16.12.2017 - 19:53:25

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Schulze, Dietrich / Zetzsche, Viola:
Bilderbuch der Wüste. Maria Reiche und die Bodenzeichnungen von Nasca

Halle: Mitteldeutscher Verlag 2005
ISBN 3-89812-298-0
Preis: € 19,90

 

Seit Jahren arbeitete Dietrich Schulze, der als Ingenieur nach Peru gekommen war, um dort den Aufbau von Chemieanlagen zu betreuen, an einer Biografie über Maria Reiche. Während seiner Aufenthalte hatte Schulze Maria Reiche und ihre Schwester Renate kennen und schätzen gelernt. Bevor Renate Reiche starb, übergab sie einen großen Teil ihres privaten Nachlasses, der vor allem den Briefwechsel mit ihrer berühmten Schwester Maria umfasste, an Dietrich Schulze und bat ihn, dafür zu sorgen, dass Marias Lebenswerk entsprechend gewürdigt werde.

Dietrich Schulze, der weltweit das wohl größte Archiv über Maria Reiche besitzt, darunter nicht nur die Briefe, sondern auch unzählige Fotos und private Aufzeichnungen, machte die Publizierung des Lebenswerkes von Maria Reiche zu seiner Lebensaufgabe. So war er der Initiator für die Gründung des Vereins "Maria Reiche. Linien und Figuren der Nazca-Kultur in Peru" e.V. in der Geburtsstadt Maria Reiches, in Dresden. Doch die geplante Biografie schob er immer wieder hinaus. Dann traf er auf Viola Zetzsche, die sich für die Person Maria Reiche interessierte, und gemeinsam schlossen sie Schulze`s Projekt ab. Als Frau konnte sich Viola Zetzsche gut in die Gedanken von Maria Reiche hineinversetzen, was dem gesamten Text des Buches gut getan hat. Ihr ist es zu verdanken, dass die Biografie endlich Gestalt annahm.

Maria Reiche war bereits zu ihren Lebzeiten eine umstrittene Frau. Sie ist eine peruanische Nationalheldin, hat sich mit ihrer Arbeit auf der Pampa und ihrem energischen Auftreten aber auch viele Feinde gemacht. Diese Konflikte treten zum Teil auch heute noch zutage. Dabei betreffen die Kritiken nicht nur Marias zum Teil sehr unkonventionelle Arbeits- und Forschungsmethoden. Viele Forscher fühlten sich von ihr brüskiert, jedoch darf man nicht vergessen, dass viele Wissenschaftler gerade in den ersten Jahren Maria ausnutzten und sie als verrückte Alte belächelten.

Maria Reiche war eine ganz besondere Frau. Sie hatte ein Ziel: sie wollte die geheimnisvollen Bodenzeichnungen in der Pampa von Nasca erforschen und für die Nachwelt erhalten. Dafür nahm sie Entbehrungen auf sich, die für heutige Forscher kaum vorstellbar sind. Jahrelang lebte sie in einem Raum mit Lehmfußboden, ohne Strom und Wasser, die Notdurft musste sie hinter dem Haus auf dem Feld verrichten. Obwohl sie eine der berühmtesten Forscherinnen des vorigen Jahrhunderts ist, bekam sie für ihre Arbeit kaum so viel Geld, um sich das Notwendigste leisten zu können. Sie musste sich ständig um Stipendien bemühen und wurde von ihrer Schwester finanziell unterstützt.

Die vorliegende Biografie zeichnet den Lebensweg einer bewundernswerten Frau nach. Einer Frau, deren Name untrennbar mit den Bodenzeichnungen von Nasca verbunden ist, denn sie war es, die diese Linien und Figuren weltweit bekannt gemacht hat; ihr ist es zu verdanken, dass diese Geoglyphen 1995 von der UNESCO zum Welterbe erklärt worden sind. Trotzdem ist über ihr Leben nur wenig bekannt. Anhand ihrer Briefe, vor allem an ihre Schwester Renate, zeichnen die beiden Autoren ein bewegtes Leben nach. Dank der Briefe gelingt es, ein beeindruckendes und lebensnahes Bild der Frau zu zeigen, die nach ihrem Tod 1998 von der peruanischen Regierung ein Staatsbegräbnis erhielt.

Die enge Verknüpfung des Textes mit den persönlichen Briefen Maria Reiches macht aus der Biografie einen sehr persönlichen Text. Der Leser fühlt sich auf diese Weise sehr eng mit Maria verbunden. Dieses Buch ist keine Forschungsarbeit über die Nasca-Kultur. Es ist eine Reminiszenz an eine ganz besondere, bewundernswerte Frau, die der peruanischen Republik und der ganzen Welt viel gegeben hat und an die man nur hochachtungsvoll denken kann. Wenn auch ihre Theorie über die Nasca-Linien heute dank umfangreicher Forschungen überholt ist - es war Maria Reiche, die diese Forschungen angestoßen hat und die sich von Anfang an für die Bewahrung der Pampa von Nasca eingesetzt hat.

Das Vorwort zum Buch schrieb Rüdiger Nehberg, der es nach der Lektüre der Biografie bedauert, Maria Reiche nie persönlich begegnet zu sein. Es wird nicht nur ihm so gehen. Diese Biografie, angereichert durch viele, zum Teil unveröffentlichte Fotos, wird ihrem Ziel gerecht, die Ideen Maria Reiches in die Zukunft zu tragen.

Rezension von Mario Koch