15.12.2017 - 20:29:18

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Wieczorek, Alfried / Tellenbach, Michael (Hrsg.):
An die Mächte der Natur. Mythen der altperuanischen Nasca-Indianer.
Katalog zur Ausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen, Band 5
Mainz: Verlag Philipp von Zabern 2002
ISBN 3-8053-2941-5
264 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Preis: € 14,80

Parallel zur Nasca-Ausstellung in Mannheim (die leider am 06. Januar 2003 ihre Pforten schloss) erschien im Verlag Philipp von Zabern ein informativer und gut gestalteter Katalog.

Sehr übersichtlich und unter Berücksichtigung der neuesten Forschungsergebnisse geben die Herausgeber einen Überblick über die Entwicklung der altperuanischen Kulturen und gehen dann speziell auf die Entwicklung der Nasca-Kultur ein. Dabei wird deutlich, dass alle peruanischen Küstenkulturen in irgendeiner Weise Zusammenhänge aufweisen, deren genaue Einzelheiten zwar noch im Dunklen liegen, sich aber durch die äußerst anschauliche Darstellung auch einem Leser erschließen, der sich bisher nicht für die Entwicklung der autochtonen indianischen Kulturen in Peru interessiert hat. Für alle indianischen Küstenkülturen Perus, seien es nun die Kulturen von Chavin, Moche, Paracas oder Nasca, gilt immer, dass sie in großer Abhängigkeit von der Natur lebten. Angewiesen auf das lebensnotwendige Wasser, welches entweder nur knapp bemessen war oder aber in Zeiten der El-Ninjo-Katastrophen so reichlich vorhanden war, dass es zerstörerisch wirkte, versuchten die autochthonen Kulturen Perus im Einklang mit der Natur zu leben. Das erschöpfte sich nicht nur in der Anbetung der entsprechenden Gottheiten. Auch die Lebensweise der alten Peruaner wurde den schwierigen Lebensbedingungen angepasst. Trotzdem konnten Zerstörungen durch schwere Überschwemmungen, wie sie der Bonner Archäologe Markus Reindel im Palpa-Tal bei Nasca nachgewiesen hat [1] nicht verhindert werden. Muss man also vermuten, dass die altperuanischen Kulturen daran zugrunde gingen, dass sie die Mächte der Natur nicht beherrschten? Die Ausstellung in Mannheim zeigte eine andere Sichtweise.

Es gelang den Trägern der Nasca-Kultur, ihre Lebensweise den vorherrschenden Bedingungen nahezu optimal anzupassen. Beredtes Zeugnis dafür sind die sogenannten puquios, die Bewässerungssysteme der Nasca-Kultur. Diese versorgten eine Region, die auf natürlichem Wege nur drei Monate lang über Wasser verfügte, das ganze Jahr über mit dem lebensnotwendigen Nass. Das ist eine technische Höchstleistung, die auf der gesamten Welt ihresgleichen sucht. Noch heute, mehr als 500 Jahre nach dem Untergang der Nasca-Kultur werden im Nasca-Tal etwa 50 dieser puquios genutzt! Eine bessere Art der Wasserversorgung wurde dort bis heute nicht gefunden.

Besonders hervorzuheben ist ein Forschungsergebnis, welches Michael Tellenbach (Zweiter Direktor und Leiter der Völkerkundlichen Abteilung der Reiss-Engelhorn-Museen) in Vorbereitung der Ausstellung nach umfangreichen Versuchen vorlegen konnte. Er hat nachgewiesen, was bisher für die altamerikanischen Kulturen stets verleugnet worden ist: den Gebrauch einer drehbaren Unterlage, die vermutlich eine Töpferscheibe gewesen ist. Damit müssen alle bisherigen Untersuchungen zur altperuanischen Keramik neu durchdacht werden. Hatte man bisher nur in Mexiko Spielzeug mit Rädern gefunden und dieses als zufälliges Auftreten des Rades interpretiert, weil man aufgrund des Fehlens von geeigneten Zugtieren eine Nutzung des Rades ausgeschlossen hatte, so gelang es Tellenbach mit Hilfe der Computertomographie den Nachweis zu erbringen, dass in der Nascakultur die Töpferscheibe zur Anfertigung von Keramiken benutzt worden ist. Damit wird die Erforschung der altperuanischen Kulturen auf eine neue Stufe gestellt: nachdem die Erkenntnisse von Terence Grieder, der entsprechende Hinweise bereits 1975 publiziert hatte [2] noch kaum rezipiert worden sind, kommt nun niemand mehr an der Erkenntnis vorbei, dass zumindestens in Peru bereits um die Jahrtausendwende die Töpferscheibe benutzt worden ist. Dieser Nachweis dürfte der altamerikanistischen Forschung neue Impulse verleihen.

  • [1] Markus Reindel und Johny Isla Cuadrado: Ausgrabungen in Los Molinos und La Muña. Ergebnisse der Grabungskampagne 1999 des Archäologischen Projektes Nasca-Palpa, Süd-Peru, In: Jahresbericht 1999 der Schweizerisch-Liechtensteinischen Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland, Zürich und Vaduz, 1999, S. 95 UND diess.: Ausgrabungen in Los Molinos und La Muña: Ergebnisse der Grabungskampagne 1998 des archäologischen Projektes Nasca-Palpa, Süd-Peru, In: Jahresbericht 1998 der SLSA, Zürich und Vaduz,1998, S. 141.

    [2] Terence Grieder: Rotary Tools in Ancient Peru, Archaeology 28 (1975), S. 178-185.

Rezension von Mario Koch