17.12.2017 - 01:22:55

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Kuckenburg, Martin
Als der Mensch zum Schöpfer wurde. An den Wurzeln der Kultur

Stuttgart: Klett-Cotta 2001
ISBN 3-608-94034-0
238 Seiten. Mehrere Zeichnungen und Grafiken in schwarzweiß, rund 30 Farbfotos
Preis: € 25,00


Auf den ersten Blick: Wer Kuckenburgs Können, Wissenschaftliches für die Leser spannend zu erzählen, kennt, freut sich - und dies sei an dieser Stelle schon verraten: zu Recht - auf die Lektüre dieses Handbuches über das Alt- und Mittelpaläolithikum bis beginnendes Jungpaläolithikum (also der Zeitraum von vor rund 6 Millionen Jahren bis vor etwa 30 000 Jahre vor Heute). Entgegen der ‚BigBang'- Theorie, die erst mit dem Auftreten des Homo sapiens sapiens und den gleichzeitig datierten spektakulären Höhlenmalereien und mobiler Kunst, eine Kulturhöhe feststellt, geht es Kuckenburg darum, Kultur und Kreativität als frühes Charakteristikum der Menschen, das sich kontinuierlich entwickelte, aufzuzeigen. Dafür liefert er anschauliche Belege, angefangen beim "Gesichtsstein von Makapansgat", den ein Australopithecus bei sich trug bis zur Klingenabschlagtechnik der Neandertaler.
Schade, daß die Fotos und Umzeichnungen der Funde selten einen Maßstab angeben und in der Bildqualität nicht optimal sind.

Inhalt: Das Buch ist chronologisch aufgebaut und fokussiert auf Afrika als `Wiege der Menschheit` und Europa. Zunächst schildert Kuckenburg im Zeitraffer die wichtigsten Stationen der Menschheitsentwicklung in Afrika, von den Australopithecinen über Homo habilis zum Homo erectus. Letzterer, bekannt durch die Faustkeile, die er schuf, gelangte als erster Weltenbummler schon früh nach Eurasien. Die Faustkeile, besonders die beidseitig bearbeiteten, zeigen einen über das Funktionale hinaus gehenden Sinn für Ästhetik.

Kuckenburg schließt sich im Folgenden der ‚Multiregionalen Entwicklungstheorie' an, die davon ausgeht, daß sich aufgrund der Vernetzung der Frühmenschen synchrone Entwicklungen ergaben und aus den regionalen Homo erectus- Vertretern sich schließlich moderne Menschen entwickelten.

Die von ihm ausführlicher vorgestellten Fundorte des Homo erectus' in Europa (Atapuerca, Boxgrove und Schöningen) weisen auf eine ‚längere Chronologie' (rund 1 Million Jahre) hin, als bisher angenommen. Vor allem zeigen die Funde eine erstaunliche Kunstfertigkeit und belegen systematische Großwildjagd sowie den Gebrauch von Feuer, Bekleidung und Behausung.

Aus Nordafrika und Vorderasien stellt Kuckenburg dann "Proto"- Kunst und - Schmuck vor wie Straußeneiperlen oder menschenähnliche Plastiken aus Tuffgestein bzw. Sandstein.
Die Rolle der Neandertaler in der Kulturgeschichte ist schließlich der spannende Höhepunkt von Kuckenburgs Kompendium - kein Wunder, da dies eines seiner Lieblingsthemen zu sein scheint. Nach einem Exkurs über den Imagewandel der Neandertaler in der Forschungsgeschichte aber v.a. auch in der öffentlichen Rezeption stellt Kuckenburg Funde/Befunde vor, die den hohen technologischen und soziologischen Standart der Neandertaler belegen. Anhand der Knochengeräte und Tierknochenreste von Salzgitter- Lebenstedt ließen sich beispielsweise geplante, systematische Jagd und qualitätsorientierte Verwertung des Wildes nachweisen. Mehrkomponentengeräte, durchbohrte oder gerillte Schmuckanhänger aus Knochen, Zähnen oder Elfenbein, die bislang ausschließlich dem Jungpaläolithikum und damit dem Homo sapiens sapiens zugeordnet wurden, finden sich auch in Neandertaler- Kontexten, was ein neues Denkmodell erfordert. Aufgrund stratigraphischer und technologischer Untersuchungen kann es sich hierbei nicht um eine Akkulturation der Neandertaler handeln, sondern um eine eigene Tradition. Die Neandertaler hatten also den revolutionären Schritt zum Jungpaläolithikum bereits vor Ankunft von Homo sapiens sapiens vollzogen.
Im letzten Kapitel diskutiert Kuckenburg komprimiert und kritisch aktuelle Thesen und Verfahrensweisen der Urgeschichtsforschung wie das ‚Out of Africa'- Modell und genetische Analysen, die er mit überzeugenden Argumenten relativiert.

Kommentar: Kuckenburg definiert Kultur im Sinne einer dank materieller und technischer Hilfsmittel biologischen Unabhängigkeit von der Umwelt. Mit aktuellen Funden hält er ein beeindruckendes Plädoyer für die Kulturhöhe der Früh- und Altmenschen.

Als Leser fühlt man sich immer wieder angesprochen und aufgefordert, mitzudenken. An dieser Stelle seien die Querverweise im Text gelobt. Auch Kuckenburgs deutliche Stellungnahmen zu aktuellen Kontroversen regen an und provozieren zum Weiterdenken. Die genauen Literaturangaben zu jedem Kapitel und die sorgfältigen Zitatnachweise und Anmerkungen ermöglichen hierbei Ansatzpunkte für Recherchen. Seiner Zielgruppe - ein wissenschaftlich interessiertes breiteres Publikum - wird er durch leichten Schreibstil und doch detaillierter, komplexer Darstellung gerecht.

Fazit: ein anspruchsvolles und provokativ- anregendes Buch, das Respekt vor den kulturellen Errungenschaften der Menschen vor Homo sapiens sapiens vermittelt.

Rezension von Susanne Wiermann