16.12.2017 - 19:43:56

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Glas des Mittelalters und der Renaissance. Die Sammlung Karl Amendt

Baumgartner, Erwin

Mit einem Beitrag von Helmut Ricke.

Düsseldorf: museum kunst palast 2005
295 Seiten, 182 SW- und Farb-Abbildungen, 177 farbige Tafeln, 1 Formentafel.
ISBN 3-9809060-1-9
Preis: € 47,50.

Die Sammlung des Krefelder Architekten Karl Amendt gehört zu den schönsten und wichtigsten Sammlungen vor allem mittelalterlicher aber auch frühneuzeitlicher Gläser, die in Nord- und Mitteleuropa zu sehen sind. Dass die über 200 wertvollen Stücke als langfristige Dauerleihgabe im unlängst neu gestalteten Glasmuseum Hentrich des "museums kunst palast" in Düsseldorf auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, ist nicht nur der Philosophie Amendts, sondern ebenso der internationalen Reputation von Dr. Helmut Ricke zu danken. Ricke hat mit großer Kompetenz und ästhetischem Feingefühl das Glasmuseum Hentrich zu einem der wichtigsten Zentren für historisches Glas in Europa geführt, wodurch die Sammlung Amendt einen Ausstellungsrahmen erhält, der ihrer Bedeutung absolut gerecht wird. Das zweisprachige (Deutsch/Englisch) Katalogbuch entstand anlässlich der Ausstellungen im Finnischen Glasmuseum Riihimäki und im Grünen Gewölbe der Tonhalle des Glasmuseums Hentrich.

Das Buch ist klar gegliedert und flüssig lesbar. Auf "Vorwort" und "Dank" (Seite 6-15) folgen die Beiträge von Helmut Ricke "Glas des Mittelalters und der Renaissance" (Seite 16-38) und Erwin Baumgartner "Zur Bearbeitung der Gläser der Sammlung Karl Amendt" (Seite 39-63). Das Herzstück der Publikation bilden schließlich die "Tafeln mit Kurztexten" (Seite 64-242) und der "Katalog" (Seite 243-288), den Abschluss die "Gekürzt zitierte Literatur" (Seite 288-292) und drei "Formentafeln" (Seite 293-295). Die zweiteilige Präsentation der Ausstellungs-Objekte ist außerordentlich gelungen. Auf diese Weise erhält in "Tafeln mit Kurztexten" jedes Exponat eine eigene Seite mit kurzem Steckbrief, was hohe Übersichtlichkeit und Erstinformation ermöglicht. Im "Katalog" schließlich steht im wahrlich Kleingedruckten alles weitere Wissenswerte zu den einzelnen Gläsern. Dabei ist jederzeit ein Wiederfinden des betreffenden Stückes im Katalog gewährleistet, da hier jedem Objekt/Objekttext neben der Objekt-Nummer ein verkleinertes Schwarz-Weiß-Bild vorangestellt ist. Leider gilt dies nur für die älteren Exponate (Nummer 1-167), bei den jüngeren Gläsern (Nummer 168-201) wird auf einen ausführlichen Katalog verzichtet. Die optische Aufbereitung der Abbildungen und Farb-Tafeln ist als vorzüglich hervorzuheben. Sämtliche Fotos des Neusser Fotografen Horst Kolberg sind von höchster Güte und Brillanz sowie mit exzellenter Tiefenschärfe aufgenommen, so dass auch kleinste Details gut zu erkennen sind. Der ebenso sachliche wie ästhetisch ansprechende graue Verlaufs-Hintergrund für jedes Exponat ist sehr gut gewählt und verleiht dem Katalog Eleganz und Ruhe.

Mit dem Katalogbuch gelingt die hervorragende Präsentation einer bedeutenden Sammlung, die ihresgleichen sucht. Gleichwohl soll auf zwei Punkte hingewiesen werden, die den wissenschaftlichen Wert der Publikation betreffen. Es ist Karl Amendt hoch anzurechnen, dass er mit Wissen und Spürsinn sowohl exklusive Prunk- wie massenhaft produzierte Gebrauchsgläser sammelt (und damit einen wirklich realen Einblick in die Glaswelt des 13. bis 17. Jahrhunderts gewährt), doch sind die durchgängig nur vagen Angaben zu Fundumständen und Provenienz der Stücke wenig aussagekräftig. Dies ist ein Manko, unter dem – umständehalber - die meisten Kollektionen leiden, die in erster Linie über den Kunstmarkt zusammengetragen wurden. So sind vornehmlich Archäologen aufgefordert, bei der Auffindung von Parallelfunden und Kenntnis der Fundzusammenhänge weitere Hinweise für die Krefelder Stücke zu liefern. Dessen ungeachtet sollen Wert und Einzigartigkeit der Sammlung Amendt hier nochmals unterstrichen werden.

Wer sich mit mittelalter- und frühneuzeitlichem Glas beschäftigt weiß, dass bereits in den Jahren 1987/1988 die Sammlung Karl Amendt im Rotterdamer Museum Boymans-van Beuningen und auf der Veste Coburg vorgestellt wurde. Dazu erschien das Katalogbuch "Erwin Baumgartner, Glas des späten Mittelalters. Die Sammlung Karl Amendt". Beim direkten Vergleich der 18 Jahre auseinander liegenden Publikationen stellt man schnell fest, dass bis auf kleine Umstellungen oder Ergänzungen die Texte von Helmut Ricke als auch von Erwin Baumgartner zumeist wortwörtlich in die neue Ausgabe übernommen wurden. Das mag für allgemeingültige Passagen (bedingt) statthaft sein, nicht jedoch, wenn beispielsweise Forschungslücken genannt werden, bei denen sich zwischenzeitlich sehr viel getan hat. So ist unter anderem zu beanstanden, dass auf den Seiten 49-52 unkritisch und mit gleichem Wortlaut wie 1987 (Seite 29-31) das angebliche Desinteresse der "offiziellen Archäologie" am Glas wiederholt wird. Überhaupt fällt auf, dass (glas)archäologische und naturwissenschaftliche Literatur deutlich unterrepräsentiert sind; zudem scheinen einige vorgestellte Exponate auf dem Forschungsstand 1987/1988 eingefroren worden zu sein. Bedauerlich ist weiterhin, dass die Gläser mit den Nummern 168-201 keinen eigenen Katalogteil erhielten, denn "...sie zählen nicht mehr zum von Erwin Baumgartner bearbeiteten Kernbestand der Sammlung..." (Seite 210). Erläuterungen zu diesen Objekten finden sich hier lediglich als Kurztexte, wobei auffällt, dass keinem Glas aus dieser Gruppe Parallelstücke nach 1994 (Harold. E. Henkes, Glas zonder glans. Rotterdam 1994) zugeordnet werden. Die bisweilen fehlende Aktualisierung des Forschungsstand ist jedoch weder Herrn Baumgartner noch Herrn Ricke anzulasten; sie ist in dem knappen Budget begründet, das für eine Neubearbeitung zur Verfügung stand.

Fazit: Die überarbeitete und erweiterte Neuauflage des Katalogbandes aus dem Jahre 1987 ist eine wichtige, informative, überaus ansprechende und daher besitzenswerte Publikation, die eine sehr anspruchsvolle Sammlung präsentiert und, mit kleinen Einschränkungen, einen kompetenten Einblick in die Formenwelt mittelalterlicher Glasgefäße vermittelt.

Rezension von Peter Steppuhn
19.2.2008