16.12.2017 - 19:54:52

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Spätrömische Gräber im Umland von Köln

Raymund Gottschalk

Rheinische Ausgrabungen, Band 71.
402 Seiten mit 174 Seiten und 157 Tafeln.
Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2015

ISBN 978-3-8053-4956-7
89,90 €

 

Der Verfasser Raymund Gottschalk legte mit seiner Dissertation „Studien zu spätrömischen Grabfunden in der südlichen Niederrheinischen Bucht" (Bonn) 2003 die Grundlage für die im Folgenden rezensierte Publikation. [1] Die Publikation, die eine erweiterte und überarbeitete sowie umstrukturierte Fassung (u. a. Gräberfeld von Hürth-Hermülheim ausgelagert [R. Gottschalk, Zur spätrömischen Grabkultur im Kölner Umland. Zwei Bestattungsareale in Hürth-Hermülheim. Erster Teil. Die Gräber und ihre Befunde in Bonner Jahrb. 207, 2007, 211–298. Zweiter Teil: Die Funde und ihre Deutung in Bonner Jahrb. 2008, 2008, 91–160]) der Dissertation darstellt, hat als materialorientierte Regionalstudie das Ziel, alle für die Forschung relevanten neuen wie alten Fundstellen innerhalb des gewählten Arbeitsgebietes aufzunehmen und in der Gesamtschau auf mögliche regionale Spezifika hin auszuwerten. Regional bezieht sich die Studie auf die nicht ganz klar festzulegenden Grenzen des Civitasbereichs. Sie ist „damit innerhalb des städtischen Verwaltungsbereichs des Zentralortes Köln" (S. 1) zu lokalisieren, schließt aber das Stadtgebiet von Köln aus. Dabei werden die großen, zur Zeit der Materialaufnahme von anderen Bearbeitern/innen ausgewerteten und inzwischen bereits an anderer Stelle vorgelegten Gräberfelder wie Krefeld-Gellep (R. Pierling und M. Siepen) oder jene aus dem Bereich der Stadt Jülich (H. Pöppelmann) nicht nochmals aufgenommen, sondern es wird an gegebener Stelle auf diese verwiesen. Chronologisch vermeidet Gottschalk eine starre historisch determinierte Grenzziehung und bezieht Gräber von der zweiten Hälfte des 3. bis zum mittleren Drittel des 5. Jahrhunderts in die Studie ein (S. 3), wobei auch dieser Zeitrahmen bei der Suche nach Vergleichsobjekten situativ ausgedehnt wird. Die insgesamt 69 aufgenommenen Fundorte mit rund 220 Fundkomplexen scheinen unter diesen Prämissen zumindest summarisch eine verhältnismäßig repräsentative Arbeitsgrundlage darzustellen. Einschränkend sind zwei Punkte zu nennen: Zum einen verweist der Autor darauf, dass er die zwischen Dissertation und Drucklegung hinzugekommene Literatur nur punktuell einarbeiten konnte, was – dies sei vorweg genommen – auf die Fundauswertung keine Auswirkung hat, denn hier sind alle wichtigen und stets aktuellen Werke in die Diskussion aufgenommen worden. Zum anderen handelt es sich bei dem Großteil der aufgenommenen Fundstellen um Einzelgräber oder kleine Grabgruppen, die in einigen Fällen als unvollständig dokumentierte Altfunde anzusprechen sind. Vermieden wurde es, Fundstellen in die Publikation aufzunehmen, zu denen die Objekte und/oder die Befunddokumentation verschollen sind. Gottschalk stellt seine Bearbeitung bereits in den einführenden Kapiteln zwischen den Zeilen als induktive Studie vor, indem er auf die übrigen großen Gäberfelder der Region verweist, die er nicht aufgenommen hat, aber auf die bei der Materialbearbeitung stets verweisen wird. Im späteren Verlauf, am Beginn der Synthese, wird dieser methodische Ansatz deutlich hervorgehoben (S. 219) und darauf verwiesen, dass die moderneren informationstechnischen Ansätze (Seriation) zur Erarbeitung einer Chronologie aufgrund der verhältnismäßig wenigen und vielfältig ausgestatteten Grabinventare nicht angewandt werden konnten.

Die Studie ist, klassisch für eine Regionalstudie, in fünf Hauptteile untergliedert: Sie beginnt mit einer knappen Einleitung (S. 1–18), in der die naturräumlichen, chronologischen und historischen Gegebenheiten, ergänzt durch eine Zusammenfassung der anthropologischen Analysen, vorgestellt werden. Es folgt die Bearbeitung des archäologischen Quellenmaterials, unterteilt in die bei Grabfunden auch sonst meist kurze Befundbewertung (S. 19–32) und eine sehr ausführliche und mit 135 oft farbigen Abbildungen reich bebilderte Fundauswertung (S. 33–218). Der Grund für die Länge der Fundauswertung liegt u. a. darin, dass mit beinahe 40 Seiten ein ausführlicher Exkurs „zur Beigabe von Gegenständen mit christlichen Verzierungen" beigefügt wurde (S. 158–194), der von der Vergleichssuche zu und der Interpretation von jeder einzelnen Beigabe der aufgenommenen Gräber ausgeht. Besonders die gläsernen und metallenen Beigaben erfahren im Vergleich zur Keramik aufgrund ihrer verhältnismäßig großen Zahl in den vorgelegten Grabkontexten eine ausgedehnte Auswertung, bereits an anderer Stelle vorgelegte Altfunde werden sinnvollerweise nur dort, wo es neuere und alternative Interpretationen gibt nochmals umfänglich vorgestellt und diskutiert. Es folgt eine 45-seitige Synthese (S. 219–264) , die mit einer sehr kurzen und nur drei Hauptaspekte (besondere Beigabensitten, Belegungsphasen der größeren Gräberfelder, Wechselspiel zwischen Siedlungstyp und Gräberfeldausstattung/-aufbau) aufgreifenden Zusammenfassung von sechs Seiten abschließt. Danach folgen im vierten Teil (S. 265–402) einige Listen, der Katalog (Fokus Befundbeschreibung/Fundumstände, knappe Objektbeschreibungen) und die Bibliographie. Die Publikation schließt mit einem umfangreichen, großzügig gestalteten und nach Grabzusammenhängen sortierten Tafelteil, dem neben den Fundzeichnungen auch – soweit in Anbetracht der häufig einbezogenen Alt(be)funde vorhanden – auch Befundzeichnungen zu entnehmen sind.
Die Befundauswertung im Besonderen hat zum Ziel, mögliche regionale Spezifika der Grabformen und -sitten aufzudecken, wobei auf Steinsärge, Bleisärge, Ziegelplattengräber, Erdräber und als Besonderheit Gräber mit Nischen eingegangen wird. Im Fazit (S. 32) sind die Grabnischen hervorzuheben, die im Kölner Umland besonders häufig beobachtet werden konnten, es wird aber auch auf spezifische Beigabenformen verwiesen (Gefäße auf Oberkörper mit Boden nach oben, Servierplatten mit darauf gestapeltem Trinkgeschirr [dazu S. 86–98] oder Miniaturgeräten [dazu S. 125–127]), auf die in der Publikation bei der Fundauswertung näher eingegangen wird. Die Fundauswertung hat den Charakter eines Nachschlagewerks. Die Fundanalysen sind vollständig, jedes im Katalog erfasste Objekt wird im Text abgebildet, wobei dennoch versucht wird, die Diskussion im Fließtext kurz zu halten und wichtige Punkte in die Fußnoten zu verlagern. Auffällig ist, dass Maßangaben der Objekte regelmäßig auch ohne Verbindung mit einem Aussagewert des Diskurses auftauchen und den Text ausdehnen, was in die Fußnoten oder in Tabellen hätte verschoben werden können bzw. mit Verweis auf den Katalog nicht hätte erwähnt werden müssen. Eine Diskussion der einzelnen Fundobjekte ist aus chronologischer Sicht nicht immer notwendig, da 33 z. T. reich ausgestattete Grabfunde durch Münzbeigaben einen t.p.q. haben. Bei einer solch großen Zahl münzdatierter Gräber wäre eine (tabellarische) Zuordnung der datierten Gräber zu Fundobjekten oder Fundgruppen/Typen erstrebenswert gewesen, die, ähnlich wie von K. Roth-Rubi (Der Runde Berg bei Urach IX, Die scheibengedrehte Gebrauchskeramik vom Runden Berg. Heidelberger Akad. Wiss., Komm. Alamannische Altkde. Schr. 15 [Sigmaringen 1991] 28–31) für die mayenartige Keramik vom Runden Berg vorgelegt, für weitere Studien einen deutlich schnelleren Zugriff möglich gemacht hätte. Obwohl bei den elaborierteren Funden häufig in nächster Seitennähe zu den besprochenen Stücken ausgezeichnete Fundfotos abgebildet sind, gestaltete sich die Suche nach den anderen besprochenen Objekten im Tafelteil schwierig, da weder Fundstellenkürzel noch Verweise auf Tafelnummern angegeben wurden, was eine schnelle Sichtung an dieser Stelle nicht möglich macht.

Immer wieder wird in der Fundauswertung die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit der Bestatteten und einer möglichen germanischen Zuwanderung in das spätantike Kölner Umland formuliert. Diese erscheint gerade aus der Sicht der modernen Forschung besonders wichtig und auch für die Synthese zentral, wird aber letztlich knapp und verstreut zusammengetragenen (S. 242–257). Die Argumentation der ethnischen Zugehörigkeit wird im induktiven Sinn hauptsächlich auf der Grundlage des Fundgutes geführt, was einen Standpunkt vertritt, der während der Niederschrift der Dissertation von Gottschalk in den Jahren vor 2003 noch eingängig gewesen ist. Bestimmte Fibeltypen (z. B. Armbrustfibeln), Schmuckformen (u. a. Halsringe) wie in dem Grab 17 der Nordstraße 48 von Bonn, oder die Beigabe von Waffen (S. 133 f.) oder Militärgürtelbestandteilen (S. 212 f.) werden als Zeugnisse germanischer Einwanderung interpretiert. Inzwischen steht die Forschung diesem starren Ansatz skeptisch gegenüber. Möchte man weiterhin bei der Erörterung der Identität des Verstorbenen dem archäologischen Objekt einen hohen Stellenwert beimessen, so muss gerade beim Grabkontext vorsichtiger argumentiert und im besonderen Maße mit der Kontextualisierung begründet werden. Das Zusammenspiel von Repräsentation, der Historie des Bestatteten sowie den Zielen und Wünschen der Bestattenden im regional-historischen Kontext erlaubt eine wesentlich tiefgreifendere und über ethnische Aspekte hinausgehende Argumentation (z. B. jüngst zusammenfassend S. Brather, „In stammeskundlichen Fragen erschien es angebracht, möglichste Zurückhaltung zu üben." – Ethnische Interpretationen und frühgeschichtliche Archäologie. In: G. Rasbach [Hrsg.], Westgermanische Bodenfunde. Tagung Frankfurt zum 100. Geburtstag von R. v. Uslar 2008. Kolloq. Vor- u. Frühgesch. 18 [Bonn 2013] 53–61). Aus der heutigen Sicht hätten der Grabritus und die Kontextualisierung von Beigaben (jüngst E. Stauch, Zur Validierung archäologischer und anthropologischer Mobilitätsindizien, Die Migrationsgeschichte einer frühmittelalterlichen Siedlungsgemeinschaft. In: U. Koch (Hrsg.), Reihengräber – nutzen wir doch die Quellenfülle! Tagung Mannheim 2015 [Remshalden 2016] 200–202) deutlich stärker in der Diskussion hervorgehoben und das Objekt als Faktor für eine ethnische Zuordnung oder die Identität des Verstorbenen (z. B. bezogen auf neue Bestattungsformen und Waffenbeigaben u. a. H. Fehr, Germanische Einwanderung oder kulturelle Neuorientierung? Zu den Anfängen des Reihengräberhorizontes. In: S. Brather [Hrsg.], Zwischen Spätantike und Frühmittelalter. Archäologie des 4. bis 7. Jahrhunderts im Westen. 57. Erg. RGA [Berlin 2008] 67–103) kritisch hinterfragt werden müssen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass dies im Gegenzug bei der exemplarischen Aufarbeitung der Beigaben mit christlichen Verzierungen im Hinblick auf den Glauben des Bestatteten deutlich differenzierter und kritischer hinterfragt wird (S. 194 f.). Somit ist beispielsweise die Bestattung im Steinsarkophag Grab 1 der Jakobstraße in Bonn mit Spatha, lanzettförmigem Militärmesser, Leibriemen, Zwiebelknopffibel mit Christogramm, Glaskanne und Glasschale der Igelkopfgruppe mit Chi-Rho zwar als Grab eines „hohen Offiziers germanischer Abstammung" angesprochen, aber nicht im Umkehrschluss als Bestattung eines Christen (S. 162 f.). Ähnliche Phänomene auf der Objektebene werden demnach unterschiedlich interpretiert. Im Fazit allerdings – dies sei hier deutlich betont – können diese Anmerkungen lediglich als kritische Lesehilfen aus der Sicht des modernen Forschungsdiskurses und nicht als Negativkritik verstanden werden, denn wie oben erwähnt, war der Forschungsbereich rund um die Identität und ethnischer Zuschreibungen zur Zeit der Niederschrift der Dissertation Gottschalks noch in seinen Anfängen und sein Einfluss auf die Forschung der Spätantike und des frühen Mittelalters noch nicht abzusehen.

Die knappe Zusammenfassung greift nochmals alle wichtigen Punkte der archäologischen Quellenauswertung und der Synthese auf. Die aussagekräftigen Gruppen an Grabbeigaben werden zusammengetragen (Gefäße, Geräte, Waffen, Münzen, Schmuck, christliche Motive, Kleidung), chronologische Entwicklungen der Objektgruppen aufgezeigt sowie regelmäßige Zuordnungen zu den Ausstattungsgruppen A bis C (romanisch) sowie D (germanisch) nach Pöppelmann herausgearbeitet. Die Chronologie wird alleine für die größeren Gräbergruppen Eschweiler-Lohn (Phase 1 = 1. und 2. Drittel 4. Jh., 2A = mittleres 4. Jh., 2B = spätes 4. Jh. und Wende zum 5. Jh., 3 = frühes 5. Jh.) Jülich Starenweg (Phase 1 = 1. H. 4. Jh., 2 = Mitte 4. Jh., 3 = 2. H. 4. Jh und frühes 5. Jh., tendenziell getrennt in Subphasen A und B), Jülich Starenweg (ohne klaren Belegungsablauf) und Bonn Nordstraße 48 (ohne klaren Belegungsablauf) aufgezeigt. Diese vier Fundorte zeigen entweder eine zeitliche Entwicklung in der Gräberfeldbelegung oder beinhalten prominente chronologierelevante Gräber. Abschließend werden die Ausstattungsmuster und sowohl deren zeitliche Entwicklung als auch etwaige Abhängigkeiten der zugehörigen Siedlungstypen aufgezeigt. Gerade Letztgenanntes böte einen vielversprechenden Ansatz, die Grabausstattungen systemisch im größeren Kontext zu bewerten, doch zeigt sich, dass hier zu wenige Siedlungen zu den Gräbern bzw. Gräberfeldern bekannt sind oder umgekehrt, um klare regional gültige Aussagen treffen zu können. So bleibt es am Ende bei einer punktuellen Beobachtung, die allerdings einen guten Ausgangspunkt für zukünftige Arbeiten darstellt.

Aus technisch-redaktioneller Sicht ist die Publikation klar gegliedert und sehr gut redigiert. Schreibfehler sind erfreulicherweise selten. Von Vorteil sind die zahlreichen und qualitätvollen farbigen Fundfotos, aber auch die sauber nachgearbeiteten Fundzeichnungen im Text, die längere Textpassagen aufbrechen und die Funddiskussion anschaulich machen (Bildfehler alleine bei Abb. 133). Zu bemängeln ist alleine der Punkt, dass die Abbildungen einzelner Objekte zum Teil weit entfernt von den Diskussionen im Text abgedruckt sind, was den Vergleich zwischen Beschreibung und Objekt sehr umständlich macht. Dies ist besonders beim Exkurs zu den christlichen Motiven auf Fundstücken auffällig.

Raymund Gottschalk hat mit seiner Publikation einen wichtigen Beitrag zu den spätantiken Gräbern entlang des westlichen Niederrheines geleistet, dessen Verdienst eine akribische und gut strukturierte Fundaufnahme ist. Unter Berücksichtigung der neueren, seit 2003 ausgegrabenen Gräberfelder stellt die Publikation als Nachschlagewerk eine sehr gute Ausgangssituation für kommende systemische Studien dar.

  • [1] Dem Verfasser wurden während eines Spanienaufenthaltes am 23.04.2017 der Rucksack, das zur Rezension überlassene Buch, die Aufschriebe und zahlreiche private Gegenstände gestohlen. Darum kann der Autor die folgenden Zeilen nicht in der ursprünglich angezielten Tiefe vorlegen und muss die getroffene Bewertung auf die relevantesten Punkte beschränken.