15.12.2017 - 20:38:09

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Kottmann, Aline / Frommer, Sören
Die Glashütte Glaswasen im Schönbuch. Produktionsprozesse, Infrastruktur und Arbeitsalltag eines spätmittelalterlichen Betriebs
(mit Beiträgen von Katharina Müller, Solveig Schiegl und Bernhard Watzke)

Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie 1
Büchenbach: Verlag Dr. Faustus 2004.
ISBN 3-933474-28-0
386 S., 140 Textabb., 16 Pläne, 35 Tafeln, Faltkarten, Zusatz-CD; Festeinband
Preis: € 39,--


„Aussagen zu den verschiedenen während der Produktion abgelaufenen - in erster Linie technischen - Prozessen zu gewinnen“ (S. 17) ist das zentrale Anliegen des ersten Bandes der neuen Reihe „Tübinger Forschungen zur historischen Archäologie“, der die wissenschaftliche Auswertung der von 1992 bis 1999 durchgeführten Ausgrabungen der spätmittelalterlichen Glashütte im Kleinen Goldersbachtal bei Tübingen darstellt. Die mit 386 Seiten sehr umfangreiche Arbeit entstand aus der Zusammenführung zweier Magisterarbeiten, die in den Jahren 2000 und 2001 an der Abteilung „Archäologie des Mittelalters“ der Universität Tübingen eingereicht wurden [1]. Auf einer CD-ROM befinden sich Fund- und Befundkatalog, Fundnummernverzeichnis sowie Anhänge und Berichte zu den durchgeführten statistischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen.

Über die Standortbedingungen der Glashütte im Schönbuch und die Geschichte ihrer Erforschung informieren zwei einführende Kapitel. Die Grabungsbefunde werden anschließend ausführlich vorgestellt. Das Herz der Glashütte bestand aus einem liegenden Schmelzofen mit zwei Frittkammern über dem Feuerungsbereich. Aus der Schmelzkammer mit den seitlichen Hafenbänken wurde die heiße Luft in einen Flügelofen weitergeleitet, der möglicherweise als Kühlofen für die Flachglasproduktion diente. Ein Dach schützte die Anlage vor Regen. Ein wohl mehrgeschossiger Streck- und Kühlofen für die Produktion von Flachglas sowie ein weiterer Kühlofen befanden sich westlich des Hauptofens. Eine Steinsetzung nordwestlich des Hauptofens ist vermutlich als Rest eines dritten Nebenofens zu interpretieren. Verschiedene randlich gelegene Abfallhalden und ein wahrscheinlich zur Hütte gehöriger Siedlungsplatz etwa 100 m nördlich der Öfen wurden bei einer Prospektion lokalisiert.

Im Anschluss werden die Funde besprochenen; zu ihnen werden nur die Flach- und Hohlglasfragmente, nicht aber die Bruchstücke von Schmelztiegeln oder Produktionsabfällen gerechnet. Unter den zahlreichen Glasfunden überwiegt das Fensterglas - das Hauptprodukt der Hütte. Die Hohlgläser weisen ein geringes Formenspektrum auf; es umfasst vorwiegend optisch geblasene Becher (mit Kreuzrippen- und Rippendekor), Becher mit Nuppendekor, Kuttrolfe und einfache Flaschen. Gläser für technisch-medizinische Zwecke (Lampen, Urinale, Schröpfköpfe, Destillierhelme etc.) sind nur mit wenigen Fundstücken vertreten. Die Keramik wurde bei der Auswertung nur insofern berücksichtigt, als sie datierende Aussagen lieferte bzw. zur Ausstattung der Glashütte gehörte. Funde wie Befunde zeigen, dass die Glashütte im Schönbuch nur relativ kurz, nämlich in der Zeit zwischen 1470 und 1500 betrieben wurde.

Auf die sehr ausführliche Vorstellung der Befunde und Funde folgt der Abschnitt „Methodik“. In ihm werden die mangelnde methodische Durchdringung der Mittelalterarchäologie kritisiert und neue Interpretationsansätze für die Auswertung archäologischer Daten gefordert. Vor allem in der konventionellen typologischen Bearbeitung von Ausgrabungsfunden ohne Berücksichtigung der Fundzusammenhänge sehen die Autoren „den methodischen Kardinalfehler der archäologischen Sachgutforschung“ (S. 116). Sie fordern, die Objekte nicht nur in ihren physischen Eigenschaften wie Maßen und Gewicht zu erfassen („materielle Dimension“), sondern auch hinsichtlich ihrer Bedeutung in der damaligen Kultur („inhärente Dimension“) [2] und ihrer Einbettung in den archäologischen Befund („kontextuelle Dimension“) auszuwerten. Weitere Erkenntnisse soll die Suche nach zeitgleichen Vergleichsfunden, aber auch nach funktional ähnlichen Artefakten aus anderen Zeiten („horizontale/synchrone“ bzw. „vertikale/diachrone“ Dimension) liefern. Konkret geht es den Autoren um die Zusammenführung der Ergebnisse aus Mittelalterarchäologie, Ethnoarchäologie, experimenteller Archäologie, Schrift- und Bildquellen, Mineralogie und Chemie. Dieser Ansatz ist aber keineswegs neu und wurde schon in den 1970er Jahren in der „Göttinger Schule“ praktiziert.

Im Kapitel „Kontext“, dem umfangreichsten Abschnitt der Publikation, soll der vorher theoretisch erörterte Ansatz in die Praxis umgesetzt werden. Zuvor wird aber erneut das methodische Vorgehen erläutert - ein sicherlich notwendiger Schritt, den man aber deutlich knapper hätte formulieren können. Das sehr heterogene Kapitel ist in zahlreiche Unterabschnitte gegliedert, die sich überwiegend mit der Auswertung des Fundmaterials beschäftigen und nun auch zuvor ausgeklammerte Fundgruppen berücksichtigen. Diese werden nach ihrer Entstehung im Arbeitsprozess der Glashütte und dem Zustandekommen ihrer Deponierung gegliedert. Korrelations-, Faktoren- und Clusteranalysen legen die Verteilungsmuster von Produktionsabfällen, Halbfabrikaten und Fehlprodukten in den einzelnen Befunden offen: Die Herstellung von Hohlgläsern und Fensterscheiben geschah in wohl auch räumlich voneinander getrennten Prozessen, die unterschiedliche Produktionsabfälle erzeugten.

Methodisch neu in der Auswertung von Glashüttengrabungen sind die konsequente Befragung von Relikten wie Ofenlehm und Ofensteinen nach ihren technikgeschichtlichen Aussagen und die statistische Auswertung der Schmelzhafenfunde. Letzere belegt, dass für die Flach- und die Hohlglasproduktion unterschiedliche Hafentypen verwendet wurden. Die mineralogische Zusammensetzung der Fritte und ihre Verteilung in der Grabungsfläche lassen erkennen, dass die Glasmasse vor Ort in zwei Arbeitsschritten hergestellt wurde. Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen von Solveig Schiegl, Katharina Müller und Bernhard Watzke beschäftigen sich mit der Frage nach dem verwendeten Brennmaterial sowie dem Glasschmelzprozess; sie sind leider auf nur auf der CD-ROM nachzulesen. Im Schönbuch wie im nahe gelegenen Nassachtal wurden vorwiegend hellgrüne bzw. hellblaugrüne Holzaschegläser mit verhältnismäßig hohem natürlichen Kalziumanteil hergestellt. Daneben gehörten offensichtlich aber auch Butzenscheiben aus Sodaascheglas sowie mit Kupfer gefärbtes, rotopakes Glas zum Repertoire der Glasbläser.

Weitere, inhaltlich nur bedingt zusammenhängende Exkurse etwa zur Flachglasproduktion, der Herstellung von Kreuzrippenbechern oder dem Glasrecycling schließen sich in lockerer Folge den bislang genannten Themen des Kapitels „Kontext“ an. Aus der Analyse der Glasfunde wird deutlich, dass trotz der schriftlichen Belege für einen regen spätmittelalterlichen Altglashandel im Schönbuch fast ausschließlich Altglas aus eigener Produktion verwendet wurde.

Das Schlusskapitel „Landeshistorische Integration“ umreißt etwas weitschweifend den rechtlichen und politischen Rahmen der Glasproduktion im Schönbuch. Der durch die Universitätsgründung im nahe gelegenen Tübingen entstandene Bauboom und die damit gestiegene Nachfrage nach Fensterglas scheint einer der Gründe für die Errichtung der Glashütte im Goldersbachtal gewesen sein.

Mit der vorliegenden Publikation wurde eine neue Qualitätsstufe in der wissenschaftlichen Auswertung von Glashüttengrabungen erreicht. Erstmalig wurden sowohl Grabungsdokumentation als auch Funde umfassend vorgestellt und mit modernen methodischen Ansätzen auf ihre kulturhistorischen Aussagen untersucht. Das Ergebnis ist ein detailliertes Modell der Aktivitäten in der Glashütte, das eine gute Basis für zukünftige glasgeschichtliche Untersuchungen bietet.

Zu der methodisch soliden und auch inhaltlich ergiebigen Arbeit müssen allerdings einige kritische Anmerkungen gemacht werden. Mit der Verschmelzung zweier sehr umfangreicher und unterschiedlicher Magisterarbeiten hatten die Autoren keine leichte Aufgabe, was sich auch an der heterogenen inhaltlichen Gliederung der Veröffentlichung bemerkbar macht. Vor allem das nachträgliche Zwängen der einzelnen Untersuchungen in das Korsett eines theoretischen Überbaus und die oft wortreichen Reflexionen zu Methodik und Vorgehensweise beeinträchtigen die Lesbarkeit der sehr umfangreichen Publikation. Ein Lektorat seitens des Verlags und der Herausgeber mit dem Ziel einer inhaltlichen Straffung, vor allem aber auch einer sprachlichen Komprimierung hätte für den ersten Band der neuen Tübinger Reihe zweifellos einen Gewinn bedeutet.

  • [1] Aline Kottmann, Eine spätmittelalterliche Glashütte im Schönbuch. Archäologische Untersuchungen zu Produktionseinrichtungen und Produktionsprozessen. Ungedruckte Magisterarbeit (Tübingen 2000).
    Sören Frommer, Eine spätmittelalterliche Glashütte im Schönbuch. Produktionsspektrum, Arbeitsabläufe und landesgeschichtliche Einbindung im Spiegel der archäologischen Funde. Ungedruckte Magisterarbeit (Tübingen 2001).

    [2] „all jenes [...], was direkt mit der materiellen Gestalt des Sachguts zusammenhängt, den Menschen aber über diese hinaus anspricht oder bewegt.“, S. 118

Rezension von Carl Pause