11.12.2017 - 10:11:33

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Wolfgang Jahn, Jutta Schumann und Evamaria Brockhoff (Hrsg.),
Edel und Frei. Franken im Mittelalter. Katalog zur Landesausstellung 2004

Augsburg 2004
ISBN: 3-927233-91-9
352 S.
Preis: 18,- Euro

Johannes Merz und Robert Schuh (Hrsg.),
Franken im Mittelalter. Francia orientalis – Franconia – Land zu Franken: Raum und Geschichte

Hefte zur bayerischen Landesgeschichte 3
Augsburg 2004
ISBN: 3-7696-6530-9
336 S., 4 Kartenbeilagen
Preis: 12,- Euro


Mit der Ausstellung „Edel und frei. Franken im Mittelalter“ nimmt sich das Haus der Bayerischen Geschichte im Jahr 2004 wieder eines fränkischen Themas an. Diesmal steht die gesamte Region Frankens im heutigen Bayern zwischen den ersten Franken im Frühmittelalter und dem im Jahr 1500 eingerichteten „Fränkischen Reichskreis“ im Mittelpunkt der Schau. Ziel von Ausstellung, Katalog und Tagungsband ist die Dokumentation der Zeugnisse einer fränkischen Identität in der regionalen Vielfalt und das Aufzeigen eines fränkischen „Zusammengehörigkeitsgefühls“ in Sprache und Lebenskultur.

Der Katalog zur Ausstellung enthält zwei Teile, einen kürzeren Aufsatzteil (58 S.) sowie den längeren Dokumentationsteil (260 S.). Ergänzt wird der Band durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis und Bildnachweise. In zwei Überblicksdarstellungen bieten Wilhelm Störner und Rudolf Endres einen dichten Abriss der mittelalterlichen Geschichte des heutigen Frankens. Der Beitrag Störners deckt die Geschichte von der merowingischen Zeit bis zum Ende der Stauferzeit ab. Dabei konzentriert er sich aber nicht nur auf die Darstellung der Bedeutung Frankens im Rahmen der Reichsgeschichte, sondern bietet auch einen Überblick über Herrschaft und Gesellschaft im Früh- und Hochmittelalter (bischöflicher Hof und Domkapitel, die fränkische Klosterlandschaft, adlige Grundherren im Frühmittelalter, die führenden fränkischen Adelsfamilien vom 11. bis zum 15. Jahrhundert, die Entwicklung der Ministerialität und die frühe Stadtentwicklung). Endres führt den historischen Überblick bis zum Ende des Spätmittelalters fort. Nach der Darstellung Frankens als Königsland von der Zeit Rudolfs von Habsburg bis zum Vorabend der Gründung des fränkischen Reichskreises schildert er ausführlicher den Territorialaufbau und –ausbau der drei Hochstifte Würzburg, Bamberg und Eichstätt sowie des Deutschen Ordens, der Burggrafen von Zollern und der verschiedenen Reichsstädte mit Nürnberg an der Spitze. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Städte wird auch auf die Situation der Juden und die verschiedenen Verfolgungsbewegungen eingegangen. Abschließend folgt ein Überblick über die gesellschaftliche Gruppe des Adels und der Reichsritterschaft, in dem die wichtigsten Adelsgeschlechter vorgestellt werden. Im späten Mittelalter hatte sich Franken mit seiner dichten Adelsgesellschaft zu einem Kerngebiet der Turniergesellschaften entwickelt. Der kurze Aufsatz von Barbara Schick führt mit der Vorstellung der Wandmalereien im Pfalzmuseum in Forchheim in den Ort der Ausstellung ein. Besonders positiv fällt die Bebilderung des Aufsatzteiles ins Auge. Am äußeren Rand, der mit ca. einem Drittel des Satzspiegels außergewöhnlich breit gehalten ist, befinden sich kleine Abbildungen der Exponate, die mit dem Inhalt korrespondieren sowie ein Verweis auf deren Katalognummer. So wurde sinnvoll ein Zusammenhang zwischen historischem Überblick und Katalogteil geschaffen.

Der Katalogteil selbst dokumentiert die neun Abteilungen der Ausstellung, welche nicht den üblichen Stereotypen folgt, sondern mit den Abteilungen „Schreibende Mönche und dichtende Ritter“ sowie „Schalmeien, Trumeln, Zauberharfen“ auch kulturgeschichtliche Akzente setzt. Während die Abteilungen „In der Mitte des Reiches“ und „Franconia sacra“ die politische und kirchengeschichtliche Entwicklung Frankens vom Früh- zum Spätmittelalter thematisieren, konzentrieren sich die Abschnitte „Die Franken kommen“, „Das Herzogtum der Würzburger Bischöfe“ und „Viele Herren und ein Kreis“ auf bestimmten Epochen in der Historie Frankens. Allen Abteilungen ist ein längerer Einführungstext vorangestellt, der die knappen Informationen aus den Aufsätzen klarer ausführt. Die erläuternden Texte zu den einzelnen Exponaten sind durchgängig angenehm ausführlich und gut verständlich. Besonders informativ sind bei einigen Objekten Zeichnungen, welche Herstellung oder Nutzung verdeutlichen (z.B. Kat.-Nr. 10, die Herstellung und Verzierung von Keramik oder Kat. Nr. 22, die Funktion eines Hakenbartschlüssels). Ergänzt werden alle Exponattexte durch Literaturangaben. Besonders erfreulich ist auch die Beigabe von Karten, welche die geographische Orientierung erleichtern (Bistumsgrenzen S. 153, die räumliche Entwicklung Frankens vom Früh- bis zum Spätmittelalter S. 174f. oder die Städtelandschaft Frankens S. 308-312). Bedauerlicherweise fehlen zu einigen Exponaten die Abbildungen sowie einige Karten (Fränkische Klosterlandschaft S. 254, Pilger aus und in Franken), die wohl nur in der Ausstellung zu sehen sind. Zu den wenigen Kritikpunkten, die man an diesem Katalog anbringen möchte, zählen die zum Teil sehr klein gehaltenen Abbildungen. Besonders bei manchen Urkunden ist die Schrift kaum noch oder gar nicht mehr zu entziffern (Kat.-Nrn. 112, 128a). Die Abbildungen selbst sind allerdings durchgehend von hervorragender Qualität.

Der Katalog mit seinen knappen Überblicksbeiträgen wird gewinnbringend ergänzt durch den Aufsatzband „Franken im Mittelalter“, der die Ergebnisse einer im Vorfeld der Ausstellung stattfindenden Tagung präsentiert. In 17 Beiträgen haben sich Archäologen, Philologen, Historiker und Musikwissenschaftler der Geschichte der „Region Franken“ aus unterschiedlichsten Perspektiven genähert. Auch wenn Franken im frühen Mittelalter als francia orientalis ein größeres Gebiet umfasste als das des Fränkischen Reichskreises um 1500, so fragen alle Beiträge nach der Manifestation „Frankens“ in den Quellen sowie seines politischen, administrativen und verfassungsrechtlichen Geltungsbereichs.

Im ersten Teil „Siedlungs- und Verfassungsgeschichte“ untersucht Jochen Haberstroh die „Siedlungsgeschichtliche Entwicklung im frühmittelalterlichen Franken aus archäologischer Sicht“ (S. 3-23), innerhalb derer er nach einer elbgermanischen Besiedlung des Raumes, eine „Frankisierung“ in mehreren Phasen feststellen kann, der ab dem 8. Jahrhundert eine slawische Zuwanderung in mehreren Wellen folgte. Im 9. und 10. Jahrhundert galt die Region als wichtige Kontaktzone zwischen dem Reich und dem Osten. Der Beitrag über „Die germanisch-deutsche und slawische Besiedlung Frankens im Lichte der Ortsnamen“ (S. 25-41) von Robert Schuh knüpft daran inhaltlich an, wobei Schuh in seinem Überblick auch auf Desiderate in der onomastisch-siedlungsgeschichtlichen Forschung hinweist. Der politischen und verfassungsrechtlichen Geschichte Frankens wenden sich die folgenden fünf Beiträge zu. Johannes Merz verfolgt in seinem Aufsatz über „Das Herzogtum Franken. Wunschvorstellungen und Konkretionen“ (S. 43-58) die Entwicklung des „Herzogtum Frankens“, das sich nach langer Entwicklung erst im 14. und 15. Jahrhundert in der Hand der Bischöfe von Würzburg manifestierte und der eine Gleichsetzung von Diözese, Franken und Herzogtum zu Grunde lag. Die Genese Frankens aus wenigen Teilen der ehemaligen francia orientalis sieht Gerhard Lubich in der Untersuchung der „Faktoren der politischen Raumordnung im früh- und hochmittelalterlichen Franken“ (S. 59-81) als Resultat des jahrhundertelangen Wechselspiels zwischen den unterschiedlichen Herrschaftsträgern Königtum, Adel und Kirche. Das weitere Wirken der unterschiedlichen politischen Kräfte untersucht Dieter J. Weiss in seinem Beitrag zu „Reichsgewalt, Reichskirche und Adel in Franken vom Hoch- zum Spätmittelalter“ (S. 83-99), in dem er aufzeigt, wie das Königtum im 11. und 12. Jahrhundert mit Hilfe der Reichskirche und der Reichsministerialität Franken als Königslandschaft beherrschte. Am Ende der Stauferzeit kam es zu einem tiefen Umbruch, der neue politische Kräfte von Adel und Kirche freisetzte. Die Reaktion der verschiedenen Herrschaftsträger auf verfassungspolitische Konflikte und politische Entwicklungen mit Bündnissen unterschiedlichster Art zeigt Klaus Rupprecht mit seinem Aufsatz „Vom Landfriedensbündnis zur Adelseinung: Genossenschaftliche Organisationsformen im spätmittelalterlichen Franken“ (S. 101-119) auf. So wurden in bestimmten Organisationsstrukturen Modelle entwickelt, die auch zu einer zeitweiligen überterritorialen Ordnung Frankens führen konnten. Den lang andauernden Übergang vom Personenverband zum institutionalisierten Flächenstaat, der nicht nur in den wenigen Jahrzehnten um 1500 geschah, zeigt Wolfgang Wüst mit der Untersuchung zu den „politischen Kräften am Übergang zur Neuzeit und ihre Fixierung im spätmittelalterlichen Franken“ (S. 121-147) auf.

Der zweite Teil des Bandes ist unterschiedlichen Aspekten der Geistes-, Kultur- und Sozialgeschichte gewidmet. Auf die Frage nach Zeugnissen für eine gesamtfränkische Identität betont Elke Goez, „Die fränkischen Klöster zwischen kulturellem Transfer und regionaler Sinnstiftung“ (S. 151-166), dass die Klöster zwar in ihrer Organisationsstruktur von außen als zu Franken gehörig definiert wurden, die einzelnen Konvente selbst allerdings einen regional wesentlich differenzierteren Blick und eine räumlich nur sehr begrenzte Wirkmöglichkeit besaßen. Auch Helmut Flachenecker kommt bezüglich der „Landschafts- und Reichsbindung von Städten in Franken“ (S. 167-187) zu dem Ergebnis, dass grundsätzlich die eigenen herrschaftlichen Bindungen vor einer landschaftlichen Zugehörigkeit dominierten und die Bezeichnung fränkisch stets von außen kam. Ausnahmen bildeten lediglich Würzburg im politisch definierten „Herzogtum Franken“ und die Reichsstadt Nürnberg, die ihre Stellung zwischen Franken, Schwaben und Bayern betonte. „Die rechtliche und soziale Stellung der fränkischen Bauern im späten Mittelalter“ (S. 189-217) steht im Mittelpunkt des Beitrags von Erwin Riedenauer. Ein besonders positives Bild von der Region Franken in der deutschen Literatur kann Horst Brunner herausarbeiten, „Franken und Frankenbilder in der deutschen Literatur des Mittelalters“ (S. 219-229). Den „Humanismus in Franken“ (S. 231-246) schätzt Karl Borchardt trotz fehlender Universität in Franken als bedeutenden Bestandteil des oberdeutschen Humanismus ein, der nicht nur von Städten und Bürgern, sondern auch von der Geistlichkeit und dem Adel getragen wurde. „Das Frankenbild in der Würzburger Bischofschronik des Lorenz Fies“ (S. 247-264) entspringt nach der Untersuchung von Thomas Heller der Absicht des Autors, die Viten der einzelnen Bischöfe zu einer ostfränkischen Geschichte auszubauen und damit das „Herzogtumsprogramm“ Würzburgs zu reflektieren, das zwar als geschlossenes Territorium nicht der politischen Realität entsprach, aber als räumliche Bezugsgröße präsent blieb. Dass Franken auch als Kunstlandschaft keine Einheit bildete, zeigt Ernst Schneider in seinem Überblick zu „’Franken’ als Thema der mittelalterlichen Kunst“ (S. 265-277). Lediglich der heilige Kilian vermochte in der Kunst des ausgehenden Mittelalters seine Beschränkung auf Würzburg aufzugeben und als Patron der Franken zu einem Synonym der Region zu werden. Wolfgang Spindler führt in seinem Beitrag “Musikalisches Mittelalter in Franken“ (S. 279-293) aus, dass die Verbreitung und kulturellen Pflege von Musik vor allem in den Klöstern, an den fürstlichen Bischofshöfen und in den Bischofsstädten stattfand. Das im Spätmittelalter aufkommende Gewerbe des Instrumentenbaus weist allerdings darauf hin, dass sich die musikpraktische Betätigung auch beim Volk ausbreitete.

Im dritten Teil des Tagungsbandes widmen sich zwei Beiträge der Wahrnehmung Frankens durch seine Nachbarn. Miloslav Polívka kommt in seinem Aufsatz über „Das Bild Frankens im spätmittelalterlichen Böhmen“ (S. 297-306) zu dem Schluss, dass sich Franken und Böhmen im Mittelalter zu nah und in ihrer Städte- und Dorfstruktur so ähnlich waren, dass keine Notwendigkeit bestand, die Besonderheiten Frankens zu beschreiben. Vielmehr war das Bild Frankens in Böhmen von Politik und Geldgeschäften geprägt. Reinhard Seyboth hebt in seinem Beitrag „Franken in den politischen Konzepten der Wittelsbacher im späten Mittelalter“ (S. 307-321) hervor, dass Franken durch seine fehlende herrschaftliche Geschlossenheit und seine unklaren Grenzen vor allem im 15. Jahrhundert zum bevorzugten Ziel wittelsbachischer Expansionsbestrebungen wurde. Dabei nahmen die bayerischen Herzöge Franken aber nicht als eine räumliche Einheit war. Der Band wird durch ein Verzeichnis der Siglen und Abkürzungen, ein Autorenverzeichnis und Erläuterungen zu den Kartenbeilagen ergänzt.

Der Tagungsband zeigt den aktuellen Stand der Forschung auf und verweist in der Einführung auf den Charakter der Beiträge als Arbeitsberichte (S. IX). Tatsächlich bleiben viele Fragen zur historischen Entwicklung der Region noch offen. Es bleibt zu wünschen, dass Ausstellung und Tagungsband weitere landesgeschichtliche Forschungen zu Franken im Mittelalter anstoßen können.

Rezension von Eva-Maria Butz