16.12.2017 - 19:52:37

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Sternstunden der Archäologie
Rainer Vollkommer

Beck'sche Reihe 1395
München: C. H. Beck 2000.
ISBN 3-406-45935-8
231 S., 23 Abb.
Preis: 19,90 DM

Keine Frage: der Band ist sehr detailliert recherchiert, im Text auf das archäologisch Wesentliche reduziert, exzellent und anschaulich formuliert, dabei spannend zu lesen.

Rainer Vollkommer, Jahrgang 1959, kommt von der Klassischen Archäologie, hat Erfahrungen in der Hochschullehre, ist aber derzeit - laut Verlagsangabe - im internationalen Kunsthandel und - wie hier zu lesen - auch als Sachbuchautor tätig. Ihm geht es um die "Highlights" des Faches, um die berühmtesten Fundstätten der Welt und um die Geschichte spektakulärer Entdeckungen, die in der Öffentlichkeit zwar meist vom Namen her bekannt sein dürften, nicht aber die Vielfalt der Details, die Vollkommer hier anbietet. Im Einzelnen geht es

  1. um den Neandertaler, dazu mit einer Darstellung der gesamten Menschheitsgeschichte,
  2. um die Höhlenmalereien von Altamira und Lascaux,
  3. um den Gletschermann aus dem Ötztal,
  4. um Troia und seine Entdeckung durch H.Schliemann,
  5. um Santorin mit dem Atlantis-Problem,
  6. um Tut-anch-Amun,
  7. um den Palast der Kleopatra bei Alexandria,
  8. um die Schriftrollen von Qumran,
  9. um Pompeji und Herculaneum,
  10. um die riesige Grabanlage des ersten Kaisers von China,
  11. um die Maya-Stadt bei Copán und schließlich
  12. um die Suche nach der 1912 versunkenen Titanic.

Dabei hat die Qual der Auswahl den Verfasser sicher lange und intensiv beschäftigt. Das Ergebnis scheint sehr gelungen, spannt sich doch der Bogen chronologisch von den Anfängen bis zur Neuzeit und geographisch von Afrika über Europa und Ostasien bis nach Mittelamerika. Ob allerdings die Suche, Lokalisierung und photographische Dokumentierung der Titanic auf dem Grund des Nordatlantik zu den wesentlichen Forschungsproblemen und - durch den Erfolg - auch zu den Sternstunden der Archäologie gehören, mag zweifelhaft sein. Die Initiatoren des Titanic-Unternehmens waren und sind beileibe keine Archäologen mit einer wissenschaftlichen Fragestellung, sondern finanzkräftige Unternehmer, die sich aus Abenteuerlust und Gewinnstreben dem Mythos Titanic widmeten. Die Erkenntnis durch die Unterwasserfotos, dass die Titanic wohl nicht durch einen einzigen gewaltigen Riss im Rumpf gesunken ist, sondern auf Grund mehrerer kleiner Lecks, scheint nur mäßig relevant, weil das Schiff so oder so gesunken ist und das Wissen um den genauen Hergang der Katastrophe von 1912 nicht den modernen Schiffbau von heute beeinflussen kann. Wichtiger ist, dass mittlerweile die so genannte RMS Titanic Inc. alleinige Besitzerin und Verwalterin des Wracks ist. Diese setzt die Lizenzkosten für den Abdruck von Unterwasserfotos derart hoch an, dass in dem vorliegenden Band keine Abbildung der gesunkenen Titanic verwendet werden konnte! Dem Wunsch in der Öffentlichkeit, mehr Details über den Ablauf des Titanic-Unternehmens zu erfahren, kommt R.Vollkommer mit der Aufnahme des Kapitels aber zu Recht nach. Er nimmt allerdings dabei in Kauf, dass archäologische Forschung inhaltlich in die - für unser gesamtes Fach gefährliche - Nähe zur Schatzsucherei und -räuberei gerückt werden könnte. Auch die fiktive Geschichte in der Einleitung des Bandes, in der jemand bei Gartenarbeiten seinen Ehering wiederfindet, den er vor mehr als 20 Jahren verloren hatte, ist mit Archäologie eigentlich nicht in Verbindung zu bringen; der Mann erlebt lediglich eine freudige, private "Sternstunde".

Archäologische Sternstunden, das wird dann allerdings in den folgenden Kapiteln recht deutlich, sind geprägt von intensiven Vorarbeiten, von jahrelangen Bemühungen, hohem Einsatz und manchmal auch von einer Portion Glück, wie beispielsweise die Entdeckung und Bergung des Gletschermannes aus den Ötztaler Alpen zeigt; nur eine Aneinanderreihung von glücklichen Umständen und einige schnelle und richtige Entscheidungen haben ermöglicht, dass "Ötzi" erhalten geblieben ist und nun im Museum von Bozen wissenschaftlich untersucht und auch angeschaut werden kann.

Vielleicht hätte es insgesamt etwas deutlicher werden können, dass Archäologie - und die moderne archäologische Forschung allemal - weniger mit herausragenden Funden zu tun hat als vielmehr mit Fragestellungen und Befunden, die eine umfassende Klärung von Lebens- und Umweltverhältnissen während vergangener Zeiträume ermöglichen. Diese Probleme sind nicht mehr allein von der Archäologie zu klären, sondern erfordern eine überregionale und fächerübergreifend organisierte Zusammenarbeit. Auch in diesem Zusammenhang sind "Sternstunden" möglich. Gewünscht hätte man sich auch eine etwas professionellere Aufbereitung der graphischen Darstellungen und einen etwas weniger fleißigen Druckfehlerteufel.

Trotz dieser kleinen Kritikpunkte: ein exzellentes Lesebuch, detailreich, spannend, unterhaltsam.

Rezension von Ulrich Zimmermann