt. So kann man zumindest am Geißenklösterle bislang keine zeitliche Überlappung beider Menschenarten feststellen.

Ausgrabungsarbeiten in den Schichten des Aurignacien. Links unten ist eine Feuerstelle aus dem Aurignacien erkennbar. (Foto: Universität Tübingen)
Ausgrabungsarbeiten in den Schichten des Aurignacien. Links unten ist eine Feuerstelle aus dem Aurignacien erkennbar. (Foto: Universität Tübingen)

Die diesjährigen Ausgrabungen am Hohle Fels brachten sehr positive Überraschungen. Obwohl der Hohle Fels längst für seinen Fundreichtum aus dem späten (Magdalénien: vor 12.000-18.000 Jahren) und mittleren (Gravettien: vor 22.000-30.000 Jahren) Jungpaläolithikum bekannt ist, waren dort bis zu diesem Jahr die Schichten des älteren Jungpaläolithikums, dem Aurignacien, noch nicht entdeckt. In der diesjährigen Kampagne gelang es der Mannschaft, die seit fünf Jahren intensiv ausgegrabene und extrem fundreiche 29.000 Jahre alte Brandschicht des frühen Gravettien abzuschliessen. Damit war der Weg in die tieferen Schichten frei und zum ersten Mal konnten über eine größere Fläche die Aurignacien-Schichten freigelegt werden. Diese Schichten sind noch nicht genau datiert, stammen jedoch aus der Zeit, als moderne Menschen und Neandertaler Europa bewohnten.

Zahlreiche Steinartefakte wie Kratzern, Sticheln und anderen typischen Werkzeugen bilden das Fundmaterial aus dieser Periode. Darüber hinaus konnten Schmuckstücke aus Zähnen und Knochen, Artefakte aus organischem Material sowie eine Brandschicht freigelegt werden. Momentan wird noch tiefer gegraben, um die erhofften Schichten aus der Zeit zu erreichen, in der der moderne Mensch und der Neandertaler möglicherweise gleichzeitig im Achtal siedelten.

Schmuckfunde aus dem Hohle Fels: links ein durchbohrter Tierzahn, in der Mitte ein Anhänger aus Elfenbein, rechts oben ein als Anhänger getragenes Fossil und rechts unten eine kleine Perle aus Knochen. (Foto: Universität Tübingen)
Schmuckfunde aus dem Hohle Fels: links ein durchbohrter Tierzahn, in der Mitte ein Anhänger aus Elfenbein, rechts oben ein als Anhänger getragenes Fossil und rechts unten eine kleine Perle aus Knochen. (Foto: Universität Tübingen)