15.12.2017 - 20:33:09

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Architektonische Tradition des östlichen Mittelmeeres in der Bronzezeit: Konvergenzen und Abweichungen

2. Internationales Symposium in München, Gasteig, den 7. und 8. Mai 2008

Referenten (alphabetisch):

M. Bachmann,  A. Caubet,  S. Hadjisavvas,  A. B. Knapp,  P. Marzolff,  H. Matthäus, C. Palyvou,  J. Shaw,  E. Tsakanika, S. Westerburg-Eberl,  M. Yon

Bericht / Zusammenfassung der Vorträge des Symposiums

Verein zur Förderung der Aufarbeitung der Hellenischen Geschichte e.V.
Σύλλογος για την Μελέτη και Διάδοση της Ελληνικής Ιστορίαςt

D-82362 Weilheim/Obb., Schwattachweg 1, Tel.: 0881-61922, Fax: 0881-9279364
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am 7. und 8. Mai 2008 wurde in München (Gasteig) ein Symposium zum Thema „Architektonische Traditionen des östlichen Mittelmeeres in der Bronzezeit: Konvergenzen und Abweichungen“ auf Initiative des „Vereins zur Förderung der Aufarbeitung der Hellenischen Geschichte“ mit Sitz in Weilheim / Bayern durchgeführt, welcher auch in der Vergangenheit mehrere wissenschaftliche Treffen philologischen und archäologischen Inhalts veranstaltet hatte. Mitveranstalter war der Verein Ägäis München. An diesem Treffen nahmen Wissenschaftler aus mehreren Ländern teil, die sich auf verschiedene Regionen des östlichen Mittelmeeres, wie die Ägäis, Zypern, Kleinasien, Syrien/Palästina, konzentrierten.

Thema des Symposiums war die Architektur der Bronzezeit, wie sie durch Ausgrabungen im weiten Raum des östlichen Mittelmeergebietes in vielfältigen Ausprägungen bekannt ist; wissenschaftliches Hauptziel war die Erforschung und Analyse der architektonischen Traditionen der Kulturen und Völker dieser Region. Die Menge des Materials wie die Vielschichtigkeit der Thematik konnten natürlich im Rahmen dieses kleinen Symposiums nicht erschöpfend diskutiert werden, doch trugen die von den Referenten präsentierten Fallbeispiele dazu bei, eine direkte Diskussion über die Faktoren herbeizuführen, welche die jeweiligen lokalen Traditionen beeinflussen und formen. Eine Grundlage sind die engen Beziehungen und Verflechtungen der ostmediterranen Kulturengruppen und Völker. Solche Beziehungen werden vorrangig dokumentiert durch Kleinfunde, also mobile Objekte, und evtl. vorhandene Texte; sie werden sichtbar sich in vielerlei Kunst-, Kultur- und Lebensformen. Kulturelle Anleihen und Interaktion sind in der Vergangenheit Gegenstand zahlreicher Konferenzen und Veröffentlichungen gewesen. Der Architektur wurde dagegen in dieser Diskussion bisher nur ein sekundärer Platz eingeräumt. Primäres Ziel des Münchner Symposiums war es, einen Beitrag zu leisten, dieses wissenschaftliche Desiderat sichtbar zu machen, neue Wege der Analyse im transkulturellen Vergleich aufzuzeigen, Kontakt- und Adaptionsphänomene zu beschreiben und gegen lokale Entwicklungen abzugrenzen.

Die Teilnehmer des Symposiums begrüßten die Griechische Generalkonsulin in Bayern, Frau Anna Korka, der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Aufarbeitung der Hellenischen Geschichte, Apostolos Kyriatsoulis, und die Vorsitzende des Vereins Ägäis München, Frau Dionysia Chatzinota. Seitens des Organisationskomitees präsentierte Jost Knauss das Grundthema des Symposiums und definierte die zu erforschenden Grundprobleme. Seitens des wissenschaftlichen Ausschusses hob Clairy Palyvou hervor, wie wichtig der direkte Kontakt der Forscher durch Arbeitstreffen wie dieses sei, die dazu beitragen könnten, in ausgewogener und methodisch angemessener Weise Phänomene von Kulturkontakt und Diffusion gegen lokale Tradition und lokale Resistenz abzugrenzen.

Das Symposium hatte drei grundsätzliche und miteinander verbundene geographische Bezugsachsen: die Ägäis (Kreta und das griechische Festland), das hethitische Kleinasien und schließlich Zypern mit dem benachbarten Ugarit an der syro-palästinensischen Küste. Einen ersten Ansatz bot eine theoretische Abhandlung von Bernard Knapp über monumentale Architektur, deren Dynamik und Mannigfaltigkeit er als Ausdruck des Repräsentationswillens gesellschaftlicher Eliten, aber auch als Zeichen individueller wie kollektiver Erinnerung beschrieb, durch die sich die Identität einer Gruppe formt.

Fünf Referenten befassten sich mit der ägäischen Architektur. Hartmut Matthäus und Sabine Westerburg-Eberl  boten ein Bild der minoischen Baukunst, gestützt auf die methodischen Ansätze von J. Shaw und J. McEnroe, wobei der Einfluss der Palast-Architektur auf Gestalt und Bautechnik der Häuser diskutiert wurde. Im Mittelpunkt standen ländliche und städtische Villen Kretas, die ihrerseits Vergleiche mit den Stadtvillen von Akrotiri auf Thera und anderen ägäischen Inseln erlauben. Eleftheria Tsakanika analysierte die Nutzung von Holz in dem minoischen Bautechnik-Balkenwerk von Mauern und Türdurchgängen, Deckenkonstruktionen etc. Sie hob hervor, wie wichtig eine auf exakte Analyse und Verständnis von Statik, Einzelformen und Gesamterscheinung sich stützende Interpretation sei; oberflächliche Annäherungen tragen zu Fehlinterpretationen und beliebigem Kulturvergleich bei.

Die beiden anderen Referenten zogen einen Vergleich zwischen der Architektur der beiden großen Kulturgefüge der Ägäis, nämlich Kreta (minoische Kultur) und griechisches Festland (mykenische Kultur). Joseph Shaw´s Referat war reich dokumentiert. Nach kurzer Darstellung der Entwicklung der palatialen Architektur, deren Ursprung am Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. liegt, sprach Shaw von der Verbreitung der minoischen Architektur über die Grenze Kretas hinaus auf die Inselwelt und weiter aufs griechische Festland, wo ihr Einfluss zumindest im Bereich der Bautechnik bedeutend war.

Das Referat von Clairy Palyvou folgte einer anderen Richtung: In der Suche nach Charakteristika der über lange Jahrhunderten sich entwickelnden minoischen und mykenischen Baukunst versuchte sie, Parameter der architektonischen Tradition Kretas gegenüber dem griechischen Festland zu definieren und zu differenzieren, indem sie das Gewicht nicht so sehr auf die Bautechnik, sondern auf die Organisationsweise des umbauten Raums legte. Allgemein ging aus diesem Vergleich hervor, dass eine "minoische Färbung" in der mykenischen Baukunst hauptsächlich in der Technik zum Ausdruck kommt, ohne aber wesentlichen Einfluss auf Gebäudeform und Raumorganisation, die eine mykenische Identität erkennen lassen, auszuüben.

Peter Marzolff präsentierte den besonders beeindruckenden frühbronzezeitlichen  Rundbau von Tiryns, von dem nur das Fundament erhalten ist. Es handelt sich um ein in der Ägäis einmaliges architektonisches Monument, dessen Rekonstruktion und Interpretation im Einzelnen noch Diskussionsstoff bietet. Marzolff zog Vergleiche mit ähnlichen Bauten im Osten, etwa älteren Rundbauten in Tepe Gawra in Nord-Mesopotamien, die vielleicht Hinweise auf die Funktion des Gebäudes von Tiryns geben könnten. Die kulturelle und räumliche Entfernung ist aber so groß, ein echter baugeschichtlicher Zusammenhang fraglich scheint.

Über hethitische Architektur der Großreichszeit sprach Martin Bachmann: seitdem Rudolf Naumann sein großes Werk über die hethitische Architektur verfasst hat, sind zahlreiche neue Grabungsbefunde hinzugekommen, welche die alte Lehrmeinung einer Dominanz von Steinarchitektur gegenüber Lehmziegel und Holz korrigiert haben. In diesem Zusammenhang ist etwa die experimental-archäologische Rekonstruktion eines Abschnittes der aus Lehmziegel errichteten Stadtmauer von Hattusa zu nennen. Unter neueren Grabungsergebnissen ist schließlich die hethitische Wasserbaukunst zu nennen, die Nutzung von Zisternen und Leitungssystemen, z. B. im Heiligtum von Eflatun Pinar, verbunden mit Terrassen und einer mit beeindruckenden Reliefplatten verkleideten Stützmauer.

Über das spätbronzezeitliche Zypern sprach Sophoklis Hadjisavvas; seinem Referat ging ein allgemeiner Kommentar voraus über die Möglichkeit, „parallel verlaufender Entwicklungen“ der Architektur in Regionen mit ähnlicher natürlicher Umwelt und ähnlichen Bedürfnissen an Stelle von Anleihen aus anderen Kulturräumen. In Zypern hat die archäologische Forschung auswärtigen Einflüssen auf die Monumentalarchitektur des 13. und 1.2. Jh. v. Chr. - ursprünglich wurde an die Ägäis gedacht, heute hauptsächlich an Syrien - eine hohen Stellenwert eingeräumt. Hadjisavvas kommentierte unter anderem die architektonischen Gemeinsamkeiten öffentlicher Bauten in Kalavassos, Maroni und Alassa, wo hauptsächlich Kupfer und Olivenöl produziert wurde, und stellte ausführlich seine Grabung in Alassa vor, wo Innovationen sowohl in der Bautechnik als auch in der Raumorganisation zu beobachten sind.

Marguerite Yon referierte über Zypern und Syrien und zog Vergleiche zwischen dem städtebaulichen Gefüge von Ugarit, Enkomi und Kition, bezogen auf eine Periode von gut dokumentierten, engen Beziehungen der beiden Regionen. Insbesondere befasste sie sich mit Form und Funktion der Stadtmauern und der Zugänge. Trotz offensichtlich lokal geprägtem Charakter der zyprischen Städte im Vergleich zu den syrischen, sind Verwandtschaft und Konvergenz offensichtlich.

Annie Caubet präsentierte ein breites Spektrum bronzezeitlicher Gebäudemodelle aus Terrakotta aus verschiedenen Regionen des Ostens, von Zypern bis zum Euphrat. Insbesondere hob sie hervor, dass solche Modelle auf Zypern und in Syrien während der Mittleren Bronzezeit nicht gefunden werden konnten. Ihre Funktion und Bedeutung variiert; manche waren mit Geburt und Tod verbunden, andere dienten als Opfergabe bei religiösen Riten, und einige stellten Machtsymbole dar.

Aus den Diskussionen beteiligten sich viele Teilnehmer. Es zeigte sich, wie schwierig die Bestimmung eines Schemas ist, wonach die architektonischen Traditionen eines Ortes Gestalt annehmen, sowie die feine Grenzlinie zwischen der Bekanntheit, Akzeptanz und der Einverleibung eines „fremden“ Elementes. Die Möglichkeiten paralleler und autonomer Entwicklungen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Hier bedarf es präziser Analyse und feiner Abwägung aller Faktoren. Auch wurden die immanenten Schwierigkeiten jedes fachübergreifenden Dialogs sichtbar, wie auch seine enorme schöpferische Bedeutung für die Archäologie, wenn man nicht ihren Gegenstand aus den Augen lässt, nämlich gemeinsam der komplexen Erscheinung des Lebens selbst zu dienen, unabhängig von Zeit und Ort.

Schließlich wurde nochmals bestätigt, dass die kulturellen Kontakte während der Späten Bronzezeit eine komplexe Erscheinung sind, innerhalb welcher die Architektur nur einen Aspekt darstellt. Die Zeit zwischen 1600 und 1200 v. Chr. war insgesamt eine Epoche enger Kontakte zwischen den großen Zivilisationen, sowohl innerhalb der Ägäis, als auch im östlichen Mittelmeerraum.

Weinheim, August 2008