03.12.2016 - 18:50:18

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Archäologischer Park Carnuntum
CARNUNTUM - Virtueller Rundgang
unter der Mitarbeit von Manfred Schrenk, Thomas Brus, Heimo Kropf, Uschi Dorau

Wien: Österreichischen Kunst- und Kulturverlag 2000
ISBN 3-85437-135-7
CD-ROM
Preis: öS 199,- / EUR 14,46

In Zeiten, in denen der Computer in immer weitere Bereiche des täglichen Lebens Einzug hält, versucht auch die Archäologie, mittels dieses neuen Mediums, dem interessierten Laien Erkenntnisse des Faches zu vermitteln. Eine hier immer häufiger genutzte Möglichkeit stellt die Anwendung der virtuellen Rekonstruktion von Ausgrabungsbefunden dar, die einerseits im Internet zu finden (wie z. B.

Virtual Wroxeter Roman Fortress, die Rekonstruktion eines römischen Kastells in England), andererseits auf CD-ROM an Museumskassen erwerbbar sind.

Eines dieser Produkte hat nun der Archäologische Park Carnuntum auf den Markt gebracht: einen virtuellen Rundgang durch eine Insula der römischen Stadt an der Donau, 40km östlich von Wien. Realisiert durch die Firma MultimediaPlan.at (Wien) und das Institut für Örtliche Raumplanung der TU Wien wurde die CD vom Österreichischen Kunst- und Kulturverlag produziert.

Was erwartet den Käufer nun auf dieser CD? Ruft man in Windows den Inhalt auf, gelangt man direkt in die virtuelle Tour . Leider haben es die Autoren versäumt im Booklet oder bei Programmstart darauf hinzuweisen, daß der mitgelieferte QuickTime-Player vorher installiert werden muß. Bei allen Rechner, die dieses Programm nicht geladen haben entstehen etwas befremdlich wirkende Bilder. Auf Verpackung und Booklet vermisst man ebenso weitere technische Angaben zum Programm, so z.B. Systemvoraussetzungen oder andere nützliche Hinweise. Allerdings scheint die Programmierung nicht so speicher- und rechnerleistungsaufwendig, so daß man das ganze mit den Mindestanforderungen eines Pentium I mit 75 MHz, 8 MB RAM und einer Soundkarte problemlos betreiben kann.
Zu Beginn des Programmes kann man in einem ersten Menü wählen, ob man vom Bürgermeister (decurio) der antiken Stadt Carnuntum deutsch, englisch oder auf Latein (mit österreichischem Akzent) durch die Stadt geleitet werden möchte - letzteres mit dem nachempfindbaren Eindruck, mit dem ein Muttersprachler aus dem antiken Rom das dialektgefärbte Latein der Provinz gehört haben mag.

Nach getroffener Wahl und Begrüßung durch den Bürgermeister erhält man einen Plan des virtuell besuchbaren Stadtteils vorgelegt - den Ausschnitt der Stadt, der auch vor Ort als archäologischer Park für den Besucher erfahrbar ist. Dem Nutzer wird nun die Möglichkeit offeriert, an fünf verschiedenen Stellen den Rundgang durch die Stadt zu beginnen: bei den Thermen, dem Diana-Tempel, der Südstraße, der Limes-Straße oder einem Wohnhaus.

Auf zwei dieser Bereiche sei hier näher eingegangen: Klickt man als Startpunkt die Therme an, gelangt man via virtuellem Flug in den Zugangskorridor zum Gebäude. Linker Hand sind Umkleideräume mit einzelnen Kammern rekonstruiert, während sich auf der rechten Seite die Latrine befindet. Beide Räume kann man zwar betreten, doch werden bis auf einen Rundblick keine weiteren Informationen gegeben. Dem Gang folgend gelangt man ins eigentliche Bad, das als großer beheizter Raum mit einer Warmwasserwanne und zwei angegliederten Ruheräumen rekonstruiert ist. Hier sind einige Zusammenhänge wie die Funktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum, nicht wie im Text erwähnt Hypocaustus), das Legen von Mosaiken, der Ursprung von Badeschwämmen und Parfümen erklärt. Leider vermisst man eine allgemeine Einführung in den typischen Ablauf eines römischen Bades. Hierfür fehlt der Anlage auch das Kaltwasserbecken, was dem Nutzer leider nicht erklärt wird.

Hinter dem Thermenkomplex liegt die sog. Südstraße, an der entlang einige Häuser mit Handwerkergeschäften zu entdecken sind. So findet sich eine Bäckerei mit rekonstruiertem Ofen, der Arbeitsraum eines Tischlers und ein Töpfer mit seinem Ofen im Hinterhof. In den Werkstätten gibt es viel zu sehen, vor allem an Werkzeugen. Leider sind die wenigsten Gegenstände, bei denen es sich sicherlich um Originalfunde aus der Stadt handelt, dem interessierten Zuschauer erklärt. In der Nachbarschaft zur Töpferei befindet sich ein Weinhändler über dessen Produkt der Bürgermeister erzählt: "Der Wein aus unserer Gegend ist so köstlich, dass ich eigentlich die teuren Sorten von weit her nicht mehr kaufen muss." Man kann hier sicherlich geteilter Meinung sein, ob zu römischer Zeit schon Wein an der Donau angebaut wurde, doch war der dann für den typischen Geschmack dieser Zeit zu schlecht - man zog sicherlich den Wein aus südlicheren Gefilden sicherlich vor.

Allgemein kann gesagt werden, dass die Rekonstruktion der Gebäude auf einer guten fachlichen Grundlage stehen. Über kleinere Details kann hier sicherlich gestritten werden. Leider wirken die Rekonstruktionen im allgemeinen sehr steril. Hier fehlt es sicherlich nicht nur an den Menschen, die die Straßen beleben würden (diese sind wahrscheinlich nur schwer einzubinden). Auch die Häuser selbst sind sehr monoton gezeichnet. Dies steht im Gegensatz zu der Gestaltung der Häuserfronten mit Werbesprüchen oder Wahlaufrufen, wie wir sie von den vollständig erhaltenen Hauswänden aus Pompeji kennen. Zusätzlich würde man sich weitere belebende Elemente wünschen. Da hilft auch die Videosequenz einer römischen Modenschau wenig, die im Archäologischen Park aufgezeichnet wurde.

Und noch eine Bemerkung zur Person des Bürgermeisters: Es ist sicherlich eine nette Idee, einen der Bürgermeister als Führer durch die Stadt zu engagieren und ihn auch noch in drei verschiedenen Sprachen sprechen zu lassen. Wenn man sich jedoch schon um originalgetreues Aussehen eines Duumviren bemüht, sollte man den Schnäuzer weglassen und ihn römisch mit Vollbart oder glattrasiert darstellen. Außerdem trug ein Bürgermeister in Carnuntum sicherlich keinen Purpurstreifen am Togarand. Dieses Würdezeichen war ausschließlich den Senatoren in Rom vorbehalten.

Fazit:

Die Virtuelle Tour durch Carnuntum gibt einen Einblick in ein Stadtviertel der römischen Stadt. Dabei wurde mit großer Mühe versucht, die Bausubstanz in diesem Bereich zu rekonstruieren. Gelingt dies insgesamt noch recht gut, wird beim Benutzer an vielen Stellen durch weitere Räume und dargestellte Gegenstände eine Neugierde geweckt, die leider nicht befriedigt werden kann. Diese zusätzlichen Bereiche sind nicht zu betreten und nur wenige Funde werden näher erläutert.

Daraus vor allem ergibt sich die Frage, wen diese Animation ansprechen soll: den interessierten Laien oder den Fachmann, Erwachsene oder Jugendliche? Ursprünglich programmiert für die Nutzung im Archäologischen Park selbst wirft diese CD für den Interessierten viele Fragen auf, die sie leider nicht beantwortet. Vor dem archäologischen Befund selbst erhält man die Informationen direkt, doch für eine "Nachbereitung" eines Besuches hinterlässt die CD doch ein gewisses Defizit. Vielleicht ist sie dem zukünftigen Besucher von Carnuntum zu empfehlen, der vorbereitet durch diese CD mit anderen Augen durch den archäologischen Park wandelt.

Rezension von Thomas Becker