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Die Hethiter. Das Volk der 1000 Götter

Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (bis 9. Juni 2002)

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Aufnahmedatum:
15.03.2002
Aktualisierungsdatum:
16.03.2002
Letzte Prüfung:
12.02.2012
Status:
OK
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betrifft Ausstellungskatalog 4 out of 5 stars

Kommentar von: Hans-Peter Geissen, Okt 20 2003 12:00AM

Inzwischen ist mir klarer geworden, was mich grundsätzlich stört. Es ist v.a. die schwache Verankerung der Darstellung im Raum(-bezug) und den ökologischen Rahmenbedingungen.

Die deutschen Autoren tendieren meist zur Betonung der Gemeinsamkeiten und Austauschprozesse "nahöstlicher" Kulturen. Sie verstehen sich zumeist wohl als "Orientalisten", und das mag die Wahrnehmung etwas vorstrukturieren. Türkische Autoren betonen mehr die Eigenständigkeit und Kontinuität der anatolischen Kulturen, auch da mag eine "kemalistische" Orientierung strukturierend wirken. Natürlich haben beide Perspektiven ihre Berechtigung und schließen sich auch nicht aus. Aber etwas fehlt.

An einem Punkt schien es mir besonders deutlich zu werden. Das hethitische Kernland sollte da ständig von "Nomaden" bedroht gewesen sein. Im Orient mit seinen Wüsten und Trockensteppen ist das ein gewohnter und charakteristischer Topos. Aber im Fall der Kaskäer im nordanatolischen Buchen-Tannen-Urwald? Ganz sicher nicht.

Die Kaskäer waren ein für die Hethiter schwer fassbarer Feind, dem sich in Gebirgen und Wäldern zahlreiche Versteck- und Rückzugsmöglichkeiten, Gelegenheit für Hinterhalte etc. anboten. Als orientalistisch unvorbelasteter Rheinländer denke ich sofort an die Germanenstämme am römischen Limes. Hier waren kulturell-ökonomisches Gefälle und ökologisch-orographische Bedingungen ein bis zwei Jahrtausende später wohl sehr ähnlich wie im Norden der bronzezeitlichen Hatti-Länder.

Die Texte des Ausstellungskatalogs nehmen auf die ökologischen Bedingungen in einer Beziehung Rücksicht: Im Zusammenhang mit der herausgehobenen Bedeutung der Wettergötter wird auf die Charakteristik Anatoliens und Nordsyriens als Gebiete des Regen-Feldbaus Bezug genommen. Das begründet sicher eine kulturelle Verwandschaft und begünstigt den Transfer geistiger Konzeptionen. Allerdings endet das betreffende Gebiet nach Osten und Süden hin eben dort, in Nordsyrien. Hingegen setzt es sich nach Norden und Westen noch weit fort, bis zum Atlantik und an den Südrand Nord-Russlands (wo es für Getreideanbau zu kalt wird).

Eine mehr ökologisch basierte und über größere Zeiträume vergleichende Betrachtungsweise dürfte mehr auf eine Rolle Anatoliens als Laboratorium Europas hinauslaufen, etwa ab dem Meso-/Neolithikum, aber auch noch bronze- und eisenzeitlich. Anatolien ist geo-ökologisch ein Europa im Kleinen: im Norden quasi mitteleuropäisch (-ozeanisch), im Süden und Westen mediterran, im Westen mit balkanisch-arboralem Einfluss, in den zentralen Ebenen osteuropäisch-pannonisch (subkontinental) und ganz im Osten etwas turanisch(-altaisch) (eu-kontinental) geprägt. Das Ganze ist von Gebirgen etwas kammerig aufgeteilt, was die Großreichsbildung vor allem nach den Rändern hin erschwert.

Die ältesten Hochkulturen liegen nicht hier, sondern im Gebiet des Bewässerungs-Feldbaus (v.a. am Nil und im mittleren bis südlichen Mesopotamien, dann am Indus). Das mag zunächst an der Bewässerung selbst liegen, die mehr Planung und soziale Stabilität verlangt, auch an der Interferenz mit den parallel entstandenen Nomaden-Kulturen. Damit entstand ein Kulturgefälle zum Regenfeldbaugebiet und eine Bedingung für entsprechenden Transfer. Aber der Uranfang hatte in Anatolien (und Nordsyrien) gelegen, und da hatte sich eine abweichende und sich langsamer entwickelnde (Regen-) Bauernkultur etabliert und von da aus nach Norden und insbesondere nach Westen ausgebreitet. Die mit den eigentlichen orientalischen Hochkulturen zu konkurrieren begann (ab den Hethitern). Hochkulturelle Einflüsse, so kann man vermuten, so scheint es auch zumindest bei oberflächlicher Betrachtung, wurden zunächst in Anatolien gefiltert, transformiert und dann zusammen mit Eigenentwicklungen weitergereicht (z.B. über Griechen, Thraker, Etrusker).

Das dauert ein wenig, deshalb können zwei Jahrtausende dazwischenliegen, bis die Kaskäer in den Germanen eine "Reinkarnation" erleben (eine neue, ähnlich geartete Kultur- (Ökonomie-) Grenzsituation entsteht). Mit den Seefahrer-Kulturen Griechenlands und Phöniziens entsteht darüber hinaus bronzezeitlich ein "konkurrierender" (vielleicht eher ergänzender) Transferweg über das spätere "mare nostrum".

Insofern scheint mir der "kemalistische" Ansatz gegenüber dem "orientalistischen" weiterführend zu sein. Ohne letzteren irgendwie auszuschließen - doch mindestens ebenso interessant wie die Verbindungen wäre es, die Unterschiede der betreffenden Kulturen herauszuarbeiten. Gerade das wird aber nur schwer möglich sein, wenn nicht die naturräumlich-ökologischen Bedingungen (besonders in agrarökonomischer Hinsicht) verstärkt beachtet werden.

Mit freundlichen Grüßen
Hans-Peter Geissen, Koblenz (Mittelrhein)
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