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Nawroth, Manfred
Das Gräberfeld von Pfahlheim und das Reitzubehör der Merowingerzeit

Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum 2001
Ca. 350 S., 90 SW-Abb, 60 Bildtafeln u. 33 Farbabb.
Preis: 39,00 bzw. 51,00 €

Das Gräberfeld des heute zur Stadt Ellwangen gehörenden Ortes Pfahlheim im Ostalbkreis, dessen wechselvolle Entdeckungs- und Ausgrabungsgeschichte mit seiner partiellen Freilegung durch den damaligen Leiter der "Staatssammlung für vaterländische Kunst- und Alterthumsdenkmale Stuttgart" Prof. Ludwig Mayer begann und nach einer ganzen Reihe von weiteren Grabungen zwischen 1884 und 1905 mit einer "Diaspora" der Grabfunde über die Altertumssammlungen in Stuttgart, Nürnberg und Berlin endete, gehört zu den bedeutendsten Fundorten für die Archäologie der Merowingerzeit. Einzelne Objekte des qualitätvollen und für den Formen- und Typenbestand der jüngeren Merowingerzeit überaus wichtigen Fundmaterials waren deshalb bereits vielfach Gegenstand unterschiedlicher Abhandlungen, doch stellte eine Zusammenschau aller Befunde und Funde des Gräberfeldes nicht zuletzt aufgrund der komplizierten Forschungsgeschichte bisher ein dringendes Desiderat der Forschung dar.

Es ist das Verdienst Manfred Nawroths, diesem Desiderat im Rahmen seiner Dissertation mit dem Titel "Die Separatnekropole des 7. Jahrhunderts von Pfahlheim, Stadt Ellwangen, Ostalbkreis und das Reizubehör der Merowingerzeit" Abhilfe verschafft zu haben, die im Juli 2000 im Fachbereich Geschichts- und Altertumswissenschaften der Freien Universität Berlin eingereicht und bereits im Januar 2001 (!) als Band 19 der renommierten Reihe der "Wissenschaftlichen Beibände zum Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums" mit dem wenig abgeänderten Titel "Das Gräberfeld von Pfahlheim und das Reitzubehör der Merowingerzeit" veröffentlicht wurde.

Die Publikation versteht sich jedoch nicht nur als wissenschaftliche Materialvorlage, sondern, wie aus dem Vorwort des Leiters der Vor- und Frühgeschichtlichen Sammlungen im Germanischen Nationalmuseum Tobias Springer hervorgeht, auch als Begleitband zur Sonderausstellung "Die Reiterkrieger von Pfahlheim - reiche Adelsgräber des 7. Jahrhunderts im Osten Württembergs", die vom 1. März bis 15. Juli 2001 in Nürnberg zu sehen war und sich seit 29. September 2001 im neuen Alamannenmuseum in Ellwangen befindet. Diesem Anspruch wird die Publikation (die an den Ausstellungsorten mit 39.- € immerhin deutlich preiswerter zu erwerben ist, als über den Buchhandel mit 51.- €) allerdings angesichts der teilweise sehr speziellen wissenschaftlichen Ausführungen leider nicht gerecht und kann deshalb auch mit seinen 33 Farbabbildungen der wichtigsten Funde und den 60 Schwarzweißtafeln keinen Kurzführer ersetzen, den sich jeder interessierte Laie wohl eher gewünscht hätte (und wie er in der ansprechenden Internetpräsentation des Alamannenmuseums Ellwangen zumindest "virtuell" verwirklicht wurde). Viel bedauerlicher ist jedoch, daß die Veröffentlichung leider auch die - aufgrund der Bedeutung des Materials zugegebenermaßen sehr hohen - Erwartungen der Fachkollegen enttäuschen dürfte, was allerdings nicht an den vielen "Flüchtigkeitsfehlern" in der Rechtschreibung, bei den Literaturzitaten in den Anmerkungen oder in den Fundlisten liegt, die angesichts der enorm kurzen Zeitspanne zwischen Abgabe und Druck der Arbeit noch entschuldbar sind, sondern an dem bereits im Untertitel angedeuteten Schwerpunkt des Buches auf dem Reitzuberhör der Merowingerzeit. Dieser nimmt nämlich im Text immerhin einen Umfang von 83 Seiten und damit mehr als ein Drittel des gesamten Auswertungstextes ein und ist zudem keine erstmalige Studie dieser Art, sondern ergänzt im Prinzip lediglich die jeweiligen Spezialuntersuchungen Karl Wachowskis für die Sporen, Judith Oexles für das Pferdegeschirr und Dieter Quasts für die Sattelgestelle vor dem Hintergrund einer Beurteilung des Pfahlheimer Fundmaterials, und kommt deshalb auch zu keinen wesentlich neuen Ergebnissen. [1]

Zwar wurde in Pfahlheim nahezu jeder dritte Mann durch Grabbeigaben wie Sporen, Zaumzeug oder Sattel als Reiter identifiziert, doch relativiert sich diese auffällige Akzentuierung in der Beigabenausstattung vor dem Hintergund der Zeitstellung des Gräberfeldes innerhalb des 7. Jahrhunderts, in dessen Verlauf auch andernorts eine Zunahme von Reitzubehör zu verzeichnen ist - wie sich letztlich auch aus Nawroths umfangreichen Fundlisten selbst ergibt. Die übrigen, mindestens ebenso wichtigen Funde von nicht unbeträchtlicher antiquarischer und chronologischer Bedeutung, wie z. B. die vielteiligen Gürtelgarnituren, die Goldblattkreuze, die Filigranscheibenfibel aus Grab 8/1892 oder der Münzfingerring mit Dreikugelzier aus Grab 4/1891 werden jedoch ebenso wie die bronzenen Spathagarnituren und die bronzenen Gürtelkettengehänge, die jeweils sogar namengebend für einen bestimmten chronologisch genau fixierbaren Typ sind, in der Regel mit ein bis zwei, höchstens mit vier Seiten Text gewürdigt, der mit Ausnahme der sehr anregenden und interessanten Interpretation des bemerkenswerten Dekors auf den Beschlägen der besagten Spathagarnituren vom Typ Pfahlheim als stilisierte christliche Trinitätsdarstellungen vergleichsweise oberflächlich gehalten ist. Für eine Publikation mit dem Anspruch einer abschließenden Materialvorlage hätte sich der Fachmann jedoch auch hier eine etwas ausführlichere Beschäftigung mit den Objekten sowie die Berücksichtigung wichtiger, neuerer Literatur gewünscht; ein Arbeitsaufwand, die dem Autor angesichts der Bedeutung der Pfahlheimer Funde m. E. durchaus zumutbar gewesen wäre, aber zugunsten der schwerpunktmäßigen Behandlung des Reitzubehörs auf der Strecke bleibt.

In der geistes-, sozial- und siedlungsgeschichtlichen Bewertung des Bestattungsplatzes gelangt Nawroth nicht über die üblichen, in nahezu jeder vorangegangenen Gräberfeldpublikation anzutreffenden Stereotypen hinaus und strapaziert den archäologischen Fundstoff dabei nicht selten über dessen tatsächliche historische Aussagekraft hinaus. In den Amuletten sieht er "Objekte von synkretistischem Charakter", die den noch nicht ganz vollzogenen Übergang der Menschen vom Heidentum zum Christentum illustrieren, und bei der Interpretation der Goldblattkreuze folgt er der Ansicht Horst Wolfgang Böhmes, der von einem "Konkurrenzkampf zweier rivaliserender Missionsgesellschaften" spricht, was zur Folge hatte, daß Gräber mit Goldblattkreuzen fast nie in oder bei frühmittelalterlichen Kirchen gefunden werden. Bei der Klassifizierung reicher Gräber bedient er sich des Qualitätsgruppenmodells von Rainer Christlein und spricht diese dennoch als Bestattungen des Adels an, obgleich doch die Gleichsetzung von Grabausstattung und Rechtsstatus spätestens seit der 1982 erschienenen Arbeit von Heiko Steuer zu den "Frühgeschichtlichen Sozialstrukturen in Mitteleuropa" überwunden zu sein schien. [2]

Schließlich bedient Nawroth auch zahlreiche Klischees der älteren historischen Forschung, wie z. B. die "fränkische Herkunft" der in Pfahlheim bestatteten Personen, die sich schon am "schematischen" Ortsnamen mit der Endung auf -heim abzeichne und ein Beleg für den systematischen und zentral durch den fränkischen König gesteuerten Prozeß des Landesausbaus sei. Aus dieser erkläre sich auch die Struktur und Lage des Bestattungsplatzes, denn im Gegensatz zu den sogenannten "Ortsgräberfeldern" handelt es sich bei der Nekropole von Pfahlheim nach Nawroths Ansicht um eine sogenannte "Separatgrablege", die, wie eine ganze Reihe anderer, ähnlich kleiner Bestattungsplätze mit reich ausgestatteten Gräbern, z. B. Giengen an der Brenz oder Niederstotzingen, durch ihre unmittelbare Lage an einer seit römischer Zeit exisitierenden Straßenverbindung "unter dem Gesichtspunkt der Festigung der merowingischen Macht" zu sehen sind, weil die darin bestatteten adeligen Reiterkrieger zu Lebzeiten im Dienste des fränkischen Königs wichtige Wach- und Kontrollaufgaben verrichteten. Damit folgt Nawroth der in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandenen These einer "fränkischen Staatskolonisation", die, wie jüngst auch Christian Gildhoff in seiner Rezension zu Reto Martis Arbeit zur frühmittelalterlichen Besiedlungsgeschichte der Nordwestschweiz betont hat [3], natürlich nicht aus dem archäologischen Befund hervorgeht, sondern diesem auf der Grundlage historischer Thesen "übergestülpt" wird, obgleich die landesgeschichtliche Forschung hinsichtlich der Rolle des Königtums rechts des Rheins inzwischen eine deutlich andere Auffassung vertritt und dessen direkten Einflußauf die Gebiete rechts des Rheins in der Merowingerzeit zugunsten partikularer politischer Gewalten als eher gering einschätzt.

Fazit: Manfred Nawroths Monographie zum Gräberfeld von Pfahlheim ist eine solide und von der Aufmachung her ansprechende aber keine außergewöhliche Materialvorlage, die dem besonderen Stellenwert der Gräber von Pfahlheim und deren bemerkenswerten Beigabeninventaren nicht wirklich - oder in bezug auf das Reitzubehör nur teilweise - gerecht wird. Der Fachmann wird um die Benutzung dieses Buches als aktuellste Zusammenschau der Pfahlheimer Funde und insbesondere im Hinblick auf die Fundlisten zum Reizubehör der Merowingerzeit wohl nicht herumkommen; dem interessierten Laien ist der Kauf jedoch nicht unbedingt zu empfehlen - sehr wohl aber die Besichtigung der Ausstellung im Alamannenmuseum Ellwangen mit den spektakulären Originalfunden, die dort noch bis zum 11. Januar 2004 zu sehen sind.

  • [1] K. Wachowski, Merowingische und karolingische Sporen auf dem Kontinent. Zeitschrift für die Archäologie des Mittelalters 14/15, 1986/87, 49-79; J. Oexle, Studien zu merowingerzeitlichem Pferdegeschirr am Beispiel der Trensen. Germanische Denkmäler der Völkerwanderungszeit Reihe A 16 (Mainz 1992); D. Quast, Das hölzerne Sattelgestell aus Oberflacht Grab 211 - Bemerkungen zu merowingerzeitlichen Sätteln. Fundberichte aus Baden-Württemberg 18, 1993, 437-464.
    [2] H. Steuer, Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philosophisch-Historische-Klasse, Dritte Folge 128 (Göttingen 1982) bes. 342ff.
    [3] Ch. Gildhoff, Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 150 N. F. 111, 2002, 623 mit Bezug auf R. Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter. Forschungen zur frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte der Nordwestschweiz (4.-10. Jahrhundert). Archäologie und Museum 41 (Liestal 2000) 327ff.
Rezension von Niklot Krohn