15.12.2017 - 20:52:01

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Geköpft und gepfählt. Archäologen auf der Jagd nach den Untoten

Franz, Angelika / Nösler, Daniel

208 S. mit 23 s/w Abb., Bibliogr.
Darmstadt: Theiss 2016

ISBN 9783806233803
Preis: 19,95 €

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Das walachische Dorf Marotinul de Sus mit seiner Ausgrabung eines schadenbringenden Strigoi (Untoten) stellt den Einstieg in eine Welt des Aberglaubens, der Angst vor Untoten und den teilweise bizarr anmutenden Abwehrpraktiken des Mittelalters und der Neuzeit dar. Doch halt, die Tat geschah im Jahr 2004 und die Walachai ist nicht 1000ende von Kilometern entfernt.
In der Tat beginnen beide Autoren gleich in der Einleitung mit den jüngsten Fällen von Maßnahmen gegen Wiedergänger. Wiedergänger oder auch Strigoi, Vampire, Nachzehrer und Totenschmatzer genannt, sind Menschen, die nach ihrem Tod die Lebenden wieder aufsuchen. Und nicht nur das. Sie können, so ist es in den alten Quellen zu lesen, auch erheblichen Schaden anrichten.

Nachfolgend wird der Umgang mit dem Tod und speziell mit den Toten, die wiederkommen, in den verschiedenen Epochen vorgestellt. Franz und Nösler lassen dabei keine Variante aus und dem Leser wird schnell klar, dass dies kein Buch theoretischer Themenabhandlung werden wird. Vielmehr gelingt es den Autoren in der Einleitung, die Verbindung zwischen historischen Aufzeichnungen, archäologischen Funden und gegenwärtigen Fällen herzustellen. Weit weg von klischeebehafteten blutgierigen Untoten, die höchstens als blasser Vampir heute in Filmen und Büchern ihr Dasein fristen, ist es ihnen gelungen, mit der Einleitung einen Überblick zu geben, was Geschichte, Archäologie, Wissenschaft und Literatur an Fakten über das Phänomen der Untoten zu bieten hat. Oder wussten Sie zum Beispiel, dass ein Verstorbener in der historischen Vergangenheit über den Tod hinaus Rechte und Pflichten, ähnlich einem Lebenden, wahrzunehmen hatte? Das bekannteste Beispiel dafür führen Franz und Nösler mit der Thronfolgeregelung Kaiser Konstantins 337 A.D. an.

Kennzeichnend für die verschiedenen Abschnitte innerhalb dieses ersten Kapitels ist das Bemühen der Autoren, die Bräuche und Sitten, die ein Weiterleben der Verstorbenen in der Gesellschaft überhaupt erst ermöglichten, herauszuarbeiten. Fast liest es sich so, als sollen nicht nur die Leser, sondern als wollten auch die Autoren die Gründe für die Annahme der Existenz von Wiedergängern herausfinden. Das dies in schriftarmen Zeiten schwer fallen dürfte, ist verständlich. Sagen und Überlieferungen führen wohl dicht an die Wahrheit heran, doch können sie nur eine ungefähre Antwort geben. Aus diesem Grund haben die Autoren für die christliche Zeit, in der die höchste Phase der Wiedergängererscheinungen zwischen dem 16. und 18. Jh. stattfand, die Bibel bemüht. Doch folgerichtig haben sie hier alle vielversprechenden Bibelzitate auch eher als Gleichnisse und Bilder denn als wahre Berichte von Untoten aufführen müssen.
So schließt dieses erste Kapitel der Einleitung mit so vielen Fragen, dass es dem Leser unmöglich erscheint, nicht auch das zweite zu erforschen.

Das zweite Kapitel wendet sich gleich am Anfang einer unter Kennern der Szene erheblichen Tatsache zu: der Unterscheidung der verschiedenen Arten der Wiedergänger. Wer glaubt, es gäbe noch ein paar Vampire und fertig, der irrt gewaltig. Wie fein die Differenzierung in Totenschmatzer, Nachzehrer, kopflose Reiter u.a. ist und wie stark ihr unterschiedlicher schädigender Einfluss auf die Lebenden sein kann, stellen die Autoren anhand zahlreicher trefflich formulierter historischer Fälle dar.
Am Ende dieser faktenreichen Darstellung fragt sich nun der geneigte Leser, wie man denn zum Vampir, Wiedergänger oder Totenschmatzer wurde? Und – wäre er selbst sicher davor, nicht auch einer von ihnen zu werden?

Und nein, eine Anleitung dazu liefern die Autoren im folgenden dritten Kapitel nicht. Es wird vielmehr auch hier der Wunsch deutlich, den Werdegang eines antiken, mittelalterlichen oder auch neuzeitlichen Menschen mit all seinen Gefahren, Wiedergänger zu werden, nachzuzeichnen. Schon der Zeitpunkt der Geburt konnte unter einem schlechten Zeichen stehen, dereinst als ruheloser Toter durch die Welt zu geistern. Eine „unehrliche" Geburt, eine falsche Berufsgruppe, ein Tod während der Geburt und auch eine lange Liste von Delikten, wie z. B. Mord oder Betrug waren ebenfalls tauglich, einen Wiedergänger aus dem Verstorbenen zu machen. Der sogenannte „schlimme" Tod, ohne Beichte und Absolution, wie er meist Soldaten oder Opfer von Überfällen oder Unfällen ereilte, war ebenfalls bestens dazu geeignet, nach dem Tod in das Reich der Lebenden zurück zu kehren. Doch Vorsicht, nicht alle der hier und im Buch aufgezählten Indizien verurteilen zwangsläufig dazu, als lebender Toter zurückzukehren. Dieser Eindruck könnte entstehen, folgt man gleichmütig dem im Buch vorgestellten Inhalt. Eine gute ehrliche Lebensführung war zumeist schon ausreichend, um die Möglichkeit einer Wiederkehr nach dem Tode zu verhindern.

Im vierten Kapitel nun geht es tiefer hinein die Quellen. Wiedergänger aus dem antiken Korinth, Skandinavien, Island, England und dem deutschen Mittelalter belegen durch Aufzeichnungen zum Teil recht prominenter Zeitgenossen ihre Existenz. Liebende, Familien und „böse Menschen" verfallen der Last, nach dem Tode umhergehen zu müssen. Beachtlich erscheinen auch die tanzenden Toten des Mittelalters. Denn, so postulieren es die Verfasser, mit der Figur des Todes aus diesen Totentanzdarstellungen zog der lebende Leichnam in die europäische Kunst ein. Auf Darstellungen des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit lässt sich der Untote nun in verschiedenen Typen (Lazarus-Typ, Seelen-Typ, Gespenst-Typ u.a.) wiederfinden.

Wer auf die Nachweise von Wiedergängern und Vampiren aus dem archäologischen Befund gewartet hat, wird im fünften Kapitel mit einer sehr passenden Frage empfangen: „Welche archäologischen Spuren hinterlässt die Angst?". Magische Pflanzen, Kreuzgebinde und Weihwasser hinterlassen kaum Nachweisbares und so stellen die Verfasser folgerichtig fest, dass wohl nur ein ganz geringer Teil von Bannriten im Grabe nachweisbar sein dürfte. Doch wie genau können diese Belege aussehen? Und wo lassen sie sich finden. Franz und Nösler schlagen hier eine Bresche für die noch immer zum Teil unerkannte und unwillkommene archäologische Disziplin der Wiedergängerproblematik, die in schriftlichen Quellen schon längst anerkannt und etabliert ist.
Sie zeigen mit den Orten der Auffindung (Klöster, Friedhöfe), dass die Menschen des Mittealters und der Neuzeit die Untoten als Teil ihrer Gemeinschaft, ob tot oder lebendig, wahrgenommen haben. So waren sie auch zahlreich auf den geweihten Gottesackern zu finden. Ihre Gräber können sich durch eine gewendete Körperlage - meist Bauchlage, da war man sicher, der Wiedergänge würde in die falsche Richtung graben, um dem Grab zu entsteigen - gefesselte Hände oder auch verlagerte Extremitäten sowie völlige Auflösung des Leichnams durch Brand von anderen normal christlich bestatteten Toten unterscheiden. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Eine Bauchlage muss nicht automatisch einer Wiedergängerbestattung zugeordnet werden, der Leichnam kann sich beim Senken in die Grabgrube im Leichentuch auch verdrehen, ebenso kann eine Verwechslung bei der üblichen West-Ost-Lage erfolgt sein und der Leichnam versehentlich mit den Füssen gen Westen bestattet worden sein.

Ähnlich verhält es sich mit den Maßnahmen gegen Nachzehrer. Steine im Mund oder unter dem Kinn eines Skeletts demonstrieren wirkungsvoll ein Verhindern von Kaubewegungen – diese sollten die noch Lebenden in das Grab nachzehren. Doch eine Münze, von den Verfassern ebenfalls als Abwehrpraxis postuliert, diente häufig christlichen sowie auch schon antiken Toten als sogenannter Charonspfennig. Er wurde den Toten unter die Zunge gelegt, um dem Fährmann Charon bei der Überfahrt in das Reich des Todes das Fährgeld zu zahlen.
Bannriten, so die Verfasser, hängen oft mit einer sekundären Graböffnung zusammen und sind demzufolge häufig auch im archäologischen Befund durch eine abweichende Verfüllung des geöffneten Bereichs – um zum Beispiel eine postmortale Enthauptung vorzunehmen oder im Brustbereich das Herz zu entnehmen - erkennbar.

Eine der Bevölkerungsgruppen, die starke Bannriten an ihren Toten erkennen lassen, waren die Slawen. Sie haben kaum Schriftliches hinterlassen, doch geben ihre Toten noch heute ein beredtes Zeugnis ihrer großen Angst vor Vampiren wieder. Entgegen der Darstellung im Buch kamen die Slawen allerdings zum großen Teil in völlig unbesiedeltes Gebiet – es war zur Völkerwanderungszeit bereits verlassen. Tradierte Überlieferungen zu Untoten gab es demnach nicht, vorgefundene Kultplätze sind wohl eher mit dem eigenen Wissen bzw. der eigenen Angst vor Untoten besetzt worden. Gerade in Brandenburg und Mecklenburg hat sich diese Form der Wiedergänger (meist Vampire) im ausgehenden Mittelalter mit den bekannten Wiedergängerformen vermischt und bilden die Grundlage der späteren Angst vor Wiedergängern.

Die Verfasser berichten von Holzpflöcken, postmortalen Enthauptungen und Steinbeschwerungen auf slawischen Friedhöfen. Letzteres ist auch häufig auf den infamen Plätzen der Hingerichteten – den Galgenbergen und Richtplätzen des Mittelalters und der Neuzeit - zu finden.
Auf Richtstätten finden wir viele Delinquenten, die nach ihrer Todesstrafe unmittelbar in ihre Grabgrube verscharrt wurden, meist noch mit dem Strick/der Kette um den Hals und gefesselten Händen und/oder Füßen. Hingerichtete galten als stark betroffene Gruppe von Wiedergängern, waren sie doch vor ihrer Zeit durch die Todesstrafe aus dem Leben gerissen worden. Nun können diese Fesselungen zum Teil doppelten Ursprung haben: herrührend aus der Strafvollstreckung wurden sie nicht gelöst und waren darüber hinaus zugleich Bannmittel gegen eine Wiederkehr. Auch die Bauchlage könnte tatsächlich ein Bannritual darstellen, jedoch auch der Tatsache entspringen, dass der Leichnam ohne großen Aufwand möglichst schnell entsorgt werden sollte.
Letztendlich sind es auf den Richtstätten die Steine, die auf den Körpern der Delinquenten gefunden wurden. Sie zeigen eindeutig an, hier sollte der Tote seine Grube nicht verlassen können.

Die eben gestellte Frage, ob nun tatsächlich alle Anomalien in Gräbern Spuren von Wiedergängerbannung darstellen, wird ausführlich im sechsten Kapitel behandelt. Ansteckende Krankheiten, offensichtliche Behinderungen und massenhaftes Sterben infolge von Epidemien führten auch immer wieder zu einem Aufleben der Angst gegen Wiedergänger. Die Autoren zeigen in diesem Abschnitt Fälle von Wiedergängerbannung auf, die mit eben diesen genannten Ursachen in einem festen Zusammenhang stehen. Dabei wird auf die verschiedenen Stadien der Zersetzung eines Leichnams im Grab eingegangen. Dies ist von einigem Interesse, denn die Öffnung der Gräber durch Zeitgenossen zeigte ja ein mehr oder weniger „frisch" erscheinenden Leichnam, der sich vom Blut seiner Mitmenschen ernährte. Hier ist den Verfassern anschaulich gelungen, die Intention und Überzeugung historischer „Vampirjäger" nachvollziehbar darzustellen.

Burchard von Worms leitet das siebte Kapitel mit der detaillierten Beschreibung einer postmortalen Pfählung ein. Wöchnerinnen, Kinder, Selbstmörder – sie alle haben in der hier dargestellten Volkskunde ihre eigenen Bannmaßnahmen. Fast bekommt man Mitleid mit all den armen Geschöpfen, die durch Leid aus dem Leben gingen und nun nachträglich weiter bestraft wurden. Doch, so lassen es die Verfasser deutlich werden, geschah dies mehrfach zu ihrer eigenen Erlösung.
Harmlosere Praktiken, wie die christlichen Grabbeigaben, z.B. Spindeln, Eier oder auch Knoblauch, sollten ebenso an das Grab binden, wie das Zählen. Hinter letzterem verbirgt sich die Annahme, dass Vampire versessen sind auf das Zählen und so bei entsprechend großer Menge Erbsen, Mohnsamen oder Kies niemals aus dem Grab entkommen.

Mit dem achten Kapitel spannen die Autoren den Bogen über die Neueste Neuzeit in die Gegenwart. Rousseau kommt mit seiner Ansicht über Vampire ebenso zu Wort, wie Maria Theresia, die 1755 den ersten und einmaligen „Vampirerlass" erlässt. Die Betrachtung der Untoten in Literatur und Film runden schließlich das Kapitel ab, bevor der Glaube an Untote weltweit kurz abgehandelt wird. Diese letzte Darstellung zeigt, wie lebendig die Untoten durch die Geschichte hindurch waren und es immer noch sind.

Insgesamt stellt dieses Buch eine gelungene Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse zur Geschichte und Archäologie der Untoten dar. Franz und Nösler vermitteln durch ihre lockere und moderne Schreibart ein Leseklima, das Laien und Wissenschaftler gleichermaßen in den Bann zieht. Die Berichte und Beschreibungen der Fälle sorgen dafür, dass vorliegend nicht nur ein Forschungsdesiderat behandelt wird, sondern auch jeder Leser lebhaft die einzelnen Epochen der Wiedergängerthematik nachvollziehen kann.
Besonders deutlich dabei wird die Angst der Menschen, ihre Toten im Leben wieder zu sehen. Vielleicht sind sie ihnen schon begegnet, vielleicht waren die Abwehrmaßnahmen prophylaktischer Natur – doch allen ist eines gemeinsam: die stetige Angst vor ihrer Wiederkehr. Aufwendige Abwehrmaßnahmen, grobe Praktiken am Leichnam und einfallsreiche Rituale sind aufgeschrieben worden, um auch spätere Wiedergänger zu bannen.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich werde wohl ab jetzt immer eine Handvoll Erbsen zum Zählen bei mir tragen.

Rezension von Marita Genesis