17.12.2017 - 01:30:11

Von A bis Z

Alphabetisches Register
Für den schnellen Überblick: Das Schlagwortverzeichnis der Artikel und Rezensionen (nur für Clubmitglieder)

Diwersy, Alfred / Wand, Gisela
Irak - Land zwischen Euphrat und Tigris

Blieskastel: Gollenstein 2001
ISBN 3933389461
444 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 481 Farbfotografien, zahlreiche SW-Textabbildungen, Karte des Irak und eine vierseitige chronologische Übersicht zur Geschichte von 3000 v. Chr. bis in die Gegenwart.
Preis: € 65


Der Bildband Irak - Land zwischen Euphrat und Tigris ist kein Reiseführer und will es auch nicht sein. Man sollte ihn vielmehr als Reisebericht verstehen, als Reportage über die erneute Erkundung eines Landes, das in der jüngeren Vergangenheit zehn Jahre von der restlichen Welt abgeschnitten war, nach zaghaften Versuchen der Öffnung während der Jahre 1999 und 2000 es heute wieder ist und, angesichts der aktuellen politischen Situation, noch lange bleiben wird.

Das Buch bietet dem Leser eine Reise in ein Land, das über Jahrhunderte hinweg die Phantasie europäischer Reisender weckte. Es begleitet ihn in die Vergangenheit des Zweistromlandes, aber auch in eine fremde, teilweise schwer verständliche Gesellschaft der Gegenwart, deren Alltag in hohem Maß vom Islam bestimmt wird, einer Religion, deren Werte zur Zeit mehr denn je vom Westen kritisch beäugt, wenn nicht gar abgelehnt werden.

Das vorliegende Werk führt deutlich die geltenden Vorurteile ad absurdum, indem es Menschen zeigt, die mit ungeahnter Offenheit und Freundlichkeit dem Reisenden entgegentreten, und in einem vom Embargo geprägten Leben noch lachen können, obwohl ihr von Hunger und Entbehrungen gezeichneter Alltag wenig Raum zur Freude läßt. Auch passt es wenig zu den Vorstellungen der westlichen Welt vom "grimmigen" Islam, dass die Autoren, Alfred Diwersy und Gisela Wand, die Möglichkeit bekamen, als nicht Muslime die großen schiitischen Heiligtümer besuchen und sogar ungehindert dort fotografieren zu können.

Aber nicht nur für den am Vorderen Orient interessierten Laien bietet das Buch Informationen und Einblicke, es ist auch für Archäologen ein anschaulich illustriertes Grundlagenwerk mit wissenschaftlich ernst zu nehmenden und gut recherchierten Bildlegenden. Durch die zahlreichen Fotos der rekonstruierten oder restaurierten Bauten in Babylon, Ur und Ninive bekommen gerade junge, auf dieses geographische Gebiet spezialisierte Wissenschaftler die Monumente in einer Lebendigkeit vermittelt, die den trockenen, die Vorstellungskraft strapazierenden Plänen und Schnittzeichnungen der Ausgrabungsberichte fehlt.

Doch ein wissenschaftliches Buch wollten die Autoren nicht schaffen. Allein schon der Aufbau zeigt, dass es sein zentrales Anliegen ist, über die Augen Neugier zu wecken: Herzstück ist eine großartig fotografierte Bildreportage, der ein flüssig und engagiert geschriebener Text vorangestellt ist, und dem kompakte Informationen zu den Abbildungen folgen.

Der Reiz dieses erstaunlichen Bandes entsteht auch dadurch, dass die Autoren mit unterschiedlichen Erfahrungen ans Werk gingen. Alfred Diwersy, passionierter Reisender mit einem intensiven kulturhistorischen und religionsgeschichtlichen Interesse an Ländern von Afrika bis zum fernen Osten, ist ein erfahrener Fotograf, der mit dem vorliegenden Werk nicht das erste Mal die öffentliche Bühne betritt. So erschien 1997, ebenfalls bei Gollenstein, der viel beachtete Bildband Myanmar, Land der goldenen Pagoden.

Gisela Wand teilt als Historikerin mit Diwersy die Neugier an Archäologie, Kunst-, Kultur- und vergleichender Religionsgeschichte, ihr Schwerpunkt jedoch ist das geschriebene Wort. In den Texten des Buches spürt man, dass sie über die Sprache die Beziehungen zwischen den Kulturen erfährt und auch zu beschreiben weiß.

Es gelingt diesem Buch, zwischen den Welten, der geistigen wie der geographischen, zu vermitteln, in Wort und Bild Brücken zu schlagen, wo doch über lange Zeit alle Brücken abgebrochen waren, öffnet mit viel Sensibilität den Blick in eine schwer zugängliche Welt und schürt das Interesse am Unbekannten.

Rezension von Beate Dillmann